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Netzwelt

Cebit-Rundgang

Es wird Zeit fürs Coming-out

Die Cebit will wieder volksnäher werden. Mit Computerspiel-Turnieren, 3-D-Ausstellungen und einer eigenen Halle für Privatbesucher soll das große Publikum gelockt werden. Ob das klappt? Klar ist: Die Messe hat teilweise Volksfestcharakter.

SPIEGEL ONLINE
Von
Mittwoch, 02.03.2011   16:25 Uhr

Diese Cebit fängt irgendwie falsch an. Im ICE von Hamburg nach Hannover bleibt der Platz neben mir leer. Und nicht nur der, im ganzen Zug sind noch reichlich Sitzplätze vorhanden. Das lässt mich stutzen: Sind etwa alle schon da? Sitze ich im falschen Zug? Schließlich ist der frühe ICE nach Hannover, der kurz vor Messeöffnung, um Zehn vor Neun, am Messebahnhof hält, normalerweise randvoll. Manchmal drängen diejenigen, die keine Reservierung bekommen haben, sogar auf den Gängen. Diesmal nicht.

Aber das soll nichts heißen. Als ich auf der Messe ankomme, ist alles wie immer: Dichtes Gedränge auf dem "Skywalk", lange Schlangen vor den Einlass-Automaten. War wohl nur ein Zufall, dass der Zug nicht ganz so voll war.

Oder doch nicht? Die Intel-Pressekonferenz, immer die erste am ersten Messetag, ernüchtert mich wieder. Wo ich mich sonst freute, noch einen Stehplatz zwischen den Fotografen an der Rückwand des Saales bekommen zu haben, sind heute ähnlich viele Plätze frei wie in der Bahn. Und viel zu erzählen haben die Intel-Manager auch nicht.

Vor ein paar Jahren hat der Chip-Konzern in Hannover noch seine Atom-Prozessoren enthüllt, jene Chips die Netbooks erst möglich machten. Heute ist das Highlight der Präsentation einen Ballett-Aufführung einer Roboter-Tanzgruppe. Der Grund für die Anwesenheit der sich künstlerisch verrenkenden Blechpuppen: Ihr Herz ist ein Atom-Prozessor. Wenigstens sind sie nett anzusehen.

Die Cebit ist die Dritte im Bunde

Aber, war es das schon mit der Cebit? Mit der größten Computermesse der Welt? Kann doch nicht sein. Eben noch wurde doch bei Intel davon geschwärmt, dass in 2011 1,2 Millionen PC ausgeliefert werden - pro Tag. Das sind 200.000 mehr als noch 2010. Da müsste es doch einige Leute geben, die sich für eine Messe interessieren, auf der gezeigt wird, was Computer alles können, was es Neues gibt und was die Zukunft bringt. Gibt es auch, nur werden die in Hannover nicht fündig. Die Cebit ist von einer Neuheitenmesse zu einer Bestandsanzeige geworden. Die Geschäfte laufen prima, Hersteller und Kunden, als Handelsketten beispielsweise finden hier immer noch zusammen. Nur Neuheiten, die finden sie kaum.

Denn die werden längst anderswo gezeigt. Auf der CES vor allem, jener Unterhaltungselektronik- und Computermesse in Las Vegas, zu der zwar weniger Publikum anreist, als nach Hannover, die aber trotzdem vom Gros der Hightech-Unternehmen als Plattform zur Vorstellung ihrer Novitäten genutzt wird. Im Februar folgt dann die Handymesse Mobile World Congress, auf der fast alle Handyneuheiten für das Jahr gezeigt werden.

Für die Cebit bleibt da nicht viel, das wissen auch die Aussteller und preisen in Hannover manches Exponat als Neuheit an, das man womöglich auf einer der anderen Messen längst gesehen hat. So wie Asus, die ihre vier Tablet-Neuheiten aus Las Vegas einfach noch mal vorstellen. 2012 wird das noch schlimmer werden. Dann nämlich rückt der Mobile World Congress dichter an die Cebit heran: Nur drei Tage werden die beiden Großveranstaltungen trennen.

Highspeed statt Hightech

Und doch, man soll ja nicht nur meckern, gibt es auch spannendes auf der Cebit zu entdecken, sogar für Leute mit ganz normalen Interessen. Einige der interessanten Dinge haben allerdings nicht notwendigerweise eine Bezug zur Messe, sind nicht immer Hightech, sondern manchmal einfach nur Zirkus. So wie die Rennstrecke, die der Telefonkonzern Vodafone vor den Hallen mit den 20er-Nummern aufgebaut hat. Platz ist da jetzt reichlich, weil diese Hallen allesamt geschlossen sind.

Über die Strecke rast dort jetzt ein Mercedes-SLR-Supersportwagen, ein Brummer mit weit mehr als genug PS, pilotiert von Formel-1-Star Lewis Hamilton, der seine Fahrgäste mit laut quietschenden Reifen, noch lauter dröhnendem Motor und begleitet von einer blauen Wolke verbrannten Gummis mit Highspeed über den Parcours chauffiert. Was man machen oder verbrochen haben muss, um sich im feuerfesten Anzug auf den Beifahrersitz dieses Geschosses schnallen zu lassen, war nicht erkennbar. Egal: Dem Publikum gefällt's.

