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Leben und Lernen

Ostdeutschland

Wo die Rettung für schrumpfende Hochschulen herkommt

41 Hochschulstandorte, vor allem in Ostdeutschland, schrumpfen. Eine neue Studie zeigt, wie sie sich retten können - und was auf westdeutsche Unis und Fachhochschulen noch zukommt.

imago

Internationale Studentinnen an der Bergakademie Freiberg (Archivbild)

Von
Dienstag, 19.03.2019   09:04 Uhr

Obwohl sich die Zahl der Studierenden in Deutschland mit 2,9 Millionen auf einem historischen Höchststand bewegt, haben 41 Unis und Fachhochschulen massive Probleme: Bei ihnen gingen die Studentenzahlen seit 2012 gegen den allgemeinen Trend zurück.

"Dieser Rückgang verschärft mittelfristig die bereits heute entstandenen Fachkräfteengpässe vor Ort", heißt es in einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Darin wird untersucht, wie die betroffenen Hochschulstädte mit dem Problem umgehen - und ob ausländische Studierende helfen können, den Schwund aufzuhalten.

Zwar werden die einzelnen Hochschulen mit schrumpfenden Studentenzahlen nicht benannt, wohl aber die Bundesländer: Am stärksten betroffen sind demnach Sachsen (8 Hochschulstandorte), Thüringen (7) und Sachsen-Anhalt (6). Keine einzige schrumpfende Hochschule gibt es in Baden-Württemberg, Berlin, Bremen, Hessen und Schleswig-Holstein.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Mehr zur Studie

Wer hat die Studie durchgeführt?
Die Untersuchung wurde vom Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR-Forschungsbereich) erstellt. Genauer Titel: "Dem demografischen Wandel entgegen. Wie schrumpfende Hochschulstandorte internationale Studierende gewinnen und halten".
Welche Daten wurden genutzt?
Die Studie nutzt Studentenzahlen aus den Jahren 2012 und 2017, bezogen auf die deutschen Hochschulstandorte. Außerdem wurde ausgewertet, wie sich die schrumpfenden Hochschulen um internationale Studentinnen und Studenten kümmern. Dazu wurden leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt.

Auch wenn die Mehrzahl der betroffenen Standorte in Ostdeutschland liegt, sollten sich westdeutsche Hochschulen nicht auf den Ergebnissen ausruhen, sagt Simon Morris-Lange, stellvertretender Leiter des SVR-Forschungsbereichs: "Was wir im Osten beobachten, kommt auch auf den Westen zu."

Große und beliebte Hochschulstädte wie Köln und Düsseldorf, Heidelberg oder München seien zwar relativ gut geschützt vor sinkenden Studentenzahlen. "Die werden keine Probleme kriegen", prognostiziert Morris-Lange im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Aber für die kleineren Standorte abseits der Metropolen im Westen könnte es in Zukunft ebenfalls deutlich schwieriger werden, Studierende zu rekrutieren."

Viele Studienabbrecher

Die Anwerbung ausländischer Gaststudenten sei dabei zwar kein Allheilmittel, sagt der Hochschulforscher. Aber: "Eine wachsende Zahl internationaler Studierender kann dazu beitragen, dem demografischen Wandel zu begegnen."

Eines der größten Probleme, mit denen Hochschulen dabei zu kämpfen haben, ist jedoch die deutlich höhere Zahl von Studienabbrechern bei Nachwuchsakademikern aus dem Ausland. Insbesondere im Bachelorstudium sind die Hürden so hoch, dass fast jeder zweite Gaststudent nicht bis zum Examen durchhält.

Studienabbruchquoten deutscher und internationaler Studierender 2016

Abbruchqote
Bachelorstudium
deutsche Studierende 28 %
internationale Studierende 45 %
Masterstudium
deutsche Studierende 19 %
internationale Studierende 29 %

Die Abbruchquoten wurden anhand des Absolventenjahrgangs 2016 berechnet. Quelle: Heublein/Schmelzer

"Internationale Studierende schließen ihr Studium nicht immer erfolgreich ab", schreiben die Autoren, "sie benötigen mehr Unterstützung und eine stärker strukturierte Studieneingangsphase."

