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Leben und Lernen

Hilfe von der WG-Therapeutin

"Mein Mitbewohner zockt bis in den Morgen"

Nicos Mitbewohner besucht keine Vorlesungen mehr, sondern spielt den ganzen Tag am Computer. Die WG verlässt er nur, um ins Fitnessstudio zu gehen. Wie kann Nico ihm helfen?

Getty Images

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Montag, 11.02.2019   08:34 Uhr

Nico* schreibt:

"Mein WG-Mitbewohner ist einer meiner besten Freunde, wir kommen zwischenmenschlich hervorragend aus. Er studiert wie ich Jura, ist allerdings erst im fünften Fachsemester.

Leider macht er nichts für die Uni. Gar nichts. Er ist nur durch die Zwischenprüfung gekommen, weil ich und mein Bruder ihm Crashkurse gegeben haben. Seitdem hat er keine einzige Vorlesung und keine Übung mehr besucht. Und das ist schon mehr als ein Jahr her.

Eigentlich müsste ich mich nicht verantwortlich für ihn fühlen und mir einreden, dass es sein Leben ist, aber ich glaube, er hat ein tiefergehendes psychologisches Problem. Er hat innerhalb der Stadt keinerlei soziale Kontakte und spielt 14 bis 16 Stunden am Tag Computer. Er verlässt die Wohnung nur, wenn er ins Fitnessstudio geht. Das macht er eigentlich jeden Tag.

Ich habe das Gefühl, dass er 'in einer Klemme steckt' und alles andere verdrängt, insbesondere die Krebserkrankung seiner Mutter und die Verpflichtung, in die Uni zu gehen.

Du hast WG-Kummer?

Er weiß, dass er schlecht in Jura ist. Als er einmal wieder in einer Vorlesung war und gemerkt hat, dass er dem Lehrplan hinterherhinkt, hat er sich in sein Zimmer verzogen und zwei Wochen lang bis in die frühen Morgenstunden gezockt und tagsüber geschlafen.

Das Problem ist, dass sein Verhalten keinerlei Konsequenzen nach sich zieht: Sein Vater versorgt ihn mit mehr Geld, als er ausgeben kann, und beide Elternteile kümmern sich nicht um ihn. Keiner der beiden ahnt, dass er wirklich nichts macht.

Ich habe schon hundertmal versucht, ihn zu motivieren oder mit ihm ein ernstes Gespräch zu führen - alles erfolglos. Er sieht zwar ein, dass es so nicht weitergeht, er hat aber auch keine Lust, etwas anderes zu machen, als 'zu zocken und zu pumpen'.

Als ich einmal andeutete, seinen Vater zu kontaktieren, meinte er, damit wäre die Freundschaft sofort beendet, ich würde ihm sein 'perfektes Leben' zerstören, außerdem müsste ich dann mit körperlichen Konsequenzen rechnen.

Ich mag ihn wirklich sehr, aber ich habe Probleme damit zuzusehen, wenn einer meiner engsten Freunde sein Leben so gegen die Wand fährt.

Was kann ich tun?"

*Name geändert

Zur Person

Sabine Stiehler antwortet:

"Lieber Nico,

Sie sind nicht für Ihren Freund verantwortlich. Es ist für Sie zwar sicher schwer auszuhalten, dass er so in seinem Leben versumpft, aber da können Sie leider wenig tun. Ihr Mitbewohner braucht professionelle Hilfe, am besten eine Psychotherapie.

Sie können sich aber erst einmal informieren, welche Hilfsangebote es an Ihrer Uni oder in Ihrer Stadt gibt - zum Beispiel die psychosoziale Beratungsstelle oder die zentrale Studienberatung - und ihm davon erzählen. Sie können ihm die Adresse nennen und vorschlagen, dort einmal hinzugehen.

