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Leben und Lernen

Schulleiterin nach Mobbingvorwürfen

"Manche Kinder laufen wie kleine Polizisten über den Schulhof"

Seit eine elfjährige Schülerin starb, ist die Hausotter-Grundschule in Berlin in Verruf geraten. Rektorin Daniela Walter wehrt sich gegen Mobbingvorwürfe - und erzählt, was der Tod des Mädchens mit ihrer Schule gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE
Ein Interview von
Samstag, 02.03.2019   12:09 Uhr

Flugzeuge röhren im Minutentakt über das rote Ziegelgebäude der Hausotter-Grundschule, der Flughafen Tegel ist nicht weit. Drinnen blättert der Lack vom Treppengeländer, auch der Teppich im Flur vor dem Sekretariat hat schon bessere Tage erlebt.

Doch in der Grundschule im Berliner Stadtteil Reinickendorf hat kaum jemand Zeit, sich über den Zustand des Gebäudes Gedanken zu machen. Seit eine Fünftklässlerin vor einem Monat verstarb, sind alltägliche schulische Sorgen hier in den Hintergrund gerückt.

Der Tod des Mädchens katapultierte die Hausotter-Grundschule bundesweit in die Schlagzeilen. In mehreren Artikeln hieß es, Mitschüler hätten das Kind gemobbt. Danach habe es sich selbst so schwer verletzt, dass es starb.

Die Schulleiterin Daniela Walter, 46, bittet in ihr Büro. Sie sagt, sie wolle etwas geraderücken.

SPIEGEL ONLINE: Frau Walter, was haben die Mobbingvorwürfe mit der Klasse des Mädchens gemacht?

Walter: Ich kenne diese Schüler. Es ist so entsetzlich, dass Medien berichtet haben, sie hätten das Mädchen in den Tod getrieben. Wir sind immer noch jeden Tag damit beschäftigt, das aufzufangen. Manche Kinder laufen wie kleine Polizisten über den Schulhof und schauen, wer mit dem Mädchen Probleme gehabt haben könnte und wen sie des Mobbings beschuldigen können. Auch in Klassenchats werden Schülerinnen und Schüler seither als Mobbingtäter hingestellt. Ich möchte dann schreien: Stopp, es war kein Mobbing!

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Hausotter-Grundschule in Berlin: 500 Kinder aus 40 Nationen

SPIEGEL ONLINE: Das haben Sie am Donnerstag auch in einer Anhörung im Abgeordnetenhaus gesagt. Wie können Sie sich so sicher sein?

Walter: Die Schülerin war sehr ruhig. Sie ging anfangs in die Sprachheilklasse, weil sie einen Sprachfehler hatte. Sie brauchte lange, bis sie Freundschaften schloss und sie hat sich ihren Lehrern und wohl auch ihren Eltern gegenüber nicht geöffnet. Ich kann nicht sagen, was bei ihr zusammengekommen ist. Doch Mobbing bedeutet, dass stärkere Schüler einen schwächeren über eine längere Zeit immer wieder attackieren. Das war in diesem Fall nicht sichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Es hieß, zwei Mädchen hätten die Schülerin in der vierten Klasse gemobbt.

Walter: Es gab zwei Schülerinnen, die in der Klasse das Sagen haben wollten. Das war kein typisches Mobbing, und der Terz richtete sich auch nicht gezielt gegen das verstorbene Mädchen. Ich habe getan, was wir in solchen Fällen immer tun: Ich habe die Klassenleitung, die Eltern und unsere Sozialarbeiter an einen Tisch geholt und wir haben gemeinsam überlegt, wie man die Situation durchbrechen kann. Die Mädchen sind dann nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gewechselt.

SPIEGEL ONLINE: War danach Ruhe?

Walter: Ja, seit Beginn des fünften Schuljahrs hat sich das Miteinander in der Klasse sehr verbessert. Auch die verstorbene Schülerin hatte dort Freunde. Ich habe ihre Lehrer gefragt, ob an dem Montag, bevor sie starb, in der Schule etwas vorgefallen sei. Sie hatte eine gute Musikstunde und auch dem Mathelehrer war nichts aufgefallen. Im Sportunterricht haben ihre Mitschüler sogar applaudiert, als sie an einer Stange geturnt ist.

SPIEGEL ONLINE: Studien zeigen, dass Lehrer Mobbing häufig übersehen.

