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Leben und Lernen

"Fridays for Future"-Sommerkongress

Sie sind noch da (auch in den Schulferien)

Die "Fridays for Future"-Bewegung plant auf einem Sommerkongress ihre Zukunft. Dabei soll nichts schiefgehen - denn die Klimaaktivisten haben mittlerweile viel zu verlieren.

DPA
Aus Dortmund berichtet Franca Quecke
Donnerstag, 01.08.2019   18:33 Uhr

Sie kommen in Wellen. Um 14 Uhr geht der Sommerkongress offiziell los, um 13.14 Uhr strömen ein paar Dutzend Aktivisten aus der S-Bahn, an ihren vollbepackten Rucksäcken hängen Schilder, Fahnen, Schlafsäcke und Isomatten. Pfeile am Boden sollen den Weg weisen, trotzdem biegen einige immer wieder falsch ab.

Eine Radfahrerin radelt den Ankömmlingen entgegen und ruft: "Es ist nicht mehr weit", die Jugendlichen jubeln und applaudieren. Und dann sind sie endlich da, im Camp von "Fridays for Future" mitten im Dortmunder Revierpark. Ein Kiosk, ein Essenszelt mit veganer Küche, eine Bühne und Pavillons stehen dort. Die Schlafzelte sind nach bedrohten Tierarten benannt: Thunfisch, Nashorn, Gepard.

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Sommerkongress in Dortmund: "Nicht nur Parolen rufen"

So sieht das Setting aus, in dem "Fridays for Future", die größte Klimaschutzbewegung unserer Zeit, das größte Event dieses Sommers in Deutschland feiert: einen Kongress mit rund 1400 Teilnehmern, die aus dem gesamten Bundesgebiet angereist sind.

Die Versammlung begann am Mittwoch und dauert bis Samstag, und schnell wird klar: Es sind mehr Frauen als Männer gekommen, mehr Schüler als Studierende, mehr Mitglieder aus den bundesweit rund 600 Ortsgruppen als Neulinge.

"Das ist wie eine Klassenfahrt, nur ohne Lehrer", sagt Hannah, eine 15-Jährige mit Zahnspange und vollbepacktem Rucksack. Sie ist zusammen mit zwei Freundinnen gegen acht Uhr in Berlin aufgebrochen, gegen halb zwei mittags stehen sie am Mittwoch in einer langen Schlange und warten darauf, endlich einzuchecken.

Nichts soll schiefgehen

Die Organisatoren haben klare Regeln festgelegt, damit der Kongress geordnet abläuft: Die Teilnehmer müssen Ticket und Ausweis vorzeigen, eine Einverständniserklärung ihrer Eltern abgeben und einen Verhaltenskodex unterschreiben.

Im Gegenzug bekommen sie ein Bändchen: Grün bedeutet, dass ein Teilnehmer über 18 Jahre alt ist, rot heißt unter 14 Jahren. Rauchen ist auf dem gesamten Gelände verboten, offizielle Nachtruhe in den Zelten ist um 22 Uhr. Ü18 und U18 dürfen nicht gemeinsam in einem Zelt schlafen, U14 darf nur mit einer Aufsichtsperson am Kongress teilnehmen.

Nichts soll schiefgehen, denn die Bewegung hat mittlerweile viel zu verlieren.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat "Fridays for Future" viele erste Male geplant und erlebt: die weltweite Protestwelle im März, die erste länderübergreifende Demo in Aachen, der erste fünftägige Protest in Köln. Und nun der Kongress im Sommerloch, um zu zeigen: Wir sind immer noch da, auch wenn kein Unterricht ist.

Wer sind wir, wo stehen wir, wohin geht's? Das sind die Fragen, die die Teilnehmer vier Tage lang in Vorträgen und 150 Workshops besprechen wollen. Die tragen Titel wie: "Essen wir das Klima auf?", "Wie rocke ich Interviews, Podien und Talkshowsofas?" oder "Wer sind unsere Verbündeten im Kampf für die Zukunft?"

