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Neue Funktion

Apples Smartwatch kann Herzprobleme erkennen

Ab sofort ist in Deutschland die EKG-Funktion der Apple Watch freigeschaltet. Damit kann die Uhr unter anderem den Herzrhythmus überwachen. So funktioniert es - und das ist zu bedenken.

Matthias Kremp/ SPIEGEL ONLINE
Von und
Donnerstag, 28.03.2019   09:29 Uhr

In der Nacht zum Donnerstag hat Apple ein Update für die Apple Watch Series 4 veröffentlicht, das in Deutschland und 18 weiteren europäischen Ländern die EKG-Funktion der Smartwatch freischaltet. Nach dem Update kann die Uhr zum einen sogenannte Elektrokardiogramme aufzeichnen, zum anderen den Herzrhythmus von Zeit zu Zeit auf Anzeichen für ein sogenanntes Vorhofflimmern untersuchen.

Vorhofflimmern ist eine Volkskrankheit. In Deutschland leiden rund zwei Millionen Menschen unter dieser Herzrhythmusstörung, die das Risiko erhöht, eine Herzschwäche zu entwickeln oder einen Schlaganfall zu erleiden. Doch viele der Betroffenen wissen nicht, dass sie krank sind. Denn während die Erkrankung von manchen als Herzrasen, Atemnot oder Schwächegefühl empfunden wird, erleben sie andere gar nicht oder allenfalls als kurze Episoden.

Um die EKG-Funktion und die Überwachung des Herzrhythmus nutzen zu können, muss man sein iPhone auf die aktuelle Softwareversion iOS 12.2 aktualisieren und dann die Apple Watch auf watchOS 5.2. Anschließend sind in der Watch-App auf dem iPhone unter dem Menüpunkt Herz ein paar Eingaben notwendig, um die Funktionen auf der Uhr zu aktivieren. Unter anderem wird das Geburtsdatum abgefragt, um sicherzustellen, dass man mindestens 22 Jahre alt ist (Hintergrund ist, dass die US-Gesundheitsbehörde FDA die beiden Funktionen nur für Erwachsene über 21 Jahren freigegeben hat).

Hat man den Aktivierungsprozess durchlaufen, in dem auf mehreren Seiten erklärt wird, was die beiden Funktionen tun, was sie können und was nicht, muss man sich in der Regel um nichts mehr kümmern. Die Watch wird künftig mehrmals täglich Messungen des Herzrhythmus durchführen. Das ist wichtig, weil Vorhofflimmern oft unregelmäßig auftritt.

Dabei schlägt das System nicht sofort Alarm, wenn es eine Unregelmäßigkeit feststellt, sondern erst, wenn von sechs Messungen mindestens vier Unregelmäßigkeiten ergeben haben. Mit einer schlichten Textmeldung wird der Nutzer informiert, dass die Uhr "Anzeichen eines unregelmäßigen Herzrhythmus" erkannt hat, die "auf Vorhofflimmern hindeuten könnten."

Der Hinweis ist bewusst zurückhaltend formuliert, Apple bemüht sich offensichtlich darum, zu verhindern, dass man wegen einer solchen Meldung in Panik gerät. Ein Besuch beim Arzt ist in einem solchen Fall sicher eine gute Idee.

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Smartwatch mit EKG-Funktion: Die Apple Watch Series 4 im Test

Die EKG-Funktion wiederum muss man aktiv nutzen. Viele werden sie anfangs häufig aufrufen, einfach, um sie auszuprobieren. Der eigentliche Gedanke ist aber, die EKG-App nur dann aufzurufen, wenn man beispielsweise Symptome wie einen schnellen oder unregelmäßigen Herzschlag spürt.

Die Vorgehensweise ist denkbar simpel: Man startet auf der Uhr die EKG-App und legt einen Finger der anderen Hand auf die Krone der Uhr. Der Grund dafür ist, dass Apple zum einen Sensoren auf der Unterseite der Uhr angebracht hat, zum anderen einen Sensor auf der Oberseite der Krone. Indem man mit der gegenüberliegenden Hand die Krone berührt, schließt man sozusagen einen Stromkreis, der vom Handgelenk mit der Uhr durch den Körper und das Herz über die andere Hand wieder zurück zur Uhr geht.

Eine Messung dauert 30 Sekunden und liefert am Ende eine von vier möglichen Meldungen: Die Uhr stellt einen Sinusrhythmus fest, erkennt Vorhofflimmern, kann wegen zu hohen oder zu niedrigen Pulses nicht richtig arbeiten oder kann die Messungen nicht interpretieren, was zur Klassifizierung "Uneindeutig" führt.

Profi-Tipp: Man will eigentlich immer das Ergebnis "Sinusrhythmus" sehen, denn das sollte der Normalzustand sein. Im mehrtägigen Test mit einer zu diesem Zweck vorbereiteten Apple Watch kamen wir glücklicherweise auch immer zu diesem Ergebnis.

