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Leben und Lernen

Jugendliche in Berlin-Schöneweide

Abhängen auf der Brachfläche

Zwischen verlassenen Backsteingebäuden und Brachfläche treffen sich junge Menschen in Berlin-Schöneweide - ungestört von Erwachsenen. Eine Fotografin zeigt, wie viel dieser Ort den Teenies bedeutet.

Janina Wick/ Kerber Verlag
Von
Donnerstag, 03.10.2019   10:27 Uhr

An einem Frühlingstag im Jahr 2014 fuhr Fotografin Janina Wick mit ihrem Fahrrad von Berlin-Kreuzberg in die Wuhlheide. Hinter dem Treptower Park folgte sie der Spree über eine Brücke - und war plötzlich in einer Gegend, die sie noch nicht kannte: Schöneweide. Überall verfallene Industriebauten aus der Gründerzeit, verwilderte Brachfläche. Wick war fasziniert.

Schon länger beschäftigte sie sich fotografisch mit der Frage, wie Jugendliche sich im städtischen Raum bewegen. Welche Orte suchen sie sich aus, um sich zu treffen, wie nehmen sie diese ein? In Schöneweide, mitten im Nichts, fand Wick Antworten auf ihre Fragen - denn sie traf auf junge Menschen.

In Schöneweide, auf einer Brachfläche, hielten sie sich auf. In der Nähe eines Schiffs, auf dem sich ein Jugendklub befindet - auch hier lernte Fotografin Wick viele junge Männer und Frauen kennen.

Für die meisten von ihnen waren diese Orte in Schöneweide Zuflucht, fand Wick heraus. Viele hätten Probleme mit ihren Eltern oder der Schule. Gleichzeitig herrsche aber auch ein großer Zusammenhalt, bei Schwierigkeiten seien die Jugendlichen füreinander da. Fast alle lebten schon immer in Schöneweide. "Hier kennt jeder jeden, wie in einer Kleinstadt", sagt die Fotografin.

Über vier Jahre hinweg, von 2014 bis 2018, baute sie Kontakt zu den Jugendlichen auf und besuchte sie immer wieder. Gemeinsam erkundeten sie die leerstehenden Flächen der Brache. Wick war beeindruckt von der wilden Natur, der Atmosphäre. Sie ließ sich von den jungen Menschen noch mehr Orte zeigen, an denen sie sich treffen und die ihnen etwas bedeuten. Es sind Plätze, an denen nichts los ist, an denen sie ungestört sind.

Immer mit sich trug Wick ihre Kamera. Sie drückte ab, wenn die Jugendlichen ihr zeigten, wie sie an der Spree sitzen. Wie sie auf Hausdächer klettern und abhängen. Etwa 80 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren lernte Wick kennen, manche von ihnen traf sie immer wieder zufällig, wenn sie über das Gelände spazierte.

Fotostrecke

Freizeit Berliner Jugendlicher: Teenies im Nirgendwo

Je öfter sie kam, desto enger wurde die Beziehung zwischen Wick und den Jugendlichen. Vertrauen entstand. Wick fotografierte die jungen Menschen oft direkt auf der Brachfläche. "Wenn ich sie daheim oder in der Schule gezeigt hätte, hätte man sie viel mehr analysiert. So sind sie herausgenommen aus ihrer sozialen Welt", sagt die Fotografin.

Wick gab beim Fotografieren keine Anweisungen, wartete ab, bis die Jugendlichen einfach sie selbst waren. Die Bilder zeigen kein Grinsen, kein Duckface, keine Posen - stattdessen wirken die Teenies in sich gekehrt, nachdenklich, verletzlich. "Ich suche nach einem Moment, in dem sie ganz bei sich sind und mir als Fotografin mit Offenheit begegnen. Die Spannung, die in einem solchen Moment entstehen kann, ist dann auch im Bild spürbar", sagt Wick.

In dem Bildband "Schöneweide" stellt Wick den Porträts Bilder vom Stadt- und Naturraum gegenüber. Es ist ein Buch, das die Wege zeigt, die die jungen Menschen in Schöneweide gehen und ein Gefühl für ihren Lebensraum vermittelt: Da ist ein Pfad durchs Gebüsch, da steht ein verlassenes Backsteingebäude, dazwischen die Jugendlichen.

Im Jahr 2017 veränderte sich die Welt, die Wick in Schöneweide mit ihrer Kamera einfing: Immer mehr Leerflächen verschwanden, Neubauten entstanden, Menschen zogen zu. Im Februar 2018 wurde die Brachfläche abgesperrt, die Gebäude abgerissen, um Wohnungen zu bauen. Die Jugendlichen suchten sich andere Orte, erzählt Wick - vor Einkaufszentren oder der S-Bahn Station.

Das Verschwinden sollte aber nicht Thema ihrer Arbeit sein, sagt Wick. Nur wenige Fotos erzählen von den Veränderungen. Ihre Bilder sind viel mehr eine Momentaufnahme der Vergangenheit - von einem Ort, der die dargestellten Menschen geprägt hat.

