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Leben und Lernen

Studenten über Bafög

"Ich kam mir vor wie eine dumme Bittstellerin"

Komplizierte Formulare, Monate ohne Einkommen, unhöfliche Sachbearbeiter: Drei Bafög-Empfängerinnen und -Empfänger berichten, wie es ihnen bei der Antragstellung erging.

Getty Images/Hero Images

Studentin am Laptop (Symbolbild)

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Mittwoch, 23.01.2019   13:29 Uhr

BWL-Studentin, 27, aus Bayern: "Das Amt sagte mir, ich solle meinen Vater verklagen"

"Schon bevor ich mit dem Studium angefangen habe, musste ich Bafög beantragen. Eigentlich wollte ich elternunabhängiges Bafög, weil ich schon gearbeitet hatte und ich zu meinen Eltern nicht den besten Kontakt habe, aber das ging leider nicht.

Schon zwei Mal wurde mein Bafög-Antrag abgelehnt, weil ich die Fristen nicht eingehalten hatte. Aber das war nicht meine Schuld. Mein Vater hat Unterschriften vergessen, Nachweise nicht erbracht, Anträge falsch ausgefüllt. Und meine Mutter lebt schon seit 20 Jahren in einer Unterkunft für psychisch kranke Menschen.

Weil ich die Fristen verpasst hatte, musste ich einige Monate ohne Einkommen überbrücken. Das war nicht leicht und ging nur mit Nebenjobs. Ich arbeite schon seit dem ersten Semester neben dem Studium - samstags und sonntags in einer Bäckerei auf 450-Euro-Basis. Wenn ich sehr sparsam lebe, brauche ich 500 Euro im Monat, aber dann kann ich mir wirklich gar nichts mehr für mich leisten.

Ich bin auch schon mehrmals umgezogen, weil die Miete zu teuer war. Mit meinem jetzigen Zimmer hatte ich großes Glück, ich zahle dafür nur 200 Euro im Monat. Mein Bafög liegt bei 350 Euro, davon gehen 92 Euro für die Krankenkasse ab.

Laut Bafög-Bescheid müsste mir mein Vater 400 Euro im Monat geben, weil er so viel verdient. Aber das macht er nicht. Das Amt sagt mir, ich sollte ihn verklagen. Aber das würde ich niemals tun, dann könnte ich ja nie wieder nach Hause fahren. Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, dass er mir 200 Euro im Monat gibt.

Meine Lebensmittel kaufe ich nur bei Discountern, ich esse viel Obst und Gemüse - aber Bio kann ich mir leider nicht leisten. Wenn ich Geld übrig habe, spare ich alles, denn bald möchte ich ein Auslandssemester machen. Aber auch dort werde ich mir wohl irgendeinen Kellner-Job suchen müssen."

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Medizin-Student, 31, aus Niedersachen: "Arbeiten würde sich für mich nicht lohnen"

"Ich bekomme 1125 Euro Bafög im Monat. Das ist mehr, als die meisten anderen Studenten erhalten. Aber ich bin auch kein typischer Student. Ich bin 31 Jahre alt und studiere seit knapp drei Jahren Medizin in Niedersachsen. Jedes Wochenende fahre ich zu meiner Lebensgefährtin nach Thüringen. Wir haben zusammen drei Kinder, und sie hat noch eine älteres Kind mit in die Beziehung gebracht. Für jedes leibliche Kind erhalte ich einen Zuschlag von 150 Euro.

Den Bafög-Antrag finde ich ziemlich kompliziert, vor allem weil wir verschiedene Leistungen vom Staat erhalten - also Elterngeld, Kindergeld und Wohngeld. Eigentlich könnte ich in den Semesterferien arbeiten gehen, ich bin ausgebildeter Physiotherapeut, aber das würde sich für uns kaum lohnen. Dann riskieren wir, dass meiner Lebensgefährtin das Wohngeld gekürzt wird, weil mein Einkommen steigt. Außerdem wäre das ein riesiger bürokratischer Aufwand, weil ich jede Veränderung dem Bafög-Amt mitteilen muss.

Als ich 30 geworden bin, bin ich aus der studentischen Krankenversicherung rausgeflogen. Seitdem zahle ich hundert Euro mehr. Das finde ich ungerecht.

Ich muss schon sehr auf das Geld achten, den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist mein Auto - ein Skoda Kombi. Wenn ich ein neues Handy brauche, dann kann ich mir das nur von meinen Eltern wünschen. Urlaub können wir mit vier Kindern eigentlich gar nicht machen. Der letzte Urlaub war ein verlängertes Wochenende in einer Ferienwohnung in der Lüneburger Heide."