Umweltlobbyisten oder Vertreter von Gewerkschaften oder Verbänden halten ab Donnerstagnachmittag Vorträge. Auch die TV-Persönlichkeiten Joko Winterscheidt und Eckart von Hirschhausen sind der Einladung gefolgt.

Hannah aus Berlin freut sich über den Austausch. "Hier kann ich von Leuten lernen, die genauso politisch sind wie ich", sagt sie. "Unsere Bewegung ist viel stärker, wenn wir nicht nur Parolen rufen, sondern sie auch weiterdenken." Nach dem Kongress will sich die 15-Jährige noch mehr bei "Fridays for Future" engagieren.

Weiterbilden und vernetzen, so lautet die Strategie für den Kongress, die helfen kann, auch danach Differenzen schneller zu überwinden und auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Denn nach wie vor gibt es keine einheitliche Struktur und auch keinen Konsens darüber, wie die Bewegung künftig aufgestellt sein soll. Jede Ortsgruppe arbeitet weitestgehend autark.

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Bundesweit waren die Aktivisten von "Fridays for Future" bisher vor allem digital verbunden: "Viele kennen sich nur aus WhatsApp-Gruppen oder von Telefonkonferenzen. Jetzt haben sie die Möglichkeit, die Leute hinter den Profilbildern kennenzulernen", sagt Carla Reemtsma, eine der Pressesprecherinnen der Bewegung. Das sei wichtig, um als Bewegung noch enger zusammenzuwachsen.

"Ihr seid nicht allein"

"Bei 'Fridays for Future' wurden recht plötzlich sehr viele junge Leute mitgenommen. In den Sommerferien können sie nun entschleunigen und sich gegenseitig zeigen: Ihr seid nicht allein, wir wollen alle das Gleiche", sagt Pia Jorks vom Verein Klimadelegation, sie hält den ersten Vortrag im Dortmunder Revierpark.

Ein Kongress für Jugendliche von Jugendlichen. Seit Ende April laufen die Vorbereitungen, in den vergangenen beiden Wochen auf Hochtouren. Viele der Aktivisten organisieren zum ersten Mal eine Veranstaltung in dieser Größenordnung, die geschätzt mehr als 200.000 Euro kostet und mithilfe von Spenden, Teilnahmegebühren, Crowdfunding und Sponsoren finanziert wird. Es gibt Sicherheitskonzepte, Notfallketten, die Organisatoren stehen in engem Kontakt zur Stadt und den Betreibern des Revierparks.

Trotzdem läuft nicht alles glatt: Gleich am ersten Tag funktioniert das Internet in der Eingangshalle nicht, in der Turnhalle fällt für kurze Zeit der Strom aus, während eines Regenschauers müssen rund 50 Jugendliche die Großzelte verlassen, weil es die Vorschrift so besagt.

"Klar gab es mal kleine Probleme und Missverständnisse. Insgesamt sind wir aber zufrieden mit dem, was wir auf die Beine gestellt haben", sagt Lucas Pohl, 21, der zum Orga-Team gehört. "Wir brauchen uns als junge Bewegung nicht verstecken, wenn mal etwas nicht gut läuft. Wir lernen schließlich noch miteinander und voneinander."

Bei Problemen haben die Organisatoren ein großes Netzwerk, auf das sie zurückgreifen können: Viele Eltern, die sich bei "Parents vor Future" engagieren, sind auf dem Gelände, außerdem Sanitäter, Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes und des Jugendamtes.

Lieder und "Fridays for Future"-Bingo

Am späten Mittwochnachmittag beginnen die Kennenlernspiele. Rund 200 Jugendliche versammeln sich vor der Bühne, stellen sich in einer langen Reihe nach ihrem Anfangsbuchstaben auf. Später spielen sie "Fridays for Future"-Bingo: Bist du schon mal mit dem Schiff in den Urlaub gefahren? Bist du schon seit Dezember dabei? Schnell wechseln die Gesprächsthemen, bis die Spielleiterin ruft: "Hey Leute, das Spiel ist vorbei. Aber schön, dass ihr euch so gerne habt."