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Apples Smartwatch-Betriebssystem: Das ist neu in watchOS 5

Allzu hoch bewerten sollte man die Messungen der Apple Watch jedoch nicht, darauf weist auch Apple immer wieder hin. Die Messergebnisse der Smartwatch können ein Hinweis auf eine Erkrankung sein, sie sind keine Diagnose.

Das liegt schon an der vergleichsweise geringen Datenmenge. Die EKG-Funktion der Apple Watch könnte man als Basis-EKG bezeichnen. Mit einem professionellen, sogenannten 12-Kanal-EKG wird die elektrische Aktivität am Herzmuskel umfassend vermessen. So können Ärzte krankhafte Veränderungen aufspüren, Herzinfarkte, Herzrhythmusstörungen, aber auch Herzklappenprobleme identifizieren.

Das EKG der Apple Watch hingegen, das man seinem Arzt als PDF schicken kann, entspricht einem 1-Kanal-EKG und kann dementsprechend nur ein grobes Bild der Herzaktivität vermitteln. Trotzdem könne die Apple Watch 4 "ein wertvolles Monitoring-Tool zur Etablierung wichtiger Informationen für Patienten und deren Ärzte darstellen", erklärte die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie schon im September 2018. Sollte die Uhr ihren Nutzer auf Auffälligkeiten hinweisen, sollten diese von einem Arzt überprüft werden.

Die Erkennung von Vorhofflimmern per Smartwatch kann man also durchaus als einen Fortschritt in der Medizin ansehen. Die neue Funktion erweitert die Möglichkeiten dessen, was durch digitale Medizin in der Hand von Laien bereits möglich ist.

insgesamt 16 Beiträge
Cannonier 28.03.2019
1. Analogie zum Navi
So wie man sich als Fahrer niemals zu 100% auf das Navigationssystem verlassen sollte, so dient eine solche Funktion auch nur als Hilfe und Unterstützung.
So wie man sich als Fahrer niemals zu 100% auf das Navigationssystem verlassen sollte, so dient eine solche Funktion auch nur als Hilfe und Unterstützung.
scbonner 28.03.2019
2.
Wenn schon ein 5-Kanal Langzeit-EKG es nicht geschafft hat meine Rhythmusstörung zu erkennen, wie soll das ein 1-Kanal EKG schaffen?
Wenn schon ein 5-Kanal Langzeit-EKG es nicht geschafft hat meine Rhythmusstörung zu erkennen, wie soll das ein 1-Kanal EKG schaffen?
heldino1 28.03.2019
3. Leider ungenau der Artikel
Das Update ist nicht nur für die Apple Watch 4. Auf der AW4 wird lediglich zusätzlich noch die EKG Funktion freigeschaltet. Aber alle! Apple Watch ab Serie 1 (es gab auch Serie 0) können jetzt Herzrhythmusstörungen [...]
Das Update ist nicht nur für die Apple Watch 4. Auf der AW4 wird lediglich zusätzlich noch die EKG Funktion freigeschaltet. Aber alle! Apple Watch ab Serie 1 (es gab auch Serie 0) können jetzt Herzrhythmusstörungen feststellen! und einen darüber informieren. Nach dem Update muss es lediglich in der Health App auf dem iPhone aktiviert werden! Siehe hierzu sich die Pressemitteilung von Apple!
benjorito 28.03.2019
4. Grundsätzlich positiv...
Ich kann dieser neuen Funktion grundsätzlich kaum etwas Negatives abgewinnen, wenn hier mit auch nur ein Schlaganfall oder Herzinfakt verhindert wird, ist das toll. Aktuell nutze ich eine Apple Watch 2, käme also noch nicht in [...]
Ich kann dieser neuen Funktion grundsätzlich kaum etwas Negatives abgewinnen, wenn hier mit auch nur ein Schlaganfall oder Herzinfakt verhindert wird, ist das toll. Aktuell nutze ich eine Apple Watch 2, käme also noch nicht in den Genuss dieser Funktion. Vor Aktivierung würde ich mir aber ein paar mehr Informationen zum Datenschutz wünschen: wo genau werden die Daten gespeichert und wie wird der Zugriff gesichert? Ich empfinde die Information, ob mein Herz gesund ist oder eben nicht, extrem sensibel. Gerade die Krankenkassen könnten sich genötigt fühlen, hier ein paar Euro für diese Daten springen zu lassen, und plötzlich flattert die Kündigung ins Haus...hier hätte ich gerne mehr Sicherheit.
sok1950 28.03.2019
5. habe ich schon seit einem Jahr
links ein Fitnessarmband das EKG (auch mit Finger auflegen) misst und rechts ein Fitnessarmband welches stündlich(!) Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffgehalt usw. misst. Wo ist da was Neues? Ach ja, kommt vom Apfel, deshalb [...]
links ein Fitnessarmband das EKG (auch mit Finger auflegen) misst und rechts ein Fitnessarmband welches stündlich(!) Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffgehalt usw. misst. Wo ist da was Neues? Ach ja, kommt vom Apfel, deshalb der Hype....

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