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Leben und Lernen

Prozess in Kassel

Professor verteidigt umstrittene Aussagen über Homosexuelle

Weil er Homosexuellen eine Neigung zur Pädophilie unterstellte, steht der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera vor Gericht. Dort bekräftigt er seine Ansichten.

Horst Galuschka/ imago images

Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera (Foto aus dem Jahr 2012)

Mittwoch, 05.06.2019   21:41 Uhr

Am Kasseler Amtsgericht hat ein Prozess gegen den Biologie-Professor Ulrich Kutschera begonnen. Laut einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft Kassel soll der Hochschullehrer in einem Interview homosexuellen Personen eine grundsätzliche Neigung zum sexuellen Missbrauch von Kindern vorgeworfen haben. Der Professor soll die Aussagen unter dem Vorwand angeblicher "biowissenschaftlicher Fakten" gemacht haben.

Auch zum Prozessauftakt ließ Kutschera Definitionen aus dem Bereich der Biologie vorlesen. Außerdem beantragte die Verteidigung, ein Buch des Wissenschaftlers als Beweis in den Prozess einzuführen. "Erst nach Einführung des Buches wird ersichtlich werden, dass Äußerungen auf biologischem Fachwissen beruhen", sagte sein Anwalt.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 64-Jährigen unter anderem Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und Verleumdung vor. Konkret geht es um ein Interview, das Kutschera anlässlich des Beschlusses der "Ehe für alle" im Jahr 2017 der konservativen katholischen Nachrichtenseite "kath.net" gegeben hatte. Er hatte darin unter anderem gesagt, er sehe durch das Adoptionsrecht für Homosexuelle "staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen".

In gleichgeschlechtlichen Ehen lebende Kinder soll Kutschera laut Anklage als "bemitleidenswerte Befruchtungs-Produkte" bezeichnet haben, deren Erziehung in Form "geistiger Vergewaltigung" erfolge.

"Männer wollen einfach eine nette Frau"

Die Äußerungen hatten unter Studenten der Universität Kassel Proteste ausgelöst und auch die hessische Landesregierung sowie das Rektorat der Universität auf den Plan gerufen. Kutschera ist nach Angaben der Universität seit 1993 Professor in Kassel. Wegen des Interviews hatten mehrere Homosexuelle und Kasseler Studentenvertreter Anzeige erstattet.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 64-Jährigen außerdem vor, sich bei einem Verkehrsunfall im September 2017 unerlaubterweise von einem Parkplatz entfernt zu haben.

Kutschera hatte zuvor bereits mit Äußerungen zur "Geschlechteridentität" provoziert und auf Studien hingewiesen, die angeblich zeigen sollen, "dass Männer über alle Kulturen hinweg deutlich jüngere, attraktive, fertile, nicht besonders wortgewandte Frauen bevorzugen".

Der Biologe formulierte daraus das Fazit: "Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen." Die Geschlechterforschung bezeichnete er als "quasi-religiöse Strömung" und "Krebsgeschwür".

Der Prozess wurde am Abend ohne Urteil ausgesetzt. Nun soll ein neuer Termin gefunden werden.

fek/dpa

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