Schrift:
Ansicht Home:
Leben und Lernen

Chaos vor Hamburger Schulen

"Elterntaxis sind eine Gefahr für Kinder"

In Hamburg kontrolliert die Polizei Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Ulf Schröder, Leiter der Verkehrsdirektion, versucht sich in Aufklärung vor Ort - und erlebt chaotische Szenen.

DPA
Ein Interview von
Donnerstag, 04.04.2019   15:18 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Schröder, momentan kontrolliert die Hamburger Polizei Elterntaxis an insgesamt zehn Schulen der Stadt. Wollen Sie die Taxis verbieten?

Schröder: Nein, das dürfen und wollen wir auch gar nicht. In Hamburg ist es aber inzwischen so, dass ein Drittel der Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht wird, eine eher beunruhigende Entwicklung. Wir wollen mit unserer Aktion die Eltern über die Gefahren aufklären, die das mit sich bringt, und die selbstständige und sichere Teilnahme der Kinder am Straßenverkehr fördern.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Eltern argumentieren doch häufig mit der größeren Sicherheit für ihre Kinder. Was sollen das denn für Gefahren sein?

Schröder: Anfang der Woche war ich an einer Schule im Hamburger Stadtteil Lurup, da konnte man das sehr gut beobachten. Die Schule liegt an einer schmalen Straße, am Morgen parken die Eltern mit ihren Fahrzeugen dort die Fahrbahn voll. Das führte zu einem Verkehrschaos, bei welchem die Kinder zwischen den parkenden Autos hervor auf die Straße liefen. Die sogenannten Elterntaxis werden damit eine Gefahr für die Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Die Eltern gefährden also ihre Kinder, statt sie zu schützen?

Schröder: Im Einzelfall schon. Die Gleichung "Mit dem Auto zur Schule gleich sicher zur Schule" geht auf keinen Fall auf, das zeigt auch die Verkehrsunfallstatistik. Immer mehr Kinder verunglücken, während sie zum Beispiel als Beifahrer im Auto sitzen. Gleichzeitig sinken die Unfallzahlen für diejenigen, die sich aktiv im Straßenverkehr bewegen - also etwa zu Fuß zur Schule gehen.

SPIEGEL ONLINE: Überzeugt dieses Argument auch die Eltern?

Schröder: Viele zeigen Verständnis, man muss aber davon ausgehen, dass Einsicht manchmal nur vorgetäuscht wird. Unser wichtigstes Argument ist es aber, dass Kinder nirgendwo besser als auf dem Schulweg lernen, sich selbstständig und sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Das geht nur, wenn sie sich aktiv am Straßenverkehr beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Eltern, wenn Sie sie an der Schule ansprechen?

Schröder: Die meisten bleiben freundlich. Häufig hören wir die Erklärung: Ja, eigentlich geht mein Kind ja zu Fuß zur Schule. Aber gerade heute ist meine Frau krank geworden, da habe ich unseren Sohn auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto mitgenommen. In seltenen Fällen sind Eltern auch mal aufgebracht und fragen, ob wir ihnen das Autofahren verbieten wollen - was selbstverständlich nicht der Fall ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch die Möglichkeit, mit härteren Maßnahmen durchzugreifen?

Schröder: Sogenannte Elterntaxis sind schon seit Jahren ein Problem, und es wird eher schlimmer, das bestätigt auch die Schulbehörde. Die Bequemlichkeit vieler Menschen nimmt zu. Wenn wir feststellen, dass es trotz unserer Appelle weiterhin zum Verkehrsverstößen vor bestimmten Schulen kommt, die die Sicherheit der Kinder beeinträchtigen, können wir natürlich Ordnungswidrigkeiten verhängen. Das haben wir in der Vergangenheit auch schon getan.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Vorschlag, Elternparkplätze in der Nähe der Schulen einzurichten?

Schröder: Das entspräche nicht unserem Ziel, dass die Kinder zu Fuß gehen und dadurch lernen, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch gute Gründe dafür, das Kind zur Schule zu fahren?

Schröder: Klar, wenn der Weg tatsächlich weit ist. Und jedem kann es passieren, dass man mal verschläft. Aber auch dann empfehlen wir, das Kind ein paar hundert Meter von der Schule entfernt aussteigen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann sollte ein Kind allein zur Schule gehen?

Schröder: Theoretisch ist schon ein Erstklässler dazu in der Lage. Das hängt aber natürlich von vielen Faktoren ab. Hier in Hamburg haben wir das Privileg, dass jedes Kind in der Schule mit einem Polizeiverkehrslehrer lernt, sich richtig im Straßenverkehr zu verhalten. Wenn die Eltern dann auch noch gemeinsam mit dem Kind den besten und sichersten Schulweg aussuchen und ihn immer wieder üben, sind die Kinder schnell fit. Eine Begleitung bis zum Schultor brauchen die wenigsten länger als für ein paar Wochen.

