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Leben und Lernen

Tod auf Klassenfahrt

Welche Aufsichtspflicht haben Lehrer?

Eine zuckerkranke Schülerin ist auf einer Klassenfahrt gestorben, jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Lehrer. Welche Pflichten haben Lehrkräfte auf Klassenfahrten, und wie müssen Eltern sie informieren? Der Überblick.

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Bei Klassenfahrten kann es vorkommen, dass zusätzliche Begleitpersonen die Schüler gar nicht kennen

Mittwoch, 04.09.2019   17:36 Uhr

Nach dem Tod einer 13-Jährigen mit Diabetes auf einer Klassenfahrt in London ermittelt die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung: Lehrer oder andere Aufsichtspersonen sollen sich zu spät um die Schülerin gekümmert haben - obwohl Mitschüler darauf hingewiesen haben sollen, dass es dem Mädchen nicht gut gehe.

Zu dem Einzelfall äußert sich die Schulbehörde in Nordrhein-Westfalen nicht. Doch der tragische Vorfall wirft generelle Fragen auf: Welche Pflichten haben Lehrer auf Klassenfahrten, worauf müssen sie bei kranken Kindern achten?

Welche Aufsichtspflichten haben Lehrer auf Klassenfahrt?

Lehrer übernehmen auf Klassenfahrten - genau wie auf dem Pausenhof oder im Klassenzimmer - dasselbe Maß an Verantwortung, das sonst Eltern für ihre Kinder tragen, erläutert Volker Busch, Justiziar der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Einzelheiten regeln die Länder. So heißt es etwa in den "Richtlinien für Schulfahrten" aus Nordrhein-Westfalen, dass für Art und Umfang der Aufsicht Alter, Entwicklungsstand, Behinderungen oder chronische Erkrankungen der Schülerinnen und Schüler relevant seien. Die Kinder und Jugendlichen müssten zwar nicht permanent betreut werden, aber Begleitpersonen müssten jederzeit erreichbar und ansprechbar sein.

Müssen Lehrer dafür sorgen, dass Kinder auf Klassenfahrt genug essen?

Wie viel Kinder essen wollen, bleibe ihnen selbst überlassen, sagt GEW-Jurist Busch. Bei Schülern, die auf eine regelmäßige Ernährung oder wie bei Diabetes auf eine bestimmte Ernährungsweise angewiesen seien, müssten die Lehrer laut dem Schulministerium in NRW aber darauf achten, dass die Gesundheit der Kinder nicht gefährdet werde. Konkrete Vorgaben dazu gebe es nicht, da das bei jedem Kind unterschiedlich sein könne.

Was ist, wenn ein Kind auf Klassenfahrt krank wird?

Die Lehrer müssen in jedem Fall reagieren und angemessene Maßnahmen ergreifen, sagt Busch. Ein krankes Kind sich selbst oder den Mitschülern zu überlassen, geht also nicht.

Ob Lehrer die richtigen Maßnahmen ergreifen können, hänge aber damit zusammen, ob sie von einer Vorerkrankung des Kindes wissen. Nicht immer informierten Eltern die Lehrer vorab. Bei Klassenfahrten komme es zudem vor, dass Begleitpersonen die Schüler nicht kennen, so Busch.

Welche Pflichten haben die Eltern?

Eltern müssen Lehrer darüber informieren, wenn Kinder Erkrankungen haben, die sie während der Klassenfahrt beeinträchtigen könnten. Nur dann hätten Lehrkräfte die Möglichkeit, angemessen zu handeln, heißt es aus dem Schulministerium NRW.

Nicht immer könnten Eltern oder Lehrer damit rechnen, dass ein solcher Fall eintrete, sagt GEW-Justiziar Busch. Etwa wenn das Kind eine bislang unbekannte Nahrungsmittelallergie hat und beim Essen von Erdnüssen einen allergischen Schock bekommt.

Was ist bei Inklusionsschülern oder chronisch kranken Kindern zu beachten?

Auf der einen Seite sei der Umgang hier einfacher, sagt Busch, da besondere Bedürfnisse der Schüler bekannt seien und kommuniziert werden könnten. Allerdings können Lehrkräfte nicht dazu verpflichtet werden, Kindern beispielsweise Medikamente zu geben, heißt es in einer Handreichung aus NRW. Hierfür müssten alle Beteiligten - Eltern, Lehrer und Schüler - einverstanden sein.

Welche Konsequenzen drohen Lehrern bei Verletzung der Aufsichtspflicht?

Lehrer stünden mit einem Bein im Gefängnis, heißt es oftmals über die angeblich schwer zu erfüllende Verantwortung der Lehrkräfte. "Wenn es so schlimm wäre, wie es pauschal dargestellt wird, würde kein Lehrer auf Klassenfahrt gehen", sagt GEW-Justiziar Busch.

Ob Lehrer ihre Aufsichtspflicht verletzt haben oder nicht, werde bei Beamten meist in einem Disziplinarverfahren geprüft. Folgen könnten je nach Vergehen ein Verweis, eine Geldbuße, eine Degradierung oder sogar der Jobverlust sein.

Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch kann die Verletzung der Aufsichtspflicht zu Schadensersatzforderungen führen. Hier haftet aber normalerweise die Schulbehörde, nicht der einzelne Lehrer. Ein schwerer Straftatbestand, der sich aus der Verletzung der Aufsichtspflicht ergeben kann, ist die fahrlässige Tötung, die mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden kann.

sun

insgesamt 23 Beiträge
ole#frosch 04.09.2019
1. Nur halb zum Thema
Erste Hilfe durch Lehrer. Erst im April gab es hierzu ein Urteil durch das Bundesverfassungsgericht. Trotzdem ist noch immer nicht klar geregelt, was Erste Hilfe durch Lehrer bzw. Erzieher bei den ihnen anvertrauten Kindern [...]
Erste Hilfe durch Lehrer. Erst im April gab es hierzu ein Urteil durch das Bundesverfassungsgericht. Trotzdem ist noch immer nicht klar geregelt, was Erste Hilfe durch Lehrer bzw. Erzieher bei den ihnen anvertrauten Kindern umfasst. Aktuell gehen die gängigen Meinungen dahin, dass es rwicjt, wenn der Lehrer, Erzieher den Notruf wählt. Herz Lungen Wiederbelebung oder gar die gabe von Notfallmedikamenten ist in den meisten Bundesländern nicht geregelt. Es herrscht zwar Schulpflicht, ich muss mein Kind in die Schule geben, aber sollte es Anaphylaxie gefährdet sein, dann darf der Lehrer beim Sterben zusehen und muss die vorhanden, vom Arzt verschrieben Notfallmedikamente nicht geben. Obwohl diese extra für Laien bei der Ersten Hilfe gedacht sind. Deshalb hoffe ich, durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, gibt es hier ein umdenken und eine Pflicht zur Ersten Hilfe für Lehrer und Erzieher, über das Maß eines Anrufs hinaus. Selbstverständlich begleitet durch jährliche Schulungen der Ersten Hilfe inklusive erkennen von fieberkrampf, Anaphylaxie und Zuckerschock etc. Und in der Gabe der Notfallmedikamente.
aumpa 04.09.2019
2. so kalt
Mein herzliches Beileid den Eltern und allen trauernden Angehoerigen. Fuer die Mitschuelerinnen und Mitschueler muss das ja der absolute Horror gewesen sein. Was der kleinen Maus da geschehen ist macht mich noch heute [...]
Mein herzliches Beileid den Eltern und allen trauernden Angehoerigen. Fuer die Mitschuelerinnen und Mitschueler muss das ja der absolute Horror gewesen sein. Was der kleinen Maus da geschehen ist macht mich noch heute voellig traurig, aber auch sehr wuetend. Was ist denn da gelaufen?
austenjane1776 04.09.2019
3. Lehrer sind keine Ärzte. Klassenfahrten streichen.
Neben dem normalen Chaos mit 24-Stunden-Schichten für Lehrer, Suff, Schwangerschaften und Drogenproblemen mit 30 Leuten im Ausland usw sollen jetzt noch schwerkranke Schüler gepflegt werden? Das ist völlig unmöglich. Lehrer [...]
Neben dem normalen Chaos mit 24-Stunden-Schichten für Lehrer, Suff, Schwangerschaften und Drogenproblemen mit 30 Leuten im Ausland usw sollen jetzt noch schwerkranke Schüler gepflegt werden? Das ist völlig unmöglich. Lehrer sollen Pillen oder Spritzen geben, aufpassen, dass "Inklusions"-Schüler nicht austicken oder weglaufen? Das ist unzumutbar. Vor allem im Ausland. Da geht der Lehrer noch vor Gericht, weil er so dumm war, mit Problemschülern zu fahren. Und der "Dienstherr" repetiert fröhlich seine Vorschriften dazu.... Kranke und "Inklusions"-Fälle brauchen eine permanente qualifizierte Begleitperson, die den Job macht. Oder sie bleiben zu Hause. Ich denke, der Trend geht, mit "Greta" - zur Abschaffung der Fahrten. Wer will, reist per Billigflug privat. Der Rest braucht die Unterrichtszeit zum Lernen. Und die mitreisenden Lehrer fallen nicht aus, um 24 Stunden pro Tag auf teilweise schwererziehbare aufzupassen - mit voller Haftung? Nein Danke. Liebe Kolleginnen und Kollegen, weigert euch. Diese Haftung kann eure Familien umbringen. Heute reisen alle Schüler selber - das muss nicht mehr die Schule machen. Wir sollten uns auf die Einstellungstests konzentrieren, damit unsere Schüler mal ne Ausbildung kriegen. Das ist wichtiger fürs Leben.