insgesamt 25 Beiträge
Europa! 03.10.2019
1. Die geheimen Orte von Berlin
Was dem einen eine "Brachfläche" ist für den anderen ein Abenteuerspielplatz. Kinder und Jugendliche haben einen viel besseren Sinn für Schönheit als viele Erwachsene, die im Nützlichkeitsdenken gefangen sind. Genau [...]
Was dem einen eine "Brachfläche" ist für den anderen ein Abenteuerspielplatz. Kinder und Jugendliche haben einen viel besseren Sinn für Schönheit als viele Erwachsene, die im Nützlichkeitsdenken gefangen sind. Genau dieser Kindersinn hat den Flughafen Tempelhof bis heute vor den "Stadtentwicklern" bewahrt und macht den Reiz von Berlin aus. Im Gleisdreieck-Park haben die Stadtplaner dieses Gefühl aufgegriffen und aus dem alten Eisenbahngelände einen wunderbar lebendigen, weltoffenen sozialen Raum geschaffen, der nur am Rand bebaut und ganz einmalig ist. Schöneweide ist heute noch ein Geheimtipp, und man kann nur hoffen, dass er von der Banalität des Mietwohnungsbaus weiter verschont bleibt.
hopenhauer 03.10.2019
2.
Genannte Brachflächen sind oder werden bebaut, Kauf- & Mietpreise schießen durch die Decke. Charme ist durch die Industriebauten und die nahgelegene Wuhlheide dennoch vorhanden.
Zitat von Europa!Was dem einen eine "Brachfläche" ist für den anderen ein Abenteuerspielplatz. Kinder und Jugendliche haben einen viel besseren Sinn für Schönheit als viele Erwachsene, die im Nützlichkeitsdenken gefangen sind. Genau dieser Kindersinn hat den Flughafen Tempelhof bis heute vor den "Stadtentwicklern" bewahrt und macht den Reiz von Berlin aus. Im Gleisdreieck-Park haben die Stadtplaner dieses Gefühl aufgegriffen und aus dem alten Eisenbahngelände einen wunderbar lebendigen, weltoffenen sozialen Raum geschaffen, der nur am Rand bebaut und ganz einmalig ist. Schöneweide ist heute noch ein Geheimtipp, und man kann nur hoffen, dass er von der Banalität des Mietwohnungsbaus weiter verschont bleibt.
Genannte Brachflächen sind oder werden bebaut, Kauf- & Mietpreise schießen durch die Decke. Charme ist durch die Industriebauten und die nahgelegene Wuhlheide dennoch vorhanden.
muhzilla 03.10.2019
3. So spannend das Thema ist...
... so langweilig sind die Bilder. Ich kann da nicht mal ansatzweise erkennen, dass man sich technisch besondere Mühe gegeben hätte. Insbesondere die nicht Portraitbilder sind einfach langweilige Schnappschüsse. Das ist dann [...]
... so langweilig sind die Bilder. Ich kann da nicht mal ansatzweise erkennen, dass man sich technisch besondere Mühe gegeben hätte. Insbesondere die nicht Portraitbilder sind einfach langweilige Schnappschüsse. Das ist dann irgendwie zu wenig :/
Das Pferd 03.10.2019
4.
Sie kommen zu spät. Schöneweide gehört zu Köpenick, und Köpenick wird derzeit Lücke für Lücke zugepflastert. Schade um die großen Bahnbrachen, wir nehmen uns damit langfristig die Möglichkeit zu mehr Bahnverkehr [...]
Zitat von Europa!Was dem einen eine "Brachfläche" ist für den anderen ein Abenteuerspielplatz. Kinder und Jugendliche haben einen viel besseren Sinn für Schönheit als viele Erwachsene, die im Nützlichkeitsdenken gefangen sind. Genau dieser Kindersinn hat den Flughafen Tempelhof bis heute vor den "Stadtentwicklern" bewahrt und macht den Reiz von Berlin aus. Im Gleisdreieck-Park haben die Stadtplaner dieses Gefühl aufgegriffen und aus dem alten Eisenbahngelände einen wunderbar lebendigen, weltoffenen sozialen Raum geschaffen, der nur am Rand bebaut und ganz einmalig ist. Schöneweide ist heute noch ein Geheimtipp, und man kann nur hoffen, dass er von der Banalität des Mietwohnungsbaus weiter verschont bleibt.
Sie kommen zu spät. Schöneweide gehört zu Köpenick, und Köpenick wird derzeit Lücke für Lücke zugepflastert. Schade um die großen Bahnbrachen, wir nehmen uns damit langfristig die Möglichkeit zu mehr Bahnverkehr zurück zu kehren. Vor allem sind es aber wundervolle Naturräume, unendlich wertvoll in der Stadt. Das Bahn-Gelände südwestlich der S-Bahn zwischen Schöneweide und Adlershof wird von Adlershof her aufgefressen. Da kann nur noch eine Wirtschaftskrise helfen. Den Gleisdreieck-Park finde ich eher weniger gelungen, noch vor 10-15 Jahren gab es wundervolle Trockenrasen dort, wo jetzt diese gesichtslosen Blöcke stehen, die nicht fertig zu werden scheinen. Nur die ca 10 nebeneinander liegenden Gleise zeigen noch einen winzigen Ausschnitt dessen, was da früher war. Ca die Hälfte der Yorkbrücken ist auch schon weg.
Teile1977 03.10.2019
5. Wie jetzt?
Die Berliner jammern das die Mieten zu hoch werden, verhängen Mietdeckel und schwadronieren über Enteignungen (die den Wohnraum aber auch nicht vermehren). Vorhandene Brachflächen sollen aber nicht bebaut werden, neue [...]
Zitat von hopenhauerGenannte Brachflächen sind oder werden bebaut, Kauf- & Mietpreise schießen durch die Decke. Charme ist durch die Industriebauten und die nahgelegene Wuhlheide dennoch vorhanden.
Die Berliner jammern das die Mieten zu hoch werden, verhängen Mietdeckel und schwadronieren über Enteignungen (die den Wohnraum aber auch nicht vermehren). Vorhandene Brachflächen sollen aber nicht bebaut werden, neue Wohnungen stören nur... Was wollen die Berliner denn nun, mehr günstigen Wohnraum, oder weniger aber immer teureren?

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