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Leben und Lernen

Schwuler Imam

"Der Prophet hat Homosexuelle beschützt"

Muslimischer Gelehrter - und schwul. Das schließt sich nicht aus, findet der homosexuelle Imam Ludovic-Mohamed Zahed. Er kämpft für einen toleranten Islam und sagt: Der Prophet war schwulenfreundlich.

imago/Bluephoto Agency

Imam Ludovic-Mohamed Zahed kämpft für einen toleranten Islam

Ein Interview von
Dienstag, 03.05.2016   10:25 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Sie geben an diesem Dienstag in Berlin einen Kurs für homosexuelle Muslime, denen es schwerfällt, ihren Glauben und ihre sexuelle Orientierung zu vereinbaren. Was sagen Sie ihnen als erstes?

Zahed: Ich fange immer damit an, dass es den Islam nicht gibt. Wir können nicht zum Hörer greifen und Herrn Islam anrufen, um ihn nach seiner Meinung zu fragen. Wir sind der Islam, wir gestalten unseren Glauben selbst.

Zur Person

Ludovic-Mohamed Zahed wuchs in Algerien und Frankreich auf. 2012 gründete er in Paris eine Moschee, die offen für homo- und heterosexuelle Menschen ist. Er hat in Anthropologie und Psychologie promoviert und hält weltweit Seminare und Vorträge, in denen er für eine liberalere Auslegung des Korans eintritt.

SPIEGEL ONLINE: Radikale Muslime sehen das anders. In ihrer Vorstellung vom Islam hat Homosexualität keinen Platz.

Zahed: Das sind Faschisten, die religiöse, ethnische und sexuelle Minderheiten verfolgen. Da geht es um Kontrolle, Macht und Geld, nicht um Spiritualität. In Krisenzeiten gewinnen Faschisten immer an Einfluss. Das war bei den Nazis so und bei den Kommunisten in Osteuropa. In Myanmar sind es gerade Buddhisten, die Muslime töten. Wer so etwas tut, ist ein Verbrecher, egal welcher Religion er angehört. Das hat mit dem Islam nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Warum steckt der Islam in einer Krise?

Zahed: Seit Jahrhunderten wurden Muslime kolonisiert, erst von Türken, dann von Briten und Franzosen. Als US-Präsident George Bush mehr Öl brauchte, marschierte er in den Irak ein, angeblich um die Demokratie zu bringen. Doch er brachte nur den Bürgerkrieg. Fast täglich passieren im Nahen Osten Anschläge. Dabei ist der Islam eigentlich eine friedliche und tolerante Religion.

SPIEGEL ONLINE: In Iran, Brunei und anderen muslimischen Ländern, die der Scharia folgen, steht Homosexualität allerdings unter Strafe.

Zahed: Die Scharia ist menschengemacht und sie hat sich über die Zeit immer wieder verändert. Wir beten doch kein Gesetz an, das wäre dumm und dogmatisch. Wir müssen die spirituelle Botschaft verstehen, die der Koran vermitteln will, und das ist eine Botschaft der Toleranz und des Friedens. Im Koran steht nirgendwo, dass Homosexualität verwerflich sei.

SPIEGEL ONLINE: Wenn nichts darüber drinsteht, lässt das aber viel Luft für Interpretation - in beide Richtungen.

Zahed: Der Islam war jahrhundertelang tolerant gegenüber homo- und transsexuellen Menschen. Der Prophet selbst, Friede sei mit ihm, hat sich für sie eingesetzt und sie beschützt. Er nahm "Mukhannathun", so hießen damals weibliche Männer, sogar in sein Haus auf. Im Koran steht zwar auch die Geschichte von Sodom und Gomorrha, aber da geht es um Vergewaltigung, nicht um Homosexualität.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie homosexuell sind?

Zahed: Mit 17 Jahren habe ich eine TV-Show in Algerien gesehen, in der einige Schwule über sich erzählten. Ich war angeekelt und gleichzeitig erleichtert. Endlich wusste ich, was mit mir los war. Vier Jahre später habe ich meine Familie um mich versammelt und mich geoutet. Mein Vater war nicht überrascht. Meine Mutter hat zwei Monate lang geweint und versucht, mich umzustimmen. Das hat natürlich nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat es gedauert, bis Sie den Islam und Ihre Homosexualität vereinbaren konnten?

Zahed: Ich dachte lange, dass das nicht möglich sein würde. Ich wollte schon als Kind Imam werden, aber nach fünf Jahren Koranschule habe ich mich zuerst sieben Jahre lang von der Religion abgewandt. Über den Buddhismus fand ich zurück zur Spiritualität. Ich pilgerte nach Tibet und lernte, dass wir unseren eigenen Weg finden müssen. Da dachte ich, dass ich das vielleicht auch mit dem Islam schaffen kann. Ich war überrascht, wie gut es ging.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihre Eltern heute?

