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Leben und Lernen

"Fridays for Future"

Klimastreik statt Kommerz

Weltweit haben an diesem Freitag Menschen für mehr Klimaschutz protestiert. Die Aktivisten demonstrierten angesichts des "Black Friday" auch vielerorts gegen übermäßigen Konsum.

Axel Heimken/ DPA
Von Franca Quecke
Freitag, 29.11.2019   20:42 Uhr

"Niemand hat Lust, bei der Kälte stundenlang durch die Stadt zu laufen, ich ja auch nicht", sagt die 16-jährige Amelie. Sie macht bei der "Fridays for Future"-Ortsgruppe in Hamburg mit, besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums und steckt eigentlich mitten in der Klausurenphase. Trotzdem habe sie an diesem Freitag die Schule ausfallen lassen, sagt sie, um in der Innenstadt für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.

"Bei den letzten kleineren Freitags-Demos in Hamburg haben wir schon ein Wintertief gemerkt, immer weniger sind gekommen", sagt die Schülerin. Umso wichtiger ist ihr, gerade an diesem vierten globalen Aktionstag selbst dabei zu sein. Schon um kurz vor vier ist sie aufgestanden, um rechtzeitig beim Aufbau der Bühne mitzuhelfen. Amelie findet, es ist wichtig zu zeigen: Wir machen weiter, egal wie wenig sich in der Politik tut.

Das gilt zumal die Aktivisten wissen: An der Größe der Proteste wird auch festgemacht, wie lange sich die "Fridays for Future"-Bewegung noch hält. Und wie stark sie bleibt.

An diesem Freitag reicht man nicht an die Rekordwerte vom September heran, als Schätzungen zufolge in Deutschland 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gingen und weltweit mehr als sieben Millionen. Aber immerhin machen in rund 150 Ländern Hunderttausende Menschen mit, allein in Deutschland sind es nach Polizeiangaben an gut 520 Orten rund 630.000.

In Hamburg sind zu der Demo nach Polizeiangaben rund 30.000 Teilnehmer gekommen. "Fridays for Future" spricht von rund 55.000 Menschen. Im September waren es noch doppelt so viele gewesen.

Zeitgleich "Black Friday"

DPA

Klima-Demo in Hamburg: laut Polizei 30.000 Teilnehmer

Dass diesmal nicht so viele Menschen auf die Straße waren, hat mehrere mögliche Gründe: Zum einen fällt die Demonstration ausgerechnet auf den Rabattaktionstag "Black Friday" und in die Weihnachtszeit. Schon im Vorhinein hatte die Hamburger Polizei deshalb auch vor "erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen" in der Innenstadt gewarnt.

Manche Demo-Teilnehmer schreckt das jedoch gar nicht ab, im Gegenteil. "Gerade an so einem Konsumtag ist es wichtig, dass wir für mehr Nachhaltigkeit auf die Straße gehen", findet eine 66-jährige Rentnerin.

Der Besitzer eines Glühweinstandes nahe der Demo-Route sieht das anders: Prinzipiell finde er die Anliegen der Aktivisten zwar gut. Aber: "Dass solche Proteste am Black Friday und in der Weihnachtszeit stattfinden, halte ich nicht für angebracht." Nur fünf Wochen im Jahr würde das Geschäft für die Stände doch brummen, könne man sich da nicht ein anderes Datum aussuchen?

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"Fridays for Future": Klimastreiks von Manila bis nach Berlin

"Sei kein Horst, rette den Forst"

Dass die "Fridays for Future"-Aktivisten ausgerechnet den letzten Freitag im November für den globalen Klimastreik ausgewählt haben, hat mehrere Gründe: Nächste Woche beginnt die Uno-Klimakonferenz in Madrid, zu der auch Greta Thunberg aktuell segelt. In Deutschland sollte unter dem Motto "Neustart Klima" vor allem gegen das Klimapaket demonstriert werden, über das zeitgleich im Bundesrat abgestimmt wurde, der einige Pläne vorerst stoppte. Klimapaketchen nennen die Aktivisten es - weil es nach ihrer Ansicht so klein ist und nichts bringt.