Wann kommt das Coming-out?

Ob dem Publikum auch die Halle 19, verschämt abseits des Messegeländes versteckt, gefällt, ist am ersten Messetag nicht zu erkennen, dafür tummeln sich dort einfach zu wenig Menschen. Denjenigen die da sind, in der einzigen Halle die sich unter dem Motto "Cebit life" ausschließlich an Endkunden richten soll, wandern durch einen Art Gemischtwarenladen. Während auf der großen Bühne vor kleinem Publikum eine Podiumsdiskussion abgehalten wird, erklären gegenüber ein paar musikalische Mädels, wie man mit den neuesten Musiker-Gadgets am Computer tolle Sounds aufnehmen kann. Ein paar Meter weiter steht der neue Landrover, ausgerüstet mit innovativer Technik, aber doch irgendwie ein Fremdkörper.

Aber das ist ein Einruck, der sich über das ganze Messegelände manifestiert: Wer nicht nach Business aussieht, wirkt wie ein Fremdkörper. Da wo Geschäfte gemacht werden, wo Händler sich mit Herstellern treffen und wo große Kunden sich von ihren Zulieferern umgarnen lassen, brummt die Cebit - aber auch nur da.

Vielleicht ist es an der Zeit für ein "Coming-out" der Computermesse in Hannover. Vielleicht ist es an der Zeit sich dazu zu bekennen, dass man eben doch eine Business-Messe ist und keine Publikumsveranstaltung, wie viele andere Messen. Dann könnte man sich endlich voll darauf konzentrieren, das zu tun, was die Cebit am besten kann, nämlich Kunden und Anbieter zusammenzubringen. Ein bisschen keiner und ein bisschen feiner könnte eine solche Cebit gerne werden.

Und die größte Computermesse der Welt würde sie dabei wahrscheinlich auch bleiben - wenn auch kleiner als heute.

insgesamt 4 Beiträge
mathy 02.03.2011
1. heiße reifen...
...also wenn im Titel schon auf das Auto angespielt wird, kann man auch schon so korrekt sein, dass es sich dabei um einen SLR und nicht einen SLS handelt.
...also wenn im Titel schon auf das Auto angespielt wird, kann man auch schon so korrekt sein, dass es sich dabei um einen SLR und nicht einen SLS handelt.
taggert 02.03.2011
2. ...
Ich war heute auf der Cebit und kann alles was im Artikel geschrieben wurde nur absolut bestätigen. Es lohnt sich einfach nicht dort hinzufahren, wenn man nicht auf konkrete Geschäfte aus ist. Für die Privatperson gibt es [...]
Ich war heute auf der Cebit und kann alles was im Artikel geschrieben wurde nur absolut bestätigen. Es lohnt sich einfach nicht dort hinzufahren, wenn man nicht auf konkrete Geschäfte aus ist. Für die Privatperson gibt es weder neues, noch interessantes. Dafür ist das Gebiet wie immer sehr sehr weitläufig und Fußschmerzen sind garantiert... :)
alcudi 02.03.2011
3. Spannend
Wenn man sich für nichts interessiert außer Computerballerspiele und sich von den ersten Hallen nach dem Bahnhog abschrecken lässt, ist man tatsächlich fehl am Platze. Ansonsten ist die Cebit sehr klasse. Es gibt [...]
Wenn man sich für nichts interessiert außer Computerballerspiele und sich von den ersten Hallen nach dem Bahnhog abschrecken lässt, ist man tatsächlich fehl am Platze. Ansonsten ist die Cebit sehr klasse. Es gibt interessante Experimente (Roboter mit dem Hirn steuern), die IF-Designräume (zu unrecht etwas ruhig) und man kann sich bei IBM die neusten Mainframes erklären lassen - von Frauen, die wirklich Ahnung haben und nicht nur für die Messe angelernt sind. Über den Tellerrand schauen, Technik und Zukunft live erleben, dass geht nirgendwo sonst so gut wie auf der Cebit. Fürs Business ergeben sich endlose Möglichkeiten, auch für das kleine Privatgewerbe. Diese Cebit ist die beste, die ich kenne. Und es sieht nach Aufwind aus, auch wenn die Stände kleiner sind (bisweilen aber immer noch gigantisch). Wenn da nun einige Messehallen nicht genutzt werden, ist mir das lieber als wie vor 6 Jahren eine komplette Halle voll mit identischen China- und Indien-Outsorcern.
bluearoma 03.03.2011
4. Die Cebit ist tot
für Privatbesucher.. News kann man einfacher und ressourcenschonender im Internet nachlesen. Die Cebitleitung hat die Privatbesucher vor Jahren erfolgreich vergrault und die kommen auch nicht wieder. Es war früher cool und [...]
für Privatbesucher.. News kann man einfacher und ressourcenschonender im Internet nachlesen. Die Cebitleitung hat die Privatbesucher vor Jahren erfