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Computermesse

Mein erstes Mal ohne Cebit

Auch nach fast 30 Jahren feiert sich die Cebit als größte Computermesse der Welt. Die wichtigste aber ist sie nicht mehr, echte Neuheiten fehlen. Ein guter Grund, es mal ohne sie zu versuchen.

REUTERS
Von
Donnerstag, 13.03.2014   18:21 Uhr

Ich hätte nur noch ein Jahr durchhalten müssen, um mein 30-jähriges Cebit-Jubiläum feiern zu können. Doch daraus wird nichts. Zum ersten Mal seit 1985 fahre ich 2014 nicht zur größten Computermesse der Welt nach Hannover. Wären wir ein Paar, man könnte sagen: Wir haben uns auseinandergelebt, in unterschiedliche Richtungen entwickelt.

Denn die Cebit hat in den vergangenen Jahren einen Schlingerkurs hingelegt. Mal versuchte sie, sich mit der Cebit Home einen jüngeren Look zu verschaffen. Dann wurden plötzlich Spielkonsolen verbannt. Einige Jahre später wurden in großen Hallen Computerspiel-Turniere abgehalten - oft vor wenig Publikum.

Und jetzt will die Cebit wieder superseriös werden. "Wir setzen künftig zu 100 Prozent auf Business", sagt Cebit-Vorstand Oliver Frese. Das entspreche den Wünschen der Kunden, also der Fachbesucher. Die Aussteller und ihre Gäste sollen in Ruhe Verträge aushandeln können, in denen es oft um stattliche Summen geht.

1000 Euro für das Komplettprogramm

Die normalen Messegäste, die in ihrer Freizeit zur Cebit gehen, wollen die Veranstalter nicht vergraulen. "Die neue Ausrichtung bedeutet nicht, dass wir private Besucher abweisen", sagte Bitkom-Präsident Dieter Kempf zu Beginn der Messe.

Besondere Anstrengungen, solche Besucher anzulocken, scheint es aber nicht zu geben. Eine Tageskarte, die 2013 noch für 20 Euro zu haben war, kostet 2014 60 Euro, ein Komplett-Ticket mit Zugang zum Konferenzprogramm bis zu tausend Euro.

Das mag viel Geld sein, ist im Vergleich zu anderen Messen aber nicht mal teuer. Für die Handy-Messe Mobile World Congress (MWC) etwa zahlt man zwischen 750 und 5000 Euro Eintritt. Es waren eben auch die günstigen Eintrittspreise, Rabatte für bestimmte Besuchergruppen und die Zigtausenden Freikarten, die die Cebit groß und populär - und zu einer Publikumsmesse - gemacht haben.

"Integrierte Lösungen für das Digitale Unternehmen"

Am Ende hofft die Cebit, immerhin 230.000 Besucher anlocken zu können. Verglichen mit der CES (153.000 Besucher) und dem MWC (85.000 Besucher) wäre das sehr viel. Anderseits: 1995 lockten ein Auftritt des damaligen Microsoft-Chefs Bill Gates und die Vorstellung von Windows 95 mehr als 750.000 Besucher aufs Messegelände. Im Dotcom-Boomjahr 2001 waren es sogar mehr als 800.000 Menschen, die sich über Neuheiten wie den ersten bezahlbaren DVD-Brenner, Prototypen von UMTS-Handys und den damals neuen Trend zu W-Lan-Netzwerken informieren wollten.

Von solch aufregenden Neuerungen ist auf der diesjährigen Cebit kaum etwas zu sehen. Stattdessen lese ich Pressemitteilungen mit Betreffzeilen, die "Integrierte Lösungen für das Digitale Unternehmen", den "Weg ins Social Enterprise", "Mittelstandsinitiativen" oder "ITK-Infrastruktur-Neuheiten" versprechen. Alles Dinge, die durchaus interessant sein mögen, nur eben nicht für mich. Und sicher auch nicht für die meisten anderen Leute, die früher einfach so nach Hannover pilgerten, aus Interesse an neuer Technik für jedermann.

Das kann es noch nicht gewesen sein

Natürlich ist das erste Mal ohne Cebit mit Trennungsschmerz verbunden. Während Kollegen munter vom Messegelände twitterten, dass sie jetzt da sind, dass ihr Zug nach Hannover reichlich früh oder doch eher zu spät abgefahren ist, saß ich an meinem Schreibtisch und beschäftigte mich mit ganz anderen Dingen.

Keine Frage, ich habe eine Gelegenheit verpasst, Freunde und Kollegen zu treffen, die auf der Cebit unterwegs sind. Aber vielen von ihnen bin ich gerade erst auf dem Mobile World Congress oder der CES begegnet.

Dasselbe gilt für etliche Produkte, die in Hannover gezeigt werden. Fast alles, was an Unterhaltungselektronik, Computern und Handys für die erste Jahreshälfte spannend ist, wurde schon auf den beiden anderen großen Messen präsentiert. Echte Neuheiten gibt es auf der Cebit kaum zu sehen. Ein Grund, es zu bereuen, nicht hingegangen zu sein, ist bestenfalls der Auftritt des Apple-Mitgründers Steve Wozniak am Donnerstag.

Trotzdem glaube ich nicht an eine Trennung auf Dauer. Anders als bei menschlichen Beziehungen, bei denen es noch nie etwas gebracht hat, "sich auf Zeit zu trennen", werde ich 2015 wohl doch wieder zur Cebit fahren. Und sei es nur, um die Ausstellungen der Universitäten und Forschungseinrichtungen zu durchstöbern, bei denen man immer wieder spannende Projekte findet. In der Zwischenzeit warte ich auf die Ifa in Berlin, auf der die Hightech-Branche im Spätsommer ihr Neuheitenfeuerwerk für die Weihnachtssaison abfeuern wird.

insgesamt 23 Beiträge
Neutrinoschreck 13.03.2014
1. Wie immer ...
... hinkt SPON der Realität hinterher. Die Cebit war schon vor 10 Jahren obsolet. Stagnation statt Innovation ihr Markenzeichen.
... hinkt SPON der Realität hinterher. Die Cebit war schon vor 10 Jahren obsolet. Stagnation statt Innovation ihr Markenzeichen.
tedtenhoff 13.03.2014
2. Nachwuchswerbung
In diesem Jahr interessiert nich die CeBIT nur noch am Rande, besser noch, am Rande des Randes. So glaube ich mitbekommen zu haben, daß man auf dieser Messe einen großen Wert darauf legt, Nachwuchs für die Branche zu gewinnen [...]
In diesem Jahr interessiert nich die CeBIT nur noch am Rande, besser noch, am Rande des Randes. So glaube ich mitbekommen zu haben, daß man auf dieser Messe einen großen Wert darauf legt, Nachwuchs für die Branche zu gewinnen bzw. zu motivieren. Mein 13-jähriger Großneffe (er schreibt bereits eigene Programme und hat seinen Informatik-Lehrer beim Erlernen einer Programmiersprache unterstützt) kann die Messe nicht besuchen, da das als Schüler und Nicht-Hannoveraner nur am Sonnabend geht. Und wenn der sagt, die CeBIT ist out, dann ist sie out. Verständlich, die Leute, die weg sind, kommen nur selten zurück.
snoook 13.03.2014
3. Offenbar war der Autor schon länger nicht da...
... oder nicht so aufmerksam. Der Robotor auf Bild 14 ist am Stand dieser Firma in Halle 6 schon seit mehreren Jahren. Und die belanglosen Sprüche der Hersteller hätte man auch schon vor 10 Jahren als Anlass nehmen können [...]
... oder nicht so aufmerksam. Der Robotor auf Bild 14 ist am Stand dieser Firma in Halle 6 schon seit mehreren Jahren. Und die belanglosen Sprüche der Hersteller hätte man auch schon vor 10 Jahren als Anlass nehmen können nicht hinzugehen. Die Messe bleibt eben eine Fachbesuchermesse für Leute, die wissen, was sie dort wollen!!!
spon_53 13.03.2014
4. Werter Autor,
die erste eigenständige CeBIT gab es erst 1986. Bis Mitte der 90'er gab es immer eine gute, innovative Messe mit fruchtbarem Wissens-austausch. Ab 1990 kündigte sich jedoch der Niedergang der deutschen [...]
die erste eigenständige CeBIT gab es erst 1986. Bis Mitte der 90'er gab es immer eine gute, innovative Messe mit fruchtbarem Wissens-austausch. Ab 1990 kündigte sich jedoch der Niedergang der deutschen Kommunikations-industrie (Hoflieferanten der DBP/Telekom) an. Die Stände wurden immer bombastischer, die Marktprognosen immer absurder, jeder halbfertige Fliegenschiss als revolutionäre Neuerung angepriesen. Ein Abbild des Konfliktes zw. FuE und Marketing in den Unternehmen. (Die BWLer haben die Randbedingungen für die Anwendung des Paretoprinzips bis heute nicht verstanden ;-). Das Konzept der Messe ist leider überholt.
rjsedv 13.03.2014
5. Cebit ist out
Ganz einfach. Vielleicht war ich auch nur zu oft da. Aber im Grunde stimme ich dem Artikel zu. Es gibt nichts mehr auf der Cebit, was mich da wirklich noch hinlocken kann.
Ganz einfach. Vielleicht war ich auch nur zu oft da. Aber im Grunde stimme ich dem Artikel zu. Es gibt nichts mehr auf der Cebit, was mich da wirklich noch hinlocken kann.

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