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Leben und Lernen

"Drei Fragezeichen" im Kino

Jetzt bloß nicht kindisch werden!

Das ist enttäuschte Liebe: Früher war SchulSPIEGEL-Autorin Antonie Rietzschel, 21, großer Fan der "Drei Fragezeichen"-Hörspiele. Heute startet der Film mit dem Detektiv-Trio. Antonie hat ihn schon gesehen - als sie aus dem Kino kam, war ein Teil ihrer Kindheit zerstört.

Donnerstag, 08.11.2007   16:00 Uhr

Es ist passiert: Meine Hörspielhelden "Die drei Fragezeichen" wurden verfilmt als "Das Geheimnis der Geisterinsel". Jetzt gibt es nur zwei Möglichkeiten für einen echten Fan wie mich. Nummer eins: Ich ignoriere den Film, kuschle mich ganz eng an den Kassettenrekorder, schmeiße eine Folge ein und versuche die Zeit zurückzudrehen. Nummer zwei: Ich stelle mich den drei Leinwandgesichtern von Justus, Peter und Bob.

Aber Vorsicht: Dann kann es passieren, dass man sich aus dem Kinosessel erhebt, und die Kindheitserinnerungen sind zerstört. Ich weiß, wovon ich rede, denn mein Zustand ist auch zwei Tage nach dem Kinobesuch immer noch kritisch.

Ich war ungefähr zwölf, als ich die Sammlung von meiner älteren Schwester übernahm, indem ich heimlich eine Kassette nach der anderen aus ihrem Zimmer in meins schmuggelte. Dort lauschte ich den Abenteuern von Justus, Peter und Bob. Dann klopfte die Pubertät an meine Tür, ich stellte mir DJ Bobo und die Spice Girls ins Regal. Die drei Detektive landeten zwischen Barbies und Lego-Burgen auf dem Dachboden.

Genau dort saß ich gestern, blickte wehmütig auf die 40 Kassetten, schön ordentlich nummeriert und sortiert. Ich pustete den Staub von den Hüllen, schleppte den Karton in mein Zimmer. Und legte die erste Folge ein.

Bob war meine große Liebe - jetzt knuddelt er Teddies

Da waren sie wieder: Superhirn Justus, Schisshase Peter und Bob, "verantwortlich für Recherchen und Archiv". Bob war schon immer mein Lieblingsfragezeichen. Nein, er war mehr. Eigentlich war Bob meine erste große Liebe: ein großer Typ mit blonden Haaren und vor allem einer Brille auf der Nase. Immer, wenn Anführer Justus nicht weiter wusste, lehnte sich Bob lässig zurück und sagte: "Ich hab da mal in der Bibliothek recherchiert." Was für ein Typ!

Damals habe ich nicht geahnt, dass ich die drei Jungs aus dem kalifornischen Küstenstädtchen Rocky Beach jemals im Kino sehen würde. Vielleicht habe ich auch gehofft, dass das nie passiert. Jetzt gibt es diesen Film. Und ich habe ein Trauma zu bewältigen: Es hat Sommersprossen, rote Löckchen, kuschelt mit einem Teddybären und gibt sich im Film für - genau - Bob Andrews aus.

Was für einen Bubi die da ausgesucht haben!

"Wir fanden, dass er genauso passt, eigentlich ist ja seine Rolle in den Büchern und Kassetten nicht richtig charakterisiert", sagt Regisseur Florian Baxmeyer, der vor einigen Jahren den Studenten-Oscar gewann. Dieser Film-Bob ist wohl für die Zahnspangen- und Pferdeschwanz-Generation gedacht. Dauernd kippt er mit seinem Rucksack nach hinten um. Das ist nicht lustig, sondern nur kindisch. "Es ist ja auch ein Kinderfilm", sagt Baxmeyer. Genau das ist das Problem.

In den meisten Büchern und Kassetten haben die drei Fragezeichen schon den Führerschein. Aber im Film sind die Jungs zwölf Jahre alt. Als wäre das nicht schlimm genug, wurden sie auch noch gepimpt: Ihr Treffpunkt - in den Hörspielen ein ausrangierter Wohnwagen auf einem Schrottplatz - sieht eher aus wie ein Physik-Labor. Und Bob trägt immer eine Spezialausrüstung bei sich. So ein Blödsinn! Den einzigen High-Tech-Schnickschack, den sich das Trio im Original leistete, waren Dietriche und ein alter Anrufbeantworter.

Justus als obercooler Checker

Dann musste auch noch eine Liebesgeschichte her: Superhirn Justus knutscht - fast - mit der gleichaltrigen Auftragsgeberin der drei Detektive. Erster Fehler: In der Original-Vorlage ist der Auftraggeber ein Junge. Mit dem hätte Justus kaum geknutscht. Obwohl das wiederum lustig gewesen wäre. Zweiter Fehler: Justus würde so etwas natürlich nie tun!

Ihn würde es völlig überfordern, mit einem Mädchen allein zu sein, er wäre in Panik. Stattdessen reagiert er total locker, als Peter ihn fragt: "Ich habe das schon ganz gut hingekriegt." Justus als obercooler Checker? Geht gar nicht.

Solche Modernisierungen waren nötig, um den Film unterhaltsamer zu machen, findet Regisseur Baxmeyer. Ich finde: Sie verzerren komplett die Charaktere und zerstören den Charme, der die Abenteuer ausmacht. "Wenn man Angst hat, das etwas kaputt gemacht wird, dann muss man sich den Film ja nicht anschauen", kontert Florian Baxmeyer.

Die Kinder, die den Film vorwiegend anschauen sollen, wird das alles kaum stören. Die meisten kennen die Hörspiele vermutlich nicht. Ich dagegen werde mir jetzt immer diesen kleinen rothaarigen Gnom vorstellen, wenn Bob auf einer meiner Kassetten sagt: "Ich hab da mal in der Bibliothek recherchiert." Vielen Dank.

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