Walter: Wenn Kollegen sie in der Pause angesprochen haben, weil sie manchmal allein auf dem Hof stand, hat die Schülerin nie gesagt, dass sie sich nicht gut fühle oder nicht mehr könne. Auch ihre Eltern hatten in den vergangenen zwei Jahren keinen Kontakt zur Schulleitung aufgenommen. Natürlich fragen wir uns, ob wir etwas verpasst haben. Ich muss einen Weg finden, damit zu leben, dass ich darauf wohl keine Antwort bekommen werde.

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SPIEGEL ONLINE: Manche Eltern glauben zu wissen, dass Mobbing hinter dem Tod des Mädchens steckt - und dass Sie dem Problem an der Schule nicht entschieden genug begegnet seien. Ein Vater wandte sich deshalb an die SPD Reinickendorf, die daraufhin den Anti-Mobbing-Aktivisten Carsten Stahl mobilisierte.

Walter: Und damit rollte eine Lawine los, die mit dem Tod des Mädchens nichts zu tun hatte. Das Schlagwort "Mobbing" wird seither über alles drübergestülpt. Ich kann nicht verstehen, warum der Vater mich nicht direkt angesprochen hat, wenn er offenbar ein Mobbingproblem an unserer Schule wahrgenommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Elternschaft ist tief gespalten, einige Eltern haben Sie massiv angegriffen. Wie geht es Ihnen?

Daniela Walter: Die Ereignisse sacken ein bisschen, aber es ist immer noch eine Berg- und Talfahrt, und im Moment geht es mir nicht gut. Wir versuchen, unseren Alltag zu bestreiten, doch zu meiner eigentlichen Arbeit komme ich kaum. Viele Eltern haben Gesprächsbedarf. Und ich bin immer noch fassungslos, welche geballte mediale Ladung uns getroffen hat. Es wurde viel berichtet, was gar nicht stimmt. Dass sich Menschen, die mich und unsere Schule gar nicht kennen, solch ein verheerendes Urteil erlauben, macht mich wütend.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie vom Tod der Schülerin erfahren?

Walter: Ihre Eltern haben der Klassenlehrerin am Dienstagmorgen eine Nachricht aufs Handy geschickt, dass das Mädchen im Krankenhaus liege. Es muss also am Montagnachmittag oder -abend nach der Schule etwas passiert sein. Ich weiß nicht, was genau. Die Eltern wollen darüber bis heute nicht sprechen. Am Dienstagnachmittag schrieben sie der Lehrerin, dass ihre Tochter verstorben sei.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Walter: Ich habe es kurz darauf auf dem Heimweg erfahren und sofort die Schulaufsicht informiert. Schulen haben einen Notfallordner, in dem Punkte aufgelistet sind, die wir in einem solchen Fall abarbeiten. Nach zehn Minuten hatte ich den schulpsychologischen Dienst am Telefon, der am Tag darauf vier Psychologen an die Schule schickte. Um Viertel nach sieben morgens saß unser Krisenteam - also die Schulleitung, vier Lehrkräfte, die Sekretärin und der Schulhausmeister - mit den Psychologen zusammen. Meine Konrektorin rief danach bei der Familie an, um unser Beileid auszusprechen. Die Eltern wollten zunächst überhaupt nicht, dass wir mit den Schülern über den Tod reden.

SPIEGEL ONLINE: So etwas lässt sich aber doch nicht verheimlichen.

Walter: Am Mittwochnachmittag hörte ich, dass einige Kinder davon wissen und wir merkten, dass sich die Nachricht verbreitet, ohne dass wir das steuern können. Am Donnerstagmorgen telefonierten wir wieder mit den Eltern, erklärten ihnen die Situation und baten darum, dass wir die Schüler informieren dürfen. Das haben wir dann am Donnerstagvormittag mithilfe der Psychologen und unserer Sozialarbeiter getan.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Mitschüler des Mädchens reagiert?

Walter: Kinder so zu erleben… (Walters Stimme bricht, sie ringt um Fassung.) Manche haben laut losgeweint, bevor ich ausgesprochen hatte. Manche haben nichts gesagt, manche haben am ganzen Körper gezittert. Wir sind mit ihnen spazieren gegangen, haben gemalt und gebastelt. Ein Junge hat ein Geschenk hervorgeholt, das ihm das Mädchen gemacht hatte: eine selbstgemalte Manga-Figur mit Engelsflügeln. Wir haben die Kinder mittags abholen lassen und ihnen einen Elternbrief mitgegeben. Manche Eltern, von denen wir wussten, dass ihre Kinder das Mädchen gut kannten, haben wir direkt angerufen.

SPIEGEL ONLINE: Der Elternbrief sorgte für Ärger.

