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Leben und Lernen

Deutsche Freilerner in Portugal

Zwei Mütter, sechs Kinder, keines geht zur Schule

Eine achtköpfige Familie flüchtet vor dem Schulzwang aus Deutschland nach Portugal: Die Kinder besuchen keine Schule, sondern entscheiden selbst, was sie lernen wollen und was nicht. Ein Besuch.

Oliver Lück

Line Fuks (oben rechts) und ihre Großfamilie in Portugal

Von Oliver Lück
Montag, 15.10.2018   09:58 Uhr

Manchmal können selbst kleine Dinge Großes bewegen. Hätte Miezi damals keine Flöhe bekommen, wäre wohl vieles anders gelaufen im Leben der Familie Fuks.

Vielleicht würden die beiden Frauen mit ihren sechs Kindern heute noch immer in Deutschland leben. Vielleicht wären sie auch nicht so viel mit ihrem Wohnmobil gereist. Und vielleicht würden die vier Mädchen und die beiden Jungen heute sogar eine Schule besuchen. Doch die Katze brachte Flöhe mit nach Hause. Die Kinder durften nicht in die Schule. Drei Wochen lang.

"Ein echter Glücksfall", sagt Line Fuks heute, "denn so kam es, dass alle zu Hause lernen mussten." Und als die Flöhe wieder verschwunden waren, flehten die Kinder ihre Mütter an: "Können wir nicht immer hier lernen? Das bringt viel mehr Spaß als in der Schule." Line und Katja überlegten. Sie fragten jedes der Kinder einzeln: "Willst du das wirklich?" Alle waren sich sicher.

Zur Person

Line Fuks ist eine nachdenkliche, ruhige Frau. Sie trägt einen grob gestrickten braunen Wollpullover, eine schwarze Handwerkerhose und eine graue Strickmütze, unter der leicht zerzauste, halblange dunkelblonde Haare hervorschauen. Doch Line Fuks heißt gar nicht Line Fuks. Auch die anderen Familienmitglieder haben sich für diese Geschichte neue Namen gegeben. Würden sie ihre echten hier lesen, wäre ihr selbstbestimmtes Leben vielleicht in Gefahr, da deutsche Beamte ihnen auf die Spur kommen könnten.

Schulverweigerer werden in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Wer in Deutschland ohne Schule leben will, begibt sich an den Rand der Gesellschaft. Er macht sich strafbar. In Frankreich, England, Österreich oder Kanada dürfen Kinder zu Hause unterrichtet werden. In Irland ist Homeschooling sogar in der Verfassung verankert. In Deutschland habe man keine Wahl, sagt Line. Nur der Staat soll entscheiden dürfen, wo und was gelernt wird. Eine Alternative gibt es nicht. So steht es im Grundgesetz.

Oliver Lück

Die Familie

"Wir wollten aber weder Stress mit den Behörden, noch unsere Kinder in die Schule geben", erinnert sich die 47-Jährige. Hinzu kam die Sorge, dass es jeden Augenblick klingeln und das Jugendamt oder die Polizei vor der Tür stehen könnte, um ihnen das Sorgerecht zu entziehen oder die Kinder gleich abzuholen. Sie lebten wie unter einem Vergrößerungsglas. Beäugt von Verwandten, Nachbarn und Wildfremden. Ständig mussten sie aufpassen, nicht aufzufallen. Sie mussten viele Fragen beantworten.

Dass Kinder nicht zur Schule gehen, war den meisten aber nur sehr schwer zu erklären. Viele schauten extrem zweifelnd oder runzelten die Stirn, wenn Line von "freiem" Lernen und "freier" Bildung sprach. Die Leute hörten immer nur "kein" Lernen und "keine" Bildung. Und irgendwann spürten die beiden Mütter: Wir haben keine Wahl. Wir müssen das Land verlassen.

Zwei Autostunden nordöstlich von Lissabon biegt man ab auf eine staubige Piste. Immer tiefer taucht man ein ins unverbaute Hügelland. Keine Straße in Hörweite. Kein Nachbar, der sich beschwert, weil die Kinder zu laut sind. In Portugal ecken sie mit ihrer Lebensweise nirgendwo an. Hier gibt es viele Auswanderer und Aussteiger, darunter auch andere Familien aus Deutschland oder der Schweiz, die ihre Kinder selbst unterrichten.

Oliver Lück

Der Wohnort der Familie in Portugal

Im November 2009 sind Line und Katja mit ihren vier Töchtern und den zwei Söhnen in das Naturschutzgebiet in der Nähe von Pedrógão Grande gezogen. Sie führen ein naturnahes, sehr einfaches, gebremstes Leben. Die Zeit steht auch hier nicht still, aber sie ist nachsichtiger. Eine Uhr trägt schon lange keiner mehr. Die Kinder wissen aber genau, welche Mondphase gerade ist und ob sie nachts auf dem Weg zum Kompostklo eine Taschenlampe brauchen.