Zahed: Sie haben verstanden, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern dass ich nun mal so bin, wie ich bin. Jetzt sagen sie, dass sie stolz auf mich sind. Aber es war ein langer Weg dorthin, und es hat viel Kraft gekostet, sie stolz zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele andere Imame kennen Sie, die offen schwul sind?

Zahed: Inzwischen sind wir etwa zehn weltweit. Das ist nicht viel, aber wir müssen ja irgendwo anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst vor Anschlägen?

Zahed: Ich bekomme Drohungen, aber noch viel öfter bekomme ich Zuspruch. Manchmal verstehen meine Kritiker auch, dass ich nicht provozieren will, sondern mich für einen menschlicheren Islam einsetze. Bis jetzt ist mir nichts passiert und ich bin glücklich und dankbar, dass ich so viel erreichen konnte. Ich habe keine Angst vor dem Tod, er ist nur eine andere Form des Bewusstseins. Doch bevor ich dahin übergehe, kann ich hoffentlich noch etwas bewegen.

Zaheds Kurse und Weiterbildungen

Ludovic-Mohamed Zahed forschte lange zu Islam und Homosexualität an einer Pariser Hochschule. Seit 2015 berät er hauptberuflich Asylrechtler, Politiker, Schulen und NGOs zu Themen wie Gleichberechtigung und religiöse Radikalisierung. Seine Organisation CALEM Cabinet veranstaltet Vorträge, Workshops sowie Kurse für Imame, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzen wollen. Am Dienstag den 3. Mai gibt er ein ganztägiges Training im Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule (MILES) in Berlin-Schöneberg, das sich an homosexuelle Migranten und Flüchtlinge richtet.

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Islam

Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.
Islam , Christentum und Judentum eint vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.
Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka ( Hadsch ). Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten , fast alle übrigen Sunniten .
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.
Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch göttlichen Ursprungs gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.
Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.
Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten , auf denselben Text.
Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.
Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mekka
Mekka ist als Geburtsort des Propheten Mohammed die heiligste Stadt und der wichtigste Wallfahrtsort des Islam . Mittelpunkt Mekkas ist die Kaaba im Hof der Hauptmoschee. Jeder Moslem muss einmal im Leben dieses Heiligtum im Westen von Saudi-Arabien besuchen - vorausgesetzt, seine Gesundheit und finanziellen Mittel lassen die Reise zu. Nicht-Moslems dürfen die nähere Umgebung der Stadt nicht betreten.
In der ganzen Welt richten sich die Gebetsnischen der Moscheen nach Mekka und zeigen damit den Betenden die Richtung an, in die sie sich niederzuwerfen haben.
Mekka ist ein reines Kult- und Kulturzentrum ohne Industrie oder Landwirtschaft.
Kaaba
Die Kaaba ist ein würfelförmiges Gebäude in Mekka , das heute von einer riesigen Moschee umbaut ist. Sie ist das Zentrum der islamischen Religion, zu ihr wenden sich alle Muslime beim Ritualgebet, zu ihr pilgern alljährlich Millionen Gläubige. Sie umkreisen den Bau und versuchen, den in die Ostecke eingelassenen schwarzen Stein (möglicherweise ein Meteorit) zu küssen.
Schon in vorislamischer Zeit war die Kaaba ein bedeutendes Heiligtum. Nach islamischer Vorstellung ist sie "das erste Haus Gottes auf Erden" (Sure 3, Vers 96), erbaut vom Propheten Abraham. Jedes Jahr zum Ende des Hadsch wird die Kaaba mit einem Überzug aus schwarzem Brokat neu eingekleidet.
Hadsch
Hadsch , die Pilgerfahrt nach Mekka im heutigen Saudi-Arabien ist eine der fünf Säulen des Islam . Sie findet im letzten Monat des islamischen Mondjahres statt. Fast drei Millionen Gläubige nehmen an den Riten teil, zu denen außer dem Umkreisen der Kaaba auch der Aufenthalt am Berg Arafat und eine symbolische Steinigung des Satans gehören. Nach dem Opferfest und der Rückkehr nach Mekka mit erneuter Umrundung der Kaaba endet der Weihezustand (arab. "Ihram"), in dem sich die Pilger befinden, und sie legen das Pilgergewand ab. Fortan dürfen die Männer den Ehrentitel Hadsch bzw. Hadschi führen, Frauen werden Hadscha genannt.
Bilderfeindlichkeit
Der Koran kennt kein Verbot der bildlichen Darstellung. Allerdings bezeichnet eine Vielzahl von Prophetenworten (Hadith) die Nachbildung von Mensch und Tier als blasphemisch und daher als verboten: Gott allein dürfe Lebewesen erschaffen. Daher vertraten sunnitische wie schiitische Rechtsgelehrte seit dem 8. Jahrhundert eine bilderfeindliche Haltung.
Trotzdem entwickelte sich in der islamischen Welt eine reiche Maltradition, die im 12. Jahrhundert in der Buchkunst ihren Ausgang nahm. Im 14. Jahrhundert entstanden sogar Illustrationen, die Szenen aus dem Leben des Propheten Mohammed zeigen. Nur der Koran wurde nie bildlich verziert.

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