Als es anfängt zu regnen, fangen die Jugendlichen an, im Chor Lieder zu singen: "Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen die Braunkohle hier im Land." Als es wieder aufhört, tanzen viele zu den Bässen der Musik.

"Wir wollen hier natürlich Spaß miteinander haben, zusammen zu wenig schlafen, nicht nur immer Excel-Tabellen untereinander teilen", sagt Carla Reemtsma. Dabei halten sich alle an die Regeln, die sie sich selbst auferlegt haben - zumindest weitgehend: Ein Aktivist aus Berlin sagt, er gehe zum Rauchen zwar nicht immer vom Gelände, aber dafür hinter einen Busch. "Ich will nicht, dass die Jüngeren das sehen, immerhin haben wir auch eine Vorbildfunktion. Wenn irgendwas passiert, überlegen sich Eltern das nächste Mal gut, ob sie ihre Kinder zu Veranstaltungen schicken."

Die Bewegung hat viel vor nach den Sommerferien, gerade deshalb soll der Kongress ein Erfolg werden: Im September sollen zum ersten Mal nicht nur Schüler streiken, sondern auch möglichst viele Erwachsene ihre Arbeit niederlegen. Dafür organisieren und mobilisieren die Aktivisten schon jetzt. Wie viele erste Male es für die Bewegung noch geben kann? "Wir haben keinen Anlass, um aufzuhören - im Gegenteil," sagt Sprecherin Reemtsma.

insgesamt 61 Beiträge
zzipfel 01.08.2019
1. Sind doch nicht alle in den Urlaub geflogen?
Wie der Landeschef der NRW-Grünen? (WDR5 berichtete.) Oder sind schon wieder zurückgeflogen? Die einen haben die Moral, die anderen haben sie sogar gleich doppelt.
Wie der Landeschef der NRW-Grünen? (WDR5 berichtete.) Oder sind schon wieder zurückgeflogen? Die einen haben die Moral, die anderen haben sie sogar gleich doppelt.
salomohn 01.08.2019
2. Macht Euch keine Sorgen
Die Schüler, die da mitmachen, die ich kenne, werden überwiegend gute Abschlüsse machen. Das Pensum steht fest. Sie arbeiten halt etwas mehr und büssen damit für EURE Fehler. Sie werden schon für Euch sorgen.
Die Schüler, die da mitmachen, die ich kenne, werden überwiegend gute Abschlüsse machen. Das Pensum steht fest. Sie arbeiten halt etwas mehr und büssen damit für EURE Fehler. Sie werden schon für Euch sorgen.
bebau 01.08.2019
3. Großartig
Das sind sehr gute Nachrichten. Es bleibt zu hoffen, dass diese Bewegung noch mehr Anhänger bekommt und auch in anderen Ländern erfolgreicher wird.
Das sind sehr gute Nachrichten. Es bleibt zu hoffen, dass diese Bewegung noch mehr Anhänger bekommt und auch in anderen Ländern erfolgreicher wird.
schmidt-post 01.08.2019
4.
Oh Mann... wie peinlich (von Ihnen).
Zitat von zzipfelWie der Landeschef der NRW-Grünen? (WDR5 berichtete.) Oder sind schon wieder zurückgeflogen? Die einen haben die Moral, die anderen haben sie sogar gleich doppelt.
Oh Mann... wie peinlich (von Ihnen).
Einhorn 01.08.2019
5.
Sind jetzt alle Klischees bedient? Klassenfahrt ohne Lehrer, hoher Frauenanteil, Teilnehmer, die sich verlaufen und ausführliche Berichterstattung über Warm-up und Kennenlernen. Wird es auch einen Bericht zu Schwerpunkten und [...]
Sind jetzt alle Klischees bedient? Klassenfahrt ohne Lehrer, hoher Frauenanteil, Teilnehmer, die sich verlaufen und ausführliche Berichterstattung über Warm-up und Kennenlernen. Wird es auch einen Bericht zu Schwerpunkten und erarbeiteten Zielen geben? Oder bleiben wir beim großen Erstaunen, dass hier "sogar in den Ferien" gearbeitet wird?
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