"Die Natur erzieht uns", sagt Line. Sie haben Quellwasser. Sie haben Feuerholz. Sie haben Sonnenenergie. Ein Mikrokosmos. Hier kann man sich frei und zugleich geborgen fühlen. Der Alltag wird durch die Jahreszeiten bestimmt.

Die meiste Zeit verbringt das Frauenpaar mit den Kindern in Portugal. Einmal im Jahr fahren sie nach Deutschland. Meist in den Sommerferien, dann, wenn keines der Kinder, die heute zwischen neun und 18 Jahre alt sind, in die Schule muss. Dort besuchen sie Verwandte und Freunde.

Noch bekommen sie Kindergeld für alle. Auch die leiblichen Väter zahlen jeden Monat Unterhalt. "Wenn wir alles zusammenrechnen, liegen wir unter Hartz IV. Aber wir kommen über die Runden", erzählt Line, die Kunsthandwerk macht, Kurse für Flötenbau anbietet und Bücher schreibt. Über das Freilernen. Über das Familienleben in der Wildnis.

Oliver Lück

Der Wohnwagen wird gelegentlich an Gäste vermietet

Zu Beginn lief das Lernen nach dem Motto: Mathe bei Mama. Sie hatten Lehrbücher. Das Wissen wurde abgefragt. Auch wenn sie auf Reisen waren. Die Kinder saßen in Spanien, Frankreich oder Portugal auf einer Decke am Strand und lernten. Die Mütter kontrollierten. Am Anfang brachte das "Homeschooling" noch Spaß, dann wurde es zur Pflicht. "Wir haben genauso Druck ausgeübt", erzählt Line. Der Versuch drohte zu scheitern. Die Kinder nahmen die Schulbücher bald gar nicht mehr in die Hand. Also begannen die Mütter, dem Lernwillen der Kinder zu vertrauen, wie sie sagen.

Und die Kinder beschäftigten sich nur noch mit dem, was sie wirklich interessierte. Manchmal so leidenschaftlich und absolut, dass sie von morgens bis abends nichts anderes taten. Eines der Mädchen spielte schon nach zwei Monaten so gut Klavier, wie andere in ihrem Alter nach zwei Jahren nicht. Eine andere begann mit Kartentricks. Von früh bis spät übte sie ihre Fingerfertigkeit, bis sie Blasen an den Händen hatte. Und durch das Zaubern begeisterte sie sich plötzlich für Mathematik, was ihr eigentlich gar nicht lag.

Die Kinder wurden mehr und mehr zu Freilernern, das heißt: Festgeschriebenen Unterrichtsstoff gab es nicht mehr. Sie entschieden nun selbst, was sie den Tag lang tun wollten und was nicht. "Kinder werden unterschätzt", glaubt Line. "Die meisten sind von Natur aus begeisterte Entdecker. Sie wollen mit Feuereifer die Welt erkunden und verstehen. Und dabei lernen sie - ganz nebenbei."

Oliver Lück

Neunjähriger Sohn

Natürlich gab es auch Flauten. Nullbockphasen. "Unsere Kinder sind ja nicht anders als andere Pubertierende. Madita zum Beispiel hat nie gelesen, als sie klein war. Und wenn doch, dann ganz schlecht. Erst sehr spät fing sie an, weil es ihr wichtig geworden war." Heute liest Madita so viel wie niemand sonst in der Familie. Ihr Tipi ist voll mit Romanen und Sachbüchern. Auch englische Literatur ist dabei.

Ihre Schwester Mia gewinnt Preise mit Buchcovern, die sie für Online-Wettbewerbe gestaltet. Emma hat sich das Nähen mit Internet-Tutorials beigebracht und präsentiert ihre selbst entworfenen Kleider im Netz. Eine andere büffelt Hindi. Zwei andere Gebärdensprache. Fließend Englisch, Spanisch und etwas Portugiesisch haben alle spielend gelernt. Sie haben viele Praktika gemacht.

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Oliver Lück:
Buntland

16 Menschen, 16 Geschichten

Rowohlt; 256 Seiten; 10,99 Euro

Video: Leben ohne Schule - Freilerner in Frankreich und Deutschland

Foto: SPIEGEL TV

"All diese Dinge könnten sie nicht machen, wenn sie den ganzen Tag in der Schule sitzen müssten, weil sie keine Zeit mehr hätten", glaubt Katja. "Vor allem aber wissen unsere Kinder jetzt, was es heißt, Verantwortung für die eigene Bildung zu übernehmen. Sie sind flexibel geblieben. Und mit der Zeit bildet sich bei jedem Kind heraus, was es sein will - nicht, was es sein soll."