Getty Images/Westend61

Studentin (Symbolbild)

Rechts-Referendarin, 28, aus Nordrhein-Westfalen: "Ich fand es demütigend, beim Amt um Geld zu bitten"

"Bei meinem ersten Bafög-Antrag hatte ich mich mehrmals an das Amt gewandt, weil ich Hilfe brauchte. Zur telefonischen Sprechstunde erreichte ich niemanden, deswegen ging ich hin, gab alles ab, und die Bearbeiterin sagte mir, alles sei vollständig. Vier Wochen später erhielt ich ein Schreiben, dass noch Dokumente fehlten.

Ich sollte nachweisen, dass ich versucht hatte, meinen Vater - zu dem ich seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatte - zu erreichen. Ich sollte ihm einen Brief schreiben. Den schickte ich mit Einschreiben. Aber das reichte dem Amt nicht. Ich musste erneut ein Einschreiben mit Rückschein abschicken. Als er die Annahme verweigerte, erkannte das Amt an, dass er keinen Kontakt zu mir wollte.

Die Bearbeiter kümmerten sich anschließend selbst darum. Doch das Prozedere mit dem Einschreiben musste ich jedes Jahr wiederholen - auch wenn es aussichtslos war, so an Informationen zu gelangen.

Bis er die Unterlagen dann herausgab, verstrich wieder Zeit. Als ich nachfragte, warum es so lang dauerte, und erwähnte, dass ich Geld für Lebensmittel bräuchte, sagte mir jemand vom Amt, ich könne ja zur Tafel gehen, wenn ich Hunger hätte.

Unfassbar, oder? Ich kam mir ohnehin schon wie eine dumme Bittstellerin vor. Ich fand es immer sehr demütigend, beim Amt um Geld zu bitten. Eine Mitarbeiterin unterstellte mir sogar einmal, ich würde lügen, als ich sagte, ich bekäme keine Geldgeschenke von meinen Großeltern.

Insgesamt dauerte es ein halbes Jahr, bis mein Antrag genehmigt wurde und ich Geld erhielt. Nach dem zweiten oder dritten Antrag erhielt ich eine neue Bearbeiterin, bei ihr klappt dann alles ziemlich reibungslos.

Weil das Bafög nie reichte, arbeitete ich bereits seit dem ersten Semester neben meinem Jurastudium. Zuerst in einer Diskothek, später in einem Bistro, dann als Werkstudentin bei einem Anwalt. Als ich einmal einen Kurs wechseln musste, weil ich ihn nicht mit der Arbeit vereinbaren konnte, sagte mir ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, ich solle lieber BWL studieren, mit einem Nebenjob könne ich Jura vergessen. Meinen Abschluss habe ich trotzdem geschafft, allerdings brauchte ich dafür zwei Semester länger.

Ich bin dafür, dass das Bafög elternunabhängig gezahlt wird. Dann würden zwar auch diejenigen Bafög kriegen, die reiche Eltern haben, aber man würde sich sehr viel bürokratischen Aufwand sparen. Außerdem sollte das Bafög angeglichen werden: Wer in München wohnt, braucht mehr Geld zum Leben als in Greifswald."