Zur Stärkung der schrumpfenden Hochschulstandorte empfehlen sie einen Drei-Stufen-Plan:

Für ein solches Netzwerk müssen Partner außerhalb der Hochschule gefunden werden: Unternehmen und Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsförderer und Verwaltung. Sie sollen den ausländischen Absolventen gezielt Wege in den Arbeitsmarkt zeigen.

Dafür allerdings ist häufig erst einmal ein Strategiewechsel der Unis und Fachhochschulen notwendig, so die Autoren: "Hochschulen sollten sich stärker damit auseinandersetzen, wie sie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung vor ihren Toren mitgestalten können."

insgesamt 39 Beiträge
isi-dor 19.03.2019
1. Qualitätspakt Lehre!
Das Schrumpfen wird noch weiter gehen, wenn nicht bald der Qualitätspakt Lehre verstetigt wird, der für viele Studierende wichtige Einstiegsprogramme ins Studium enthält. Allein die Tutoren- und Mentorenprogramme der [...]
Das Schrumpfen wird noch weiter gehen, wenn nicht bald der Qualitätspakt Lehre verstetigt wird, der für viele Studierende wichtige Einstiegsprogramme ins Studium enthält. Allein die Tutoren- und Mentorenprogramme der Hochschulen haben die Abbrecherquoten deutlich gesenkt. Alle diese Programme stehen vor dem Aus, weil die dort beschäftigten hochqualifizierten Didaktiker nur befristete Stellen haben. Die Bildungspolitiker scheint das alles nicht zu interessieren. Die sparen lieber weiter an Bildung, bis alles tot ist.
Anno2012 19.03.2019
2. Hausgemachte Probleme
Die Hochschulen wurden im Zuge des doppelten Abiturjahrgangs (Rückumstellung G8 auf G9), mehrerer geburtenstarker Jahrgänge sowie der "Studium für alle"-Politik massiv ausgedehnt. Attraktive Universitäten waren [...]
Die Hochschulen wurden im Zuge des doppelten Abiturjahrgangs (Rückumstellung G8 auf G9), mehrerer geburtenstarker Jahrgänge sowie der "Studium für alle"-Politik massiv ausgedehnt. Attraktive Universitäten waren heilos überbucht, in den Städten herrschte Mietchaos. Der doppelte Jahrgang ist Geschichte, der Hype aus jedem (von mir sehr geschätzten) Ausbildungsberuf einen Studiengang zu machen ist zwar noch nicht beendet (Stichwort: Bachelor Hebamme, bzw. BA Kraftfahrzeugmechatroniker). Jedes Dorf hat bei uns mittlerweile eine Hochschulaußenstelle (oft Technologie-Campus genannt). Seitdem allgemein bekannt ist, dass ein ambitionierter Geselle ähnlich viel oder sogar besser verdient wie ein Bachelor-Absolvent, wenden sich gerade qualifizierte junge Menschen wieder dem Handwerk zu. Daher sehe ich im Studienrückgang an einigen Hochschulen einen natürlichen Schwund, der wohl auch an der Attraktivität des Standortes liegt. Und vielleicht kann man in einigen Jahren sogar die ein oder andere Hochschule wieder schließen und sowie Gelder und Personal an die anderen Hochschulen verteilen. Die Synergieeffekte sollten enorm sein :) Anno2012
kayakclc 19.03.2019
3. Bezugspunkt aus dem Auge verloren
2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt und eine zweite Jahrgang von Männer schwappte an die Unis. Dazu kam noch die Inflation der Abiture und die G9-G8 Umstellung. Die Studierendenzahlen sind daher seit 2011 aberwitzig hoch, ohne [...]
