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Leben und Lernen

Krach ums Abitur

Nicht mit "Geradenbüscheln" gerechnet

Aufstand in Sachsen. Eltern und Schüler klagen, dass die Mathe-Aufgaben in der schriftlichen Abiturprüfung zu schwierig gewesen seien. Das Kultusministerium wiegelt ab, muss aber zugestehen, dass es in anderen Fächern peinliche Fehler in der Aufgabenstellung gegeben hat.

Von Reiner Kramer
Dienstag, 10.06.2003   10:51 Uhr

Dresden - "Fast in jeder Aufgabe wurden Fallen gestellt, die der normale Schüler nicht lösen kann", protestiert Fried Stwrtetschka, stellvertretender Vorsitzender des Landeselternrats (LER) Sachsen. Die Aufgaben seien als Zusatzaufgaben für den Leistungskurs geeignet, aber nicht für den Grundkurs. Er habe die Aufgaben von Mathe-Lehrern Probe rechnen lassen: "Erst 15 Minuten vor dem Ende konnten sie die auf vier Stunden angesetzte Klausur abschließen." Die Schüler hätten zwei Stunden länger Zeit für die schweren Prüfungsaufgaben benötigt.

Das sächsische Kultusministerium jedoch wiegelt ab: "Die Abiturienten haben in Mathematik sicher anspruchsvolle Aufgaben erhalten, aber sie sind - aufs Ganze gesehen - damit zurechtgekommen", sagte der Staatsminister für Kultus, Karl Mannsfeld. Die Ergebnisse lägen im Rahmen der vergangenen Jahre. Der landesweite Notenschnitt für den Mathe-LK liegt bei 3,5; im Grundkurs - wie schon 2000 - bei 4,0.

"Erschreckend" sei es, kommentiert Stwrtetschka, "wenn im Staatsministerium seit Jahren bekannt ist, dass sich der Durchschnittswert für Mathematiknoten um den Wert vier herum bewegt und man nicht darauf reagiert".

Manfred Reitz, Schulleiter der Dreikönigsschule in Dresden, vermutet, dass das Ergebnis an seiner Schule schlechter als im Vorjahr ausfallen wird. "Die Mathe-Prüfung war schwer", sagt er, "aber nicht zu schwer." Oft seien die Aufgaben einfach "ungeschickt formuliert" gewesen, meint Reitz. "Grund zur Klage" gebe es aber keinen.

Der LER protestiert gegen die Verwendung von "Geradenbüscheln" in der Grundkurs-Klausur. Denn die würden im Lehrplan nur als Zusatz im Leistungskurs ausgewiesen. Landesschülersprecherin Julia Bonk sieht zwei mögliche Konsequenzen: "Entweder wird die entsprechende Frage aus der Bewertung herausgenommen, oder die Klausur wird wiederholt."

Das Kultusministerium erklärte aufgrund der Kritik, dass die Aufgaben für das Mathe-Abitur sowohl im Grund- wie im Leistungskurs in allen Teilen lehrplankonform waren. Dies sei noch einmal dezidiert überprüft worden. Es sei jedoch das Anforderungsniveau als Konsequenz der Pisa-Studie verändert worden, erklärte das Ministerium weiter: "von eher rechenintensiven Aufgaben hin zu mehr denkintensiven Anforderungen".

In den Abiturprüfungen sind weitere Pannen aufgetreten. Der Sprecher des Kultusministeriums, Dieter Herz, räumte ein, dass es "peinliche Fehler" bei den Prüfungstexten gegeben habe. Wolfgang Sembdner, Vorsitzender des LER Sachsen, beschwert sich in einem Brief an das Kultusministerium: In der Deutsch-LK-Klausur sei der Schlemihl - aus Chamissos Werk "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" - mal mit, mal ohne "h" geschrieben worden. Rechtschreibfehler habe es auch in der Englisch-LK-Klausur gegeben. Und in einer Musikprüfung seien falsche Noten zum Hörbeispiel ausgegeben worden - erst nach zwei Stunden seien sie durch die richtigen ersetzt worden.

Auch der Landtag in Dresden wird sich bei seiner nächsten Sitzung auf Bestreben von PDS und SPD mit den zu schweren Prüfungen befassen.

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