Deshalb beginnt der Klimaprotest an diesem Freitag in Hamburg auch ganz symbolisch um 12 Uhr. "Hamburg, seid ihr am Start?", fragt ein Musiker auf der Bühne, dann singt er: "Es ist 12, ja, es nicht mehr fünf vor zwölf." "Es kann nicht einfach weitergehen, so wie es ist", findet ein 15-jähriger Schüler aus Schleswig-Holstein, er ist extra für die Demo nach Hamburg gereist: "Wenn die Politiker nichts ändern wollen, müssen wir eben ein Zeichen setzen."

Nicht nur Schüler sind gekommen, sondern auch zahlreiche Umweltverbände, Gewerkschaftsvertreter, "Students for Future", Eltern, Wissenschaftler. Sie sind in dicke Wintermäntel eingepackt, auf ihren Schildern steht "Ohne Bäume, keine Träume" oder "Sei kein Horst, rette den Forst."

Pünktlich um 12.35 zieht der Zug quer durch die Innenstadt, wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut, rufen die Aktivisten durch ihre Lautsprecher. Um 15.50 spielt die Band Deichkind auf der Hauptbühne, die Menge jubelt.

Florian König, Physikstudent und heute Versammlungsleiter der Hamburger Großdemo, ist schon um halb vier aufgestanden, um diese Bühne aufzubauen - trotz Nieselregen und Kälte, sechs Grad sind es nur. Der 20-Jährige hat mehrere Schichten Kleidung angezogen: ein langes Shirt, einen Pullover, zwei Jacken, dazu einen karierten Schal und Handschuhe.

Rund 200 Stunden hat er in den letzten drei Wochen organisiert und geplant, damit die Demo reibungslos abläuft, die letzte Nacht hat er rund zweieinhalb Stunden geschlafen. Dass nun nur einige zehntausend Menschen gekommen sind, obwohl er und die anderen Organisatoren auf bis zu 400.000 vorbereitet gewesen wären, wie König sagt, davon lässt er nicht entmutigen.

"Und dann stehen wir bereit"

DPA

FFF-Proteste in Hamburg: Ärger über "Klimapaketchen"

König sagt, er sei festentschlossen, "auch weiterhin auf die Straße zu gehen, egal wie viele sich uns anschließen." Auch Tobias Holle, 22, Pressesprecher von "Students for Future" sieht die Frage, wie sich weiter Menschen für die Demonstrationen am Freitag mobilisieren lassen, entspannt: "Wir müssen uns damit abfinden, dass das Wetter auch mal schlecht ist, viele im Urlaub sind und wir einfach keine Aufmerksamkeit bekommen."

Auch vor den Sommerferien hätten viele gezweifelt, ob es die Bewegung schaffe, im Gespräch zu bleiben - trotzdem hätten sie den Sommerkongress auf die Beine gestellt, sagt Holle, trotzdem sei es ihnen im September gelungen, so viele Menschen wie nie zu mobilisieren.

Wichtig findet der Student: "Wir müssen unsere Strukturen weiter festigen und neue Aktionen planen." Daran würden bundesweit Gruppen wie die Social-Media-AG, die Kooperations-AG oder die Strategie-AG arbeiten. "Wenn dann wieder viele Menschen auf uns schauen, müssen wir es besser machen, noch kreativer und anspruchsvoller werden."

Auch in Hamburg haben sie das vor. König sagt, kurz vor Weihnachten sei ein Laternenlauf geplant. Auch die 16-jährige Amelie ist sich sicher: "Das Interesse an uns wird nicht verloren gehen." Sobald es wieder wärmer werde, würden auch die Leute zurückkommen: "Und dann stehen wir bereit."

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