Walter: Die Eltern des Mädchens hatten uns den genauen Wortlaut vorgegeben. Wir sollten nur schreiben, dass ihre Tochter im Krankenhaus verstorben sei. Daran haben wir uns gehalten. Aber einige andere Eltern bekamen die Gerüchte über Mobbing, die sie gehört hatten, nicht mit dem Inhalt des Briefes zusammen. Sie haben uns vorgeworfen, dass wir etwas vertuschen wollten.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, dass Ihnen die Situation entgleitet?

Walter: Am Freitag war Zeugnistag. Die Kinder gingen nach der dritten Stunde nach Hause. Die Eltern des verstorbenen Mädchens kamen zu einem Gespräch in die Schule. Wir besprachen mit ihnen, dass wir die Kerzen und Blumen am Eingang entfernen und stattdessen zum stillen Gedenken in der Schule einen Trauerraum einrichten. Bis dahin dachte ich noch, wir sind auf einem guten Weg. Abends wies mich eine Kollegin darauf hin, dass ein Vater auf seiner Facebook-Seite von Mobbing und Suizid geschrieben hatte und mich auch persönlich angriff. Nachts las ich den ersten Artikel im "Tagesspiegel", der in eine ähnliche Richtung ging. Das war wie eine Ohrfeige.

SPIEGEL ONLINE: Nach zwei Inspektionen 2013 und 2016 bescheinigte die Schulaufsicht der Hausotter-Grundschule eine schwierige Schülerschaft und ein sehr schlechtes soziales Klima.

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Hausotter-Grundschule in Berlin

Walter: Vom damaligen Schulleiter fühlten sich viele Mitarbeiter alleingelassen. Aber inzwischen haben wir ein tolles Team und in den vergangenen zwei Jahren haben wir viel erreicht. Wir haben uns ein neues Leitbild überlegt und gemeinsam formuliert, welche Regeln nicht nur für Schüler, sondern auch für Mitarbeiter und Eltern gelten sollen. Wir haben eine Schulbibliothek eingerichtet. Wir gestalten einen Schulgarten, und wir wollen ein Spielehaus für die Kinder bauen. Natürlich haben wir auch viele Probleme und Konflikte. Aber die gehen wir an!

SPIEGEL ONLINE: Es braucht viel Zeit und gute Ressourcen, um gegen Mobbing angemessen vorzugehen. Haben Sie die denn?

Walter: Wir tun jeden Tag, was wir können, und wir kehren nichts unter den Teppich. Wir sitzen in einem Jour fixe alle sechs Wochen mit der Schulpsychologin und dem Jugendamt zusammen. Wenn es zum Beispiel eine Schlägerei gibt, greifen wir durch und setzen klare Grenzen, suspendieren Schüler auch. Alle sechs Wochen kommt die Polizei präventiv ins Haus und klärt Schüler über Themen auf, die gerade anstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut sind Sie besetzt?

Walter: Wir sind in einem personellen Umbruch. Im vergangenen Schuljahr sind sieben Kollegen in den Ruhestand gegangen. Alle Stellen wurden mit Quereinsteigern nachbesetzt, von denen mehrere auch gleich eine Klassenleitung übernehmen mussten. Sie bereichern unsere Schule, aber sie brauchen noch viel Unterstützung. Drei Stellen sind offen, weil wir kein Personal finden, jeden Tag fallen deshalb ein bis zwei Unterrichtsstunden aus. Vielen Dingen, die der Schule guttun würden, können wir uns deshalb gerade nicht widmen. Eine bessere Elternarbeit wäre zum Beispiel dringend nötig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich vor zwei Jahren bewusst für die Hausotter-Grundschule entschieden, obwohl sie deren Baustellen kannten. Warum?

Walter: Die Schülerschaft ist herausfordernd, zwei Drittel sind nichtdeutscher Herkunft, sieben von zehn stammen aus sozial so schwachen Familien, dass sie für Schulbücher nicht selbst zahlen müssen. Doch diese Schule hat großes Potenzial. Wir haben 500 Kinder aus 40 Nationen, sehr engagierte Lehrkräfte und Erzieher und ein schönes Gelände.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich?

Walter: Wir haben zwei Sozialarbeiter, die sich eine volle Stelle teilen. Wir bräuchten mindestens noch eine weitere Stelle. Dann könnten wir auch eine Anlaufstelle einrichten, zu der Kinder in der Pause gehen können, wenn sie Redebedarf haben. Das würde unsere Arbeit erleichtern.

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