Sie können ihn auch fragen, ob ein anderes Studium nicht besser für ihn geeignet sei. Mehr können Sie allerdings nicht machen. Es bringt nichts, ihm zu sagen, dass er seine Zeit verschwendet, sein Leben wegwirft. Wenn Sie das tun, betreiben Sie eine Art moralische Besserwisserei. Das weiß er selbst alles, aber er verdrängt es. Er scheint mir schwer erreichbar zu sein.

Die Eltern haben offenbar viel mit sich selbst zu tun und können sich nicht um ihren Sohn kümmern. Doch irgendwann wird die Situation eskalieren und zwar, wenn die Eltern danach fragen, wie lang das Studium noch dauert. Oder wenn Ihr Mitbewohner exmatrikuliert wird und seinen Studentenstatus verliert.

Ich rate Ihnen, sich nicht eigenmächtig an den Vater des Mitbewohners zu wenden. Sie würden damit sein Lebenskonstrukt verraten und das gefährdet die Freundschaft. Ihr Mitbewohner muss seinen Eltern selbst sagen, dass er das Studium nicht schafft.

Und dann sind die Eltern in der Pflicht. Sie müssen sich darum kümmern, dass ihr Sohn sein Leben anders gestaltet."

insgesamt 39 Beiträge
Johnnynameless 11.02.2019
1. Thema verfehlt Frau Psychologin!
Der Briefschreiber sollte sein Helfersyndrom bearbeiten, und nicht das Verhalten seines Freundes. Vielleicht bereitet dieser sich auf eine Karriere als Profispieler vor, das gibt es ja auch. Er ist jedenfalls erwachsen. [...]
Der Briefschreiber sollte sein Helfersyndrom bearbeiten, und nicht das Verhalten seines Freundes. Vielleicht bereitet dieser sich auf eine Karriere als Profispieler vor, das gibt es ja auch. Er ist jedenfalls erwachsen. Möglicherweise ist es schwer auszuhalten, was er macht, aber er hat jedes Recht, sein Leben so zu gestalten, wie er will, solange er niemandem wehtut damit. Abgesehen davon, dass er das Geld seiner Eltern ausgibt ist er harmlos! Mit seinen Fitnessstudio-Besuchen scheint er sich ja auch um sein körperliches Wohlergehen zu kümmern - jedenfalls mehr als mancher regulärer Student. Und übrigens sind seine Eltern mitnichten in der Pflicht, sich darum zu kümmern, dass ihr Kind sein Leben anders gestaltet! Das muss er selbst tun. Die Pflicht der Eltern zur Erziehung endet mit Vollendung des 18. Lebensjahres!
loeweneule 11.02.2019
2.
Harmlos? Jemand, der mit "körperlichen Konsequenzen" droht? Von wegen: niemandem weh tun. Hätte jemals im Leben ein Freund mir auf solche Weise gedroht, er wäre die längste Zeit Freund gewesen.
Zitat von JohnnynamelessDer Briefschreiber sollte sein Helfersyndrom bearbeiten, und nicht das Verhalten seines Freundes. Vielleicht bereitet dieser sich auf eine Karriere als Profispieler vor, das gibt es ja auch. Er ist jedenfalls erwachsen. Möglicherweise ist es schwer auszuhalten, was er macht, aber er hat jedes Recht, sein Leben so zu gestalten, wie er will, solange er niemandem wehtut damit. Abgesehen davon, dass er das Geld seiner Eltern ausgibt ist er harmlos! Mit seinen Fitnessstudio-Besuchen scheint er sich ja auch um sein körperliches Wohlergehen zu kümmern - jedenfalls mehr als mancher regulärer Student. Und übrigens sind seine Eltern mitnichten in der Pflicht, sich darum zu kümmern, dass ihr Kind sein Leben anders gestaltet! Das muss er selbst tun. Die Pflicht der Eltern zur Erziehung endet mit Vollendung des 18. Lebensjahres!
Harmlos? Jemand, der mit "körperlichen Konsequenzen" droht? Von wegen: niemandem weh tun. Hätte jemals im Leben ein Freund mir auf solche Weise gedroht, er wäre die längste Zeit Freund gewesen.