insgesamt 137 Beiträge
k.k.laake 04.04.2019
1. Warum nicht weiterdenken?
Drive-In Schule. Direkt vorm Klassenzimmer absetzen und abholen. Bloss keinen Meter zu viel laufen. Da wird in zweiter Reihe geparkt obwohl 10 Meter weiter ein Parkplatz frei ist. Da müsste man ja laufen. Bloss nicht. Ist [...]
Drive-In Schule. Direkt vorm Klassenzimmer absetzen und abholen. Bloss keinen Meter zu viel laufen. Da wird in zweiter Reihe geparkt obwohl 10 Meter weiter ein Parkplatz frei ist. Da müsste man ja laufen. Bloss nicht. Ist vermutlich auch ein rein deutsches Problem.
schnubbeldu 04.04.2019
2. Klar mit dem Elterntaxi von Mo. bis Do. in ...
... die Schule und freitags gehen wir für einen besseren Klimaschutz demonstrieren. Wäre gut, wenn gleich mal die Organisatoren der Freitagdemos unserer Schüler "Elterntaxi-Parkplätze" bereitstellen, damit die [...]
... die Schule und freitags gehen wir für einen besseren Klimaschutz demonstrieren. Wäre gut, wenn gleich mal die Organisatoren der Freitagdemos unserer Schüler "Elterntaxi-Parkplätze" bereitstellen, damit die Organisatoren im Gegensatz zur Schulbehörde nicht verpennt haben. Vielleicht sollte man tagtäglich gerade "neue" Unfälle mit Personenbeteiligungen an den Schulen veröffentlichen, damit auch der letzte Elternteil lernt mit "Vernunft" an die Thematik "Elterntaxi" ranzugehen. Manche Eltern scheinen wohl den Weg aus der KiTa noch nicht wahrgenommen zu haben und fahren ihre Kinder im schulpflichtigen Alter weiterhin. Im Übrigen, als Kindergartenbesucher im Alter von 4 bis 6 Jahre musste in Mitte der 70er Jahre täglich einfach ca. 2km Entfernung im Beisein meiner Mutter und/oder Großeltern bzw. auch mal Tante laufen. Hatte ich "Rabeneltern" gehabt! Man Man Man, zugegeben, der Verkehr ist heute ein anderer, aber in Begleitung wurde "gelaufen" mangels mobilen Fahruntersatz.
mcmercy 04.04.2019
3. Falsche Verkehrsplanung
Das Chaos ist hausgemacht. Fehlende Haltebuchten, Verengte Fahrbahnen, fehlende Einbahnstrassen vor Schulen, fehlende Radwege. Das erhöht das Risiko und die Gefahren. Hinzu kommt es gibt vielerorts keine Buskarten für die Kinder [...]
Das Chaos ist hausgemacht. Fehlende Haltebuchten, Verengte Fahrbahnen, fehlende Einbahnstrassen vor Schulen, fehlende Radwege. Das erhöht das Risiko und die Gefahren. Hinzu kommt es gibt vielerorts keine Buskarten für die Kinder die weniger als 2Km (Luftlinie) von der Schule wegwohnen. Niemand lässt im Winter 6-10 Jährige zu Fuß 1,8 Kilometer durch die dunkle Nacht laufen. Ja ich weiß in China laufen die 10 Km, wir sind aber nicht in China. Es bringt auch nichts die Eltern hier zu bevormunden, das ändert nichts an der miserablen Verkehrsplanung. Kommen die Lehrer auch alle zu Fuß? Gehen Erwachsene auch alle zu Fuß zur Arbeit?
alexandercanazachambi 04.04.2019
4.
Das ist mir auch schon aufgefallen. Ich bin schon ein paar malzu spät gekommen, weil SuVs die ganze Farhbahn zugeparkt haben und der Bus einfach nicht mehr durchkommt. Diese entwicklung ist irgendwie merkwürdig. Passt irgendwie [...]
Das ist mir auch schon aufgefallen. Ich bin schon ein paar malzu spät gekommen, weil SuVs die ganze Farhbahn zugeparkt haben und der Bus einfach nicht mehr durchkommt. Diese entwicklung ist irgendwie merkwürdig. Passt irgendwie nicht in mein Bild der Generation X/Y.
spon-1310712841582 04.04.2019
5. Das Problem ist alt.
Nur leider ist mit Ermahnungen der Sache nicht beizukommen. Es hilft nur konsequent mal 4 Wochen lang Tickets zu verteilen, um die Gefährdung der Kinder zu beenden. Bei uns in der Gemeinde wurde sogar die Straße vor der Schule [...]
Nur leider ist mit Ermahnungen der Sache nicht beizukommen. Es hilft nur konsequent mal 4 Wochen lang Tickets zu verteilen, um die Gefährdung der Kinder zu beenden. Bei uns in der Gemeinde wurde sogar die Straße vor der Schule von 7:30 bis 9:00 und 12:30 bis 14:30 gesperrt - allerdings "Anlieger frei" . Erfolg? Minimal. Es wird jetzt über eine Schranke nachgedacht. Bloß nicht Tickets verteilen. Gestern hat mich der Fahrer eines PKWs angehupt damit ich vom Gehweg vor der Schule verschwinde - er wollte dort - auf dem Gehweg vor der Schule!!!! parken. Als ich ihm sagte, dass sei der Gehweg kein Parkplatz hat er mir Prügel angedroht. Einsicht bei Autofahrern? Nette Infoblätter verteilen? Kann man vergessen.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP