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Leben und Lernen

Proteste gegen schwieriges Abitur

"Jeder Mensch kann Mathe verstehen"

Nachhilfe per App: Mehr als 300 Millionen Mal wurden die Videos von Simpleclub geklickt. Die Gründer Alexander Giesecke und Nicolai Schork finden: Mathematik sollte nicht trocken an der Tafel erklärt werden.

Ingo Wagner / DPA

Lernen fürs Mathe-Abitur: Für viele Schüler eine große Herausforderung

Ein Interview von Lara Jäkel
Freitag, 10.05.2019   07:12 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Giesecke, unter Ihren Videos liest man viele positive Kommentare von Schülern, die ihre Matheaufgaben nun endlich verstanden haben. Was machen Sie besser als ein Mathelehrer?

Alexander Giesecke: Das Wichtigste ist, dass wir alles auf Augenhöhe erklären. Wir versetzen uns in die Schüler hinein und erklären es so, wie sie es gern von einem Kumpel hören würden. Dadurch merken sie: Das ist gar keine Raketentechnik, die ich hier lernen muss, sondern etwas, das ich verstehen kann. Dadurch steigt auch die Motivation. Der zweite wichtige Punkt sind anschauliche Beispiele. Man muss erst mit einfachen Beispielen anfangen, selbst wenn die das Thema am Anfang noch nicht perfekt darstellen. Mit der Definition anzufangen und erst ganz am Ende Beispiele zu nennen, ist der dümmste Weg, etwas zu erklären.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Schork, sind die Proteste gegen das diesjährige Mathe-Abitur gerechtfertigt?

Nicolai Schork: Wenn sich die Schüler so vehement beschweren, gibt es ja offenbar eine Diskrepanz zwischen dem Level im Abitur und dem, was in der Schule beigebracht wurde. Weil das viele Leute so sehen - und vor allem auch die, die eigentlich gut in Mathe sind - glaube ich, dass die Kritik berechtigt ist. Am Ende ist die Schule dafür verantwortlich, die Schüler auf das Abitur vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Also sind vor allem die Lehrer schuld, dass die Schüler Schwierigkeiten mit den Aufgaben hatten?

Schork: Jein. Wir sind da vorsichtig, die Schuld einfach auf die Lehrer zu schieben, weil es den Lehrern gegenüber unfair ist, die richtig gut sind. Das ist wie bei jedem Job - man darf nicht verallgemeinern. Ich glaube, es ist eine Kombination aus mehreren Dingen. Welcher Schüler hat in der Mittelstufe schon Bock, Mathe zu lernen? In dem Alter hast du deutlich Besseres zu tun. Bei vielen - außer bei den Topmotivierten - passiert es dann eben, dass sie aussetzen, weil sie sich nicht dafür interessieren. Später, wenn es dann ans Abi oder den Abschluss geht, merken sie plötzlich, dass sie große Lücken haben. Die dann alle aufzufrischen, das ist das große Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann Matheunterricht interessanter gestaltet werden? Sollten Lehrer ab jetzt lieber Videos drehen, um ihre Schüler zu motivieren?

Giesecke: Ich glaube, Videos zu drehen ist nicht der Kern der Sache. Die Schüler lernen nicht unbedingt deswegen mit uns besser, weil wir Videos machen, sondern durch die Art und Weise, wie wir es machen. Ich glaube, als Lehrer sollte man zuerst mit anschaulichen Dingen anfangen und vielleicht auch mal ein Video zeigen. Das Problem, dass man in der Mittelstufe keinen Bock auf Mathe hat, ist schwer zu lösen. Aber wenn ein Lehrer die Schüler mit Beispielen abholt, bevor er etwas erklärt, ist das schon mal deutlich besser, als Mathe trocken an der Tafel zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Simpleclub noch in der Schulzeit gegründet. Lag das daran, dass Ihre Lehrer den Schulstoff so schlecht vermitteln konnten?

Schork: Wir selbst hatten sowohl gute als auch schlechte Lehrer. Aber das war eigentlich nicht der initiale Zünder für uns. Es war eher so, dass wir gesehen haben: Keiner hat Bock auf Mathe, und es wird auch nirgendwo cool erklärt. Wir haben versucht, dieses Problem zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Kann jeder Mathe lernen, oder gibt es auch hoffnungslose Fälle?

Giesecke: Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass jeder Mensch auf der Welt alles in Mathe verstehen kann. Am Ende geht es darum, wie ich auf dem Wissensstand aufbauen kann, den jemand vorher hat. Ein kleines Gedankenspiel: Angenommen, man würde heute die Schule komplett neu erfinden. Dann würde man niemals auf die Idee kommen, eine einzelne Person vor 30 Leute zu setzen und ihr die Verantwortung zu übergeben, dass es am Ende alle verstanden haben. Weil das eigentlich auch unmöglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten Schüler stattdessen lernen?

Giesecke: Besser wäre es, jedem Schüler Aufgaben zu geben, die zu seinem Leistungsstand passen und die Anforderungen nach und nach zu steigern. Wir haben das sogar noch weiter gedacht mit unserer App. Da kann man sich vor der Klausur automatisch einen Lernplan erstellen. Dafür beantwortet man ein paar Fragen, und dann erstellt sich der Lernplan genau um den Wissenstand herum, den man gerade hat. In Zukunft wird das Lernen noch viel intelligenter, nicht nur bei uns. Digitale Bildung ist der Schlüssel, um jeden Schüler einzeln abzuholen.

Mathe-Nachhilfe von "simpleclub": Stochastik anschaulich erklärt

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