danduin 11.02.2019
3. naja so eine Phase hatte ich auch mal
Wenn es nur um ein paar Monate geht, dann ist das in Ordnung. Ich hab auch schon ein paar Monate nur vor dem Rechner verbracht als Student. Wenn es um Jahre geht, wie ich das auch von Kollegen kenne, dann sollte man [...]
Wenn es nur um ein paar Monate geht, dann ist das in Ordnung. Ich hab auch schon ein paar Monate nur vor dem Rechner verbracht als Student. Wenn es um Jahre geht, wie ich das auch von Kollegen kenne, dann sollte man therapeutische Maßnahmen einleiten.
Indigo76 11.02.2019
4.
Ich stimme zu. Der Briefschreiber scheint mir kein besonders guter Freund zu sein. Er versucht seinen Freund auf einen Weg zu drängen, der in seinen Augen der richtige ist, ohne auf die Bedürfnisse seines Gegenübers [...]
Zitat von JohnnynamelessDer Briefschreiber sollte sein Helfersyndrom bearbeiten, und nicht das Verhalten seines Freundes. Vielleicht bereitet dieser sich auf eine Karriere als Profispieler vor, das gibt es ja auch. Er ist jedenfalls erwachsen. Möglicherweise ist es schwer auszuhalten, was er macht, aber er hat jedes Recht, sein Leben so zu gestalten, wie er will, solange er niemandem wehtut damit. Abgesehen davon, dass er das Geld seiner Eltern ausgibt ist er harmlos! Mit seinen Fitnessstudio-Besuchen scheint er sich ja auch um sein körperliches Wohlergehen zu kümmern - jedenfalls mehr als mancher regulärer Student. Und übrigens sind seine Eltern mitnichten in der Pflicht, sich darum zu kümmern, dass ihr Kind sein Leben anders gestaltet! Das muss er selbst tun. Die Pflicht der Eltern zur Erziehung endet mit Vollendung des 18. Lebensjahres!
Ich stimme zu. Der Briefschreiber scheint mir kein besonders guter Freund zu sein. Er versucht seinen Freund auf einen Weg zu drängen, der in seinen Augen der richtige ist, ohne auf die Bedürfnisse seines Gegenübers einzugehen. Er schreckt sogar vor Drohungen nicht zurück. Sein Freund braucht Zeit, um sein Leben zu überdenken. Er hat vermutlich sein bisheriges Leben nicht selbst geplant, sondern ist einem ihm bestimmten Plan gefolgt. Mit einem abgeschlossenen Hura Grundstudium sollte er um die 20 Jahre alt sein. In diesem Alter festzustellen, dass man sein bisheriges Leben nichts geleistet hat, was einen seinem Ziel im Leben näherbringt, muss ein einschneidendes Erlebnis sein, das man nicht eben in ein paar Tagen abtut. Der Briefschreiber scheint mir ein braves Herdentier zu sein, das seinen Weg entlangtrottet und noch nie an so einen Punkt geraten ist. Er sollte für seinen Freund ein Freund sein und ihn unterstützen und nicht ihm drohen.
ty coon 11.02.2019
5.
Da stimme ich Ihnen zu. Ich hatte selbst mal einen WG-Mitbewohner, der es nicht bei Drohungen beließ, sondern sogar tatsächlich gewalttätig wurde. Der wurde noch am selben Abend aus der WG geworfen. Das war auch so ein [...]
Zitat von loeweneuleHarmlos? Jemand, der mit "körperlichen Konsequenzen" droht? Von wegen: niemandem weh tun. Hätte jemals im Leben ein Freund mir auf solche Weise gedroht, er wäre die längste Zeit Freund gewesen.
Da stimme ich Ihnen zu. Ich hatte selbst mal einen WG-Mitbewohner, der es nicht bei Drohungen beließ, sondern sogar tatsächlich gewalttätig wurde. Der wurde noch am selben Abend aus der WG geworfen. Das war auch so ein Dauerzocker, der nie zur Arbeit ging und stattdessen "Siedler" bis zum Erbrechen spielte.

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