2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt und eine zweite Jahrgang von Männer schwappte an die Unis. Dazu kam noch die Inflation der Abiture und die G9-G8 Umstellung. Die Studierendenzahlen sind daher seit 2011 aberwitzig hoch, ohne dass neue Professuren und Dauerstellen geschaffen wurden. Daher sind die damals schon erwarteten sinkenden Studierendenzahlen ab 2018 kein Problem sonderen die Belastung der Unis sinkt zurück auf deren eigentlich Kapazität zurück. Das wird mit dem Bezugspunkt 2012 völlig aus dem Auge verloren. Sinnvoller wäre z.B 2000 als Referenz zu nehmen, und zu Fragen, wieviele neue Professorenstellen seit dem geschaffen wurden. Das Betreuungsverhältnis ist in Deutschland eine Kathastrophe. Die Abbrecherquote kann man nur senken, wenn die Inflation der Abiture gestoppt wird, bzw Leute in der Orientierungsphase im ersten und zweiten Semester klar gemacht wird, das Studium macht nur Sinn (a) wenn man wirklich studiert (und nicht wie in der Schule ohne Aufwand sich durchmogelt) und (b) wenn man ein MINT Fach gewählt hat, elementare Mathematik aus der Mittelstufe beherrscht. Es ist erschreckend, wie Leute mit geringsten Mathematikkenntnisse ein Studium beginn, und schnell scheitern, weil die Universtäten einfach den Abiturstoff in Mathe voraussetzen. Schließlich haben sie ein solche Zeugnis bei der Einschreibung vorgelegt. Und im Bauingenieurswesen kann man nicht, wie in der Schule, einfach die Anforderungen senken. Eine Brücke bricht dann einfach zusammen, wenn Leute falsch rechnen!
gysc 19.03.2019
4. Wenns das Geld mal kommen würde
Nach dem letzten hochschulpakt haben einige Unis neue Studienfächer geschaffen oder mehr Studenten aufgenommen weil es hieß es gäbe mehr Geld für die Uni. Das Geld kam nie an und die Uni blieb drauf sitzen. Manche Hochschulen [...]
Nach dem letzten hochschulpakt haben einige Unis neue Studienfächer geschaffen oder mehr Studenten aufgenommen weil es hieß es gäbe mehr Geld für die Uni. Das Geld kam nie an und die Uni blieb drauf sitzen. Manche Hochschulen wie zb Fulda sind eig quasi insolvent. An meiner Uni wurden wieder die Ausgaben um 15% gekürzt. Entsprechend fallen Dozenten weg. Mehr Geld für Bildung, dass auch ankommt, wäre mal was.
markus333 19.03.2019
5. Abbrecher
"Insbesondere im Bachelorstudium sind die Hürden so hoch, dass fast jeder zweite Gaststudent nicht bis zum Examen durchhält." Das entspricht nicht meiner langjährigen Erfahrung. Die Anforderungen in vielen [...]
"Insbesondere im Bachelorstudium sind die Hürden so hoch, dass fast jeder zweite Gaststudent nicht bis zum Examen durchhält." Das entspricht nicht meiner langjährigen Erfahrung. Die Anforderungen in vielen Bachelorstudiengängen wurden immer weiter abgesenkt, um die Anzahl der Studienabbrecher zu minimieren. Wenn ein Student aus dem Ausland aber weder Deutsch noch Englisch spricht, und nur eine miserable Vorbildung mitbringt, die hier für keinen Schulabschluss reichen würde, dann kann man das nicht auf die Unis abwälzen. 12/13 Jahre Schulbildung kann man in der Tat nicht mit ein paar Einführungskursen nachholen. Zentrale Zulassungsprüfungen als Grundveraussetzung einführen und gut ist. Unis dürfen dann immer noch Spezialregeln einführen, damit sie nicht über die Einmischung in ihre Kompetenzen weinen. Übrigens: Zeugnisse aus dem Ausland einfach als äquivalent anzuerkennen, ist keine gute Idee. Das ist grundsätzlich so schwierig, dass das nicht funktionieren kann. Wie soll denn eine Uni/FH herausfinden, wie ein bestimmter Schulabschluss, z.B. aus Ulan-Bator, einzustufen ist? Von Fälschungen gar nicht zu reden. In vielen korrupten Ländern kann man alles (!) kaufen. Das können sich deutsche Beamte oft nicht richtig vorstellen.

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