insgesamt 54 Beiträge
Kurt-C. Hose 23.01.2019
1. Alles nicht neu
Mein Studium ist Jahrzehnte her, aber meine Mitstudenten und ich haben exakt das Gleiche erlebt. Das Bafög war unglaublich bürokratisch, aufwändig zu beantragen und wir haben alle nebenbei gejobbt. Trotzdem finde ich es gut, [...]
Mein Studium ist Jahrzehnte her, aber meine Mitstudenten und ich haben exakt das Gleiche erlebt. Das Bafög war unglaublich bürokratisch, aufwändig zu beantragen und wir haben alle nebenbei gejobbt. Trotzdem finde ich es gut, dass es sowas wie das Bafög überhaupt gibt. Ist doch schön. Und immerhin ist das Studium selbst nahezu kostenlos. Das ist in vielen Ländern nicht der Fall. Mit Bafög und Nebenjob kann hier jeder studieren, der das will - find ich großartig.
spon_7302413 23.01.2019
2. Behördenalltag
Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Ob beim Verkehrsamt, wo ich schon als einziger "Kunde" durch offenen Türen vier sehr beschäftigen Mitarbeitern beim Zeitung lesen, Akten sortieren und Telefonieren zusehen durfte - [...]
Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Ob beim Verkehrsamt, wo ich schon als einziger "Kunde" durch offenen Türen vier sehr beschäftigen Mitarbeitern beim Zeitung lesen, Akten sortieren und Telefonieren zusehen durfte - über einen halbe Stunde lang, oder bei Baubehörden, die die gleichen Anträge auch schon mal mehrfach anfordern und die Kosten durch Verschleppung in die Höhe treiben, oder bei Genehmigunganfragen und Antragstellungen für dies und das. Immer wieder bekommen Bürger den Eindruck, die Sachbearbeiter müssten ihr eigenes Geld heraus rücken, oder quälen sich in ihrer Freizeit aufopfernd durch die Mühen, die ihnen diejenigen bereiten, für die sie eigentlich arbeiten sollten - und von denen sie letztlich auch bezahlt werden. Insgesamt scheint es so zu sein, dass sich im Behördenalltag eine Haltung entwickelt, als ob die die Bürger Verfügungsmasse, Beschäftigungs- und Auskommensgaranten für die Behördenmitarbeiter sind, anstatt umgekehrt, die Behörden FÜR die Bürger und Antragsteller arbeiten. Das ist leider sehr viel weiter verbreitet, als dem Land und seinen Bürgern gut tut. Und nur sehr wenige Beschwerden werden nicht im Dickicht herumgescheucht, um sich zu Tode zu laufen. Ich bedaure aufrichtig jeden Menschen, der auf die Unterstützung durch diese nicht seltenen Ausnahmefälle angewiesen sind. Diejenigen, die entgegenkommend und freundlich sind, gibt es aber auch. Leider begegneten mir diese netten Behördenmitarbeiter bislang eher selten. Wundern kann das nicht. Bürokratie entwickelt ein Eigenleben und eine Selbstverteidigungs- und Rechtfertigungsmentalität. Und wer dann auch noch unkündbar ist und nicht belangt werden kann, macht eben irgendwann "sein ganz eigenes Ding". Diese Art der Bürokratie ist aber absehbar endlich. Ein paar Jahrzehnte weiter wird das alles von einer KI und online erledigt werden. Ob es dann besser wird, muss sich allerdings erst erweisen...
meine_ansicht 23.01.2019
3. Was genau wollen die drei Studenten?
Es wird doch nicht ernsthaft irgendwer wollen, dass man vom Staat einfach nur Geld bekommt, weil man eine Immatrikulationsbescheinigung hat? Und natürlich muss man deshalb nachweisen, dass die Eltern nicht für einen aufkommen [...]
Es wird doch nicht ernsthaft irgendwer wollen, dass man vom Staat einfach nur Geld bekommt, weil man eine Immatrikulationsbescheinigung hat? Und natürlich muss man deshalb nachweisen, dass die Eltern nicht für einen aufkommen können oder wollen. Sonst müsste keiner mehr Harz !V beantragen, sondern lässt sich in ein Fach ohne NC einschreiben und klagt über das schlecht Verhältnis zu seinen Eltern. Spätestens, wenn sich jemand, der mit über 30 noch mal anfangen will zu studieren, ungerecht behandelt fühlt, weil er von der Solidaritätsgemeinschaft immernoch nicht genug Geld bekommt, dann finde ich das nicht mehr lustig, sondern traurig. Und wenn man das Bafög elternunabhängig machen will, dann müsste man auch anfangen es zu belohnen, wenn man nebenher arbeitet und in der Regelstudienzeit bleibt. Wieso beschweren sich alle drei, dass sie neben dem Studium noch arbeiten müssen? Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Jeder studiert für sich und sein Interesse an dem Thema und seiner Karriere. Der Staat leistet hier schon mehr als genug durch mehr oder weniger kostenfreie Studiengänge. Wer mehr will ist genau das was die letzte Dame aus irgendwelchen Gründen meint nicht zu sein: Ein Bittsteller. Ob die Dame sich dabei dumm fühlt ist nun wirklich ihr Problem.
Patenting 23.01.2019
4. Macht macht abhängig
Je komplizierter und undurchschaubarer das Verfahren, desto mehr Grösse und Macht bekommt der Staatsapparat über den einzelnen Bürger. Deshalb fordern Politiker ja auch dauernd neue Verteilungs-, Kontroll-, und [...]
Je komplizierter und undurchschaubarer das Verfahren, desto mehr Grösse und Macht bekommt der Staatsapparat über den einzelnen Bürger. Deshalb fordern Politiker ja auch dauernd neue Verteilungs-, Kontroll-, und Förderprogramme, deren Regeln am Ende nur noch studierte Fachleute verstehen.
kkllaauussii 23.01.2019
5. Bafög elternunabhängig und unbürokratisch
Es könnte so einfach sein: Auf Antrag gibt es Bafög in einer Höhe bis zu X. Darunter frei wählbar. Einzig der Nachweis einer Bafög würdigen Ausbildung (Studium/ Doktorand/ Meister/ Ausbildungsaufstockung etc.) ist [...]
Es könnte so einfach sein: Auf Antrag gibt es Bafög in einer Höhe bis zu X. Darunter frei wählbar. Einzig der Nachweis einer Bafög würdigen Ausbildung (Studium/ Doktorand/ Meister/ Ausbildungsaufstockung etc.) ist erforderlich. Rückzahlung des Bafög x Jahre nach dem Ende der Ausbildung. Rückzahlungsrabatte je nach Leistung oder ähnlichen Kriterien. Zwar würden einige "Reiche" auch in den Genuß kommen, aber so what. Weniger Bürokratie, weniger Finanzschwelle und alles in allem kostet das Ganze am Ende, verglichen mit dem jetzigen Aufwand, nicht viel mehr.

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