Auch die Entscheidung, ob sie mal einen Abschluss an einer portugiesischen Schule machen wollen, bleibt bei den Kindern. In Portugal ist es möglich, am Ende des Schuljahres eine Prüfung zu machen. Wird diese bestanden, zählt der Abschluss wie jeder andere auch.

"Wir wollen niemanden herausfordern. Wir wollen auch nicht provozieren oder das System angreifen", stellt Line noch einmal klar. "Wir glauben, dass dieser Weg der beste für unsere Kinder ist. Und wir sehen, dass es funktioniert."

Der Artikel ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch "Buntland - 16 Menschen, 16 Geschichten" von Oliver Lück, das am 25. September 2018 bei Rowohlt erschienen ist.

insgesamt 259 Beiträge
Sibylle1969 15.10.2018
1.
Es mag sein, dass es in diesem Fall funktioniert, aber allein dem intrinsischen Lernwillen der Kinder zu vertrauen, dürfte eben nicht bei allen Kindern funktionieren. Dass Homeschooling in Deutschland nicht zulässig ist, ist [...]
Es mag sein, dass es in diesem Fall funktioniert, aber allein dem intrinsischen Lernwillen der Kinder zu vertrauen, dürfte eben nicht bei allen Kindern funktionieren. Dass Homeschooling in Deutschland nicht zulässig ist, ist m.E. sinnvoll. Denn die allermeisten Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder auf normale Schulen gehen, tun dies aus ideologisch-religiösen Gründen. Durch Homeschooling würde den Kindern in Sekten die einzige Möglichkeit genommen, auch eine andere Welt kennenzulernen.
Das Pferd 15.10.2018
2.
solange daraus keiner eine Vorschrift für alle anderen machen will: OK um die Illegalität wird man dabei wohl nicht herumkommen, wenn man das für alles und jeden freigeben würde, ist der Missbrauch programmiert.
solange daraus keiner eine Vorschrift für alle anderen machen will: OK um die Illegalität wird man dabei wohl nicht herumkommen, wenn man das für alles und jeden freigeben würde, ist der Missbrauch programmiert.
stoffi 15.10.2018
3. Ich denke
Wenn das Erlernte ausreicht, um ihren späteren Lebensunterhalt zu sichern und sie dadurch einen Beruf nach ihren Wünschen ausüben können, ist das ok
Wenn das Erlernte ausreicht, um ihren späteren Lebensunterhalt zu sichern und sie dadurch einen Beruf nach ihren Wünschen ausüben können, ist das ok
syracusa 15.10.2018
4.
Die Kinder können nur entscheiden, was sie lernen wollen, wenn sie das schon kennen, was sie lernen sollten. Wie können Kinder entscheiden, die historischen Grundlagen unserer Kultur zu lernen, wenn sie nichts davon wissen und [...]
Die Kinder können nur entscheiden, was sie lernen wollen, wenn sie das schon kennen, was sie lernen sollten. Wie können Kinder entscheiden, die historischen Grundlagen unserer Kultur zu lernen, wenn sie nichts davon wissen und die Bedeutung nicht kennen? Wie können sich die Kinder entscheiden, Prozentrechnung oder Trigonometrie zu lernen, oder Analysis? Nein, auf solch "freiem" Lernen kann keine Zivilisation aufbauen. Die Mütter brauben ihre Kinder ganz wesnetlicher Entwicklungsmöglichkeiten und verurteilen sie zu einem lebenslangen Leben ganz am Rand oder sogar außerhalb der Gesellschaft. Ein Erwachsener darf sich gerne dazu entscheiden, aus der Gesellschaft auszusteigen. Aber den Kindern diese Entscheidung aufzuzwingen ist ein Verbrechen.
ekel-alfred 15.10.2018
5. Kein gesellschaftliches Vorbild!
Klar, Kindergeld kassieren wir gerne, aber sonst möchten wir nix mit den Regeln des Staates zu tun haben. Solche Leute sollen dann bitte auch konsequent sein und alle Brücken abbrechen. Ich kann nicht das eine haben und das [...]
Klar, Kindergeld kassieren wir gerne, aber sonst möchten wir nix mit den Regeln des Staates zu tun haben. Solche Leute sollen dann bitte auch konsequent sein und alle Brücken abbrechen. Ich kann nicht das eine haben und das andere nicht wollen. Übrigens, das Kindergeld wird von den Kindern erwirtschaftet, die früher die Schuel besucht haben und die Autos, die Ihr nutzt, werden von Kindern gebaut und entworfen, die ebenfalls keine Probleme mit dem Schulbesuch hatten. Gesellschaftlicher Beitrag dieser Familie ist gleich Null.
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