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Leben und Lernen

"Gravierende Mängel"

Chef der Hochschulrektoren sieht Studierfähigkeit von Abiturienten eingeschränkt

Sie könnten schlechter rechnen, und lesen wollten viele auch nicht mehr: Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt, hat seinen Unmut über angehende Studenten zum Ausdruck gebracht.

DPA

Abiturienten eines Gymnasiums in Rostock (Archivbild)

Dienstag, 18.06.2019   13:56 Uhr

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) hat massive Wissenslücken bei Abiturienten beklagt. "Es gibt gravierende Mängel, was die Studierfähigkeit zahlreicher Abiturienten angeht", sagte Peter-André Alt den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. "Wir leben in der Fiktion, dass mit dem Abitur die Voraussetzungen für das Studium erfüllt sind."

Häufig stimme das nicht, das gelte besonders für die Fächer mit Mathematik als Grundlage, sagte Alt. "Die Studienanfänger erfüllen die Voraussetzungen deutlich schlechter als früher."

Im Mai hatten sich bundesweit Zehntausende Abiturienten über die diesjährigen Matheprüfungen beschwert. Sie seien zu schwer gewesen. Einige Bundesländer zogen daraufhin Konsequenzen: In Hamburg etwa darf ein Teil der Schüler eine zusätzliche mündliche Prüfung in Mathematik ablegen. Im Saarland sollte eine leicht "mildere" Bewertungstabelle dafür sorgen, dass Arbeiten anders gewertet werden.

In Sachen Textverständnis und Schreibfähigkeiten gebe es ebenfalls kritische Rückmeldungen aus den Hochschulen, sagte HRK-Präsident Alt, der selbst Literaturwissenschaftler ist. Die HRK vertritt 268 staatliche und staatlich anerkannte Hochschulen. In seinem Fach werde es immer schwieriger, Studenten in Seminaren zum Lesen zu bringen, so Alt. "Da hat es offenbar eine erhebliche Verschlechterung innerhalb der letzten fünf Jahre gegeben."

Als eine Ursache bezeichnete er die veränderten Lesegewohnheiten in Zeiten der Digitalisierung. Alt plädierte dafür, dass Eltern und Schule darauf bestehen, das Handy auch einmal für längere Zeit auszuschalten.

nil/dpa/AFP

insgesamt 121 Beiträge
OlliFussballfan 18.06.2019
1. Und gleichzeitig...
gibt es von Jahr zu Jahr immer mehr Einser-Abiturienten!
gibt es von Jahr zu Jahr immer mehr Einser-Abiturienten!
hans-henning 18.06.2019
2. Recht hat er
Diese Beobachtung ist besorgniserregend, aber leider nicht überraschend. In dieser auf schnelle Zusammenfassungen im Netz als Informationsquelle orientierten Zeit bezweifle ich allerdings, dass der Appell mehr zu lesen [...]
Diese Beobachtung ist besorgniserregend, aber leider nicht überraschend. In dieser auf schnelle Zusammenfassungen im Netz als Informationsquelle orientierten Zeit bezweifle ich allerdings, dass der Appell mehr zu lesen beherzigt werden wird. Kein gutes Zeichen für unsere Kultur!
Aktinionär 18.06.2019
3. Tut mir leid
Mir tut es vor allem für die Erstsemester leid, die dann realisieren wie wenig sie trotz guter Noten eigentlich können. Man kann Schülern ruhig mehr Stoff zutrauen. Der Trend geht in eine völlig falsche Richtung immer [...]
Mir tut es vor allem für die Erstsemester leid, die dann realisieren wie wenig sie trotz guter Noten eigentlich können. Man kann Schülern ruhig mehr Stoff zutrauen. Der Trend geht in eine völlig falsche Richtung immer oberflächlicher und weniger zu unterrichten, obwohl es in Zeiten des Internets noch nie so einfach war komplexe Sachverhalte zu lernen. Die gleichen Schüler, die noch nie ein Ungleichungszeichen gesehen haben, verstehen oft komplexe Zusammenhänge in Echtzeit beim Videospielen. Wieso also Ihnen Mathematik vorenthalten?
interjector 18.06.2019
4. ...und es hat trotzdem bisher gut funktioniert
Als ich zum ersten Mal studiert hatte (vor 30 Jahren), haben sich bei uns nun einige Professoren über die ungenügende Vorbereitung der Schulen auf das Studium mokiert - und Unternehmen über die schlechte Vorbereitung der jungen [...]
Als ich zum ersten Mal studiert hatte (vor 30 Jahren), haben sich bei uns nun einige Professoren über die ungenügende Vorbereitung der Schulen auf das Studium mokiert - und Unternehmen über die schlechte Vorbereitung der jungen Absolventen im Studium auf die Anforderungen der beruflichen Realität. Sollten die Hochschulen und Universitäten also dem Digitalisierungstrend folgen oder die Schulen? Ich glaube nicht, dass dies ein ernst gemeinte Frage sein kann. Mir scheint dies eher eine Rückwärtsverteidigung zu sein, sich unter Druck ändern zu müssen.
winterfeldplatz 18.06.2019
5. Zu viele Experimente
Wenn ich mir im Kreis der Familie, bei Verwandten, Bekannten oder Freunden anschaue, wie in den verschiedenen Schultypen jahrzehntelang Experiment auf Experiment folgte, so sind diese Ergebnisse nicht weiter verwunderlich. Ob [...]
Wenn ich mir im Kreis der Familie, bei Verwandten, Bekannten oder Freunden anschaue, wie in den verschiedenen Schultypen jahrzehntelang Experiment auf Experiment folgte, so sind diese Ergebnisse nicht weiter verwunderlich. Ob Anlauttabelle, jahrgangsübergreifender Unterricht oder verkürzte Schulzeit. Alles Ideen mit teilweise frappierenden Folgen für die Kinder und Jugendlichen. Dazu kommt ein eklatanter Mangel an Lehrkräften und viele ausgefallenen Schulstunden. Wie soll ein Gymnasiast ein ordentliches Abitur in Englisch ablegen, wenn über ein Jahr kein Englischunterricht stattfindet usw. usw. Nur diese Erkenntnisse sind inzwischen schon Jahrzehnte alt. Die Bildungspolitik tut wieder mal nichts. Bei meinen Studierenden sehe ich neben den fehlenden Schriftsprachlichen Fähigkeiten auch mangelnde Reife. Wer mit 17 schon beginnt zu studieren, hat einfach noch nicht die organisatorischen Fähigkeiten eines Zwanzigjährigen. Zudem müssen Mami oder Papi immer noch Unterschriften leisten. Aber der Staat möchte Menschen rasch in die Produktionskette integrieren. Intelligente, kritische Menschen sind nicht gefragt. Konsumenten von Medien und Waren jedoch schon.

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