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Leben und Lernen

Lehrer und Wissenschaftler in der Türkei

"Vernichtung des freien Geistes"

Sie dürfen nicht mehr unterrichten, nicht mehr lehren, nicht mehr reisen: Die türkische Regierung geht mit aller Härte gegen Lehrer und Wissenschaftler vor - Unis sollen ihre Mitarbeiter denunzieren.

Getty Images/imageBROKER

Istanbul Universität

Von , und
Mittwoch, 20.07.2016   18:04 Uhr

Der Präsident der deutschen Hochschulrektorenkonferenz ist entsetzt: Die Nachrichten aus der Türkei deuten für ihn darauf hin, dass es "um systematische Einschüchterung und um die Vernichtung des freien Geistes" gehe, teilte Horst Hippler am Mittwoch mit.

Zehntausende türkische Beamte wurden bereits in den vergangenen Tagen suspendiert und Tausende Menschen inhaftiert, vor allem Soldaten, weil sie angeblich eine Verbindung zu Fethullah Gülen haben sollen. Gülen soll aus Sicht von Präsident Recep Tayyip Erdogan den Putschversuch angezettelt haben, er bestreitet dies jedoch.

Inmitten der landesweiten Aktion gegen angeblich verdächtige Putschisten oder Unterstützer von Putschisten hat die türkische Regierung nun auch radikale Maßnahmen für den Bildungssektor beschlossen:

15.000 Beamte im Bildungsministerium wurden suspendiert, darunter Verwaltungsmitarbeiter und Lehrer an staatlichen Schulen. Zudem wurde 21.000 Privatschullehrern die Lehrberechtigung entzogen - auch sie dürfen also nicht arbeiten. Ihnen werden Verbindungen zu den Putschisten und zur Gülen-Bewegung vorgeworfen, die zahlreiche Privatschulen betreibt.

1577 Hochschuldekane wurden zum Rücktritt gezwungen, davon waren 1176 an staatlichen Universitäten beschäftigt, 401 an privaten Universitäten. Zudem wurden bereits mehrere Uni-Rektoren - die allesamt einmal vom Staatspräsidenten ernannt worden waren - suspendiert. Betroffen sind laut "Hürriyet Daily News" die Rektoren der Technischen Hochschule Yildiz sowie Gazi, Dicle und Yalova. Als Grund nannte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, dass der Erfolg mehrerer laufender Ermittlungen nicht gefährdet werden solle. In einem ähnlichen Fall wurden auch 95 Wissenschaftler der Universität Istanbul in den Zwangsurlaub geschickt.

In einem Schreiben forderte der Hochschulrat die Rektoren aller Universitäten außerdem auf, ihre Mitarbeiter in Wissenschaft und Verwaltung daraufhin zu überprüfen, ob sie persönliche Verbindungen zu der Gülen-Bewegung haben. Das gelte auch für ausländisches Lehrpersonal. Der Hochschulrat forderte die Rektoren auf, ihm die Ergebnisse ihrer Überprüfungen bis zum 5. August zu schicken.

Bereits vor dem Putschversuch beklagten Uni-Mitarbeiter das harsche Vorgehen der Regierung: "So ist es um die Freiheit von Lehre und Forschung bestellt - ein kritisches Wort, eine Denunziation und aus", berichtete eine Professorin SPIEGEL ONLINE.

Nun werden die Maßnahmen noch drastischer: Für alle Wissenschaftler und Lehrpersonen an türkischen Unis hat der Hochschulrat am Mittwoch Dienstreisen ins Ausland untersagt, dazu zählen zum Beispiel Forschungsreisen, -aufenthalte oder Stipendien. Dozenten im Ausland ohne zwingenden Aufenthaltsgrund wurden aufgefordert, baldmöglichst in die Türkei zurückzukehren.

Regierung will "Flucht in Universitäten" verhindern

Hochschullehrer besitzen - wie auch Lehrer und andere Staatsbedienstete ab einem gewissen Rang - sogenannte grüne Pässe, mit denen sie ohne Visum im Schengenraum reisen dürfen. Offenbar dürfen diese Besitzer von grünen Pässen zurzeit gar nicht ausreisen, es sei denn, sie haben eine Sondergenehmigung. Aus Regierungskreisen hieß es, es handele sich um eine vorübergehende Maßnahme. Damit solle die Flucht von "mutmaßlichen Komplizen der Umstürzler in Universitäten" verhindert werden.

Jetzt berät Erdogan das weitere Vorgehen mit dem nationalen Sicherheitsrat. Dabei würden wichtige Entscheidungen getroffen, hat er angekündigt - Beobachter fürchten, dass Entlassungen erleichtert werden.

Die deutsche Bildungsministerin Johanna Wanka kritisierte insbesondere das Vorgehen gegen Hochschulpersonal: "Freiheit in Bildung, Wissenschaft und Forschung ist ein Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft", sagte die CDU-Politikerin. Die Entlassung von Lehrern, Rücktrittsaufforderungen an Hochschulrektoren und die Ausreiseverbote widersprächen rechtsstaatlichen Prinzipien.

Mit Material von dpa und AFP

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