austenjane1776 04.09.2019
4. Bei Schwerkranken muss eine Begleitperson her
Lehrer sind knapp. Wenn Sie die noch zu Hilfsärzten machen wollen, kriegen Sie gar keine mehr. Wenn ein schwerkrankes Kind kollabiert - und Sie werfen da irgendwas rein - und nachher hatte es was ganz anderes, dann sind Sie [...]
Zitat von ole#froschErste Hilfe durch Lehrer. Erst im April gab es hierzu ein Urteil durch das Bundesverfassungsgericht. Trotzdem ist noch immer nicht klar geregelt, was Erste Hilfe durch Lehrer bzw. Erzieher bei den ihnen anvertrauten Kindern umfasst. Aktuell gehen die gängigen Meinungen dahin, dass es rwicjt, wenn der Lehrer, Erzieher den Notruf wählt. Herz Lungen Wiederbelebung oder gar die gabe von Notfallmedikamenten ist in den meisten Bundesländern nicht geregelt. Es herrscht zwar Schulpflicht, ich muss mein Kind in die Schule geben, aber sollte es Anaphylaxie gefährdet sein, dann darf der Lehrer beim Sterben zusehen und muss die vorhanden, vom Arzt verschrieben Notfallmedikamente nicht geben. Obwohl diese extra für Laien bei der Ersten Hilfe gedacht sind. Deshalb hoffe ich, durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, gibt es hier ein umdenken und eine Pflicht zur Ersten Hilfe für Lehrer und Erzieher, über das Maß eines Anrufs hinaus. Selbstverständlich begleitet durch jährliche Schulungen der Ersten Hilfe inklusive erkennen von fieberkrampf, Anaphylaxie und Zuckerschock etc. Und in der Gabe der Notfallmedikamente.
Lehrer sind knapp. Wenn Sie die noch zu Hilfsärzten machen wollen, kriegen Sie gar keine mehr. Wenn ein schwerkrankes Kind kollabiert - und Sie werfen da irgendwas rein - und nachher hatte es was ganz anderes, dann sind Sie im Sack. Schwere Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung. Entweder schnell die 112 oder eine Begleitperson. Kenne ich von der Kita meiner Kinder. Lehrer und Erzieher sind keine Ärzte!!!! Und sie müssen diese Verantwortung nicht tragen. Ist ein Kind schulfähig, muss dieses "Was geb ich jetzt-Lotto" nicht sein. Begleitperson oder Spezialschule. Würde man auch mich als Lehrer zugehen, würde ich die Verantwortung schriftlich ablehnen. In einer 30er-Klasse sind Lehrer so gefordert, dass sie gesundheitliche Probleme gar nicht mitkriegen. Schluss mit weiteren Forderungen an Lehrer. Lehrer müssen unterrichten und erziehen usw - das ist bereits schwer genug. Das muss reichen.
rhywden 04.09.2019
5. Nicht ganz
"dann darf der Lehrer beim Sterben zusehen und muss die vorhanden, vom Arzt verschrieben Notfallmedikamente nicht geben. Obwohl diese extra für Laien bei der Ersten Hilfe gedacht sind." Rechtlich gesehen DÜRFEN wir [...]
"dann darf der Lehrer beim Sterben zusehen und muss die vorhanden, vom Arzt verschrieben Notfallmedikamente nicht geben. Obwohl diese extra für Laien bei der Ersten Hilfe gedacht sind." Rechtlich gesehen DÜRFEN wir derartige Medikamente nicht einfach so verabreichen. Es ist verboten und wir Lehrer würden uns der Körperverletzung schuldig machen. Wir dürfen sie nur verabreichen, wenn der Schule vorher(!) eine von den Eltern und vom behandelnden Arzt unterzeichnete Einwilligung und Unbedenklichkeitsbescheinigung vorliegt. Und raten Sie mal, wie viele Ärzte so etwas unterschreiben werden... Das war der Stand unserer Erste-Hilfe-Auffrischung vor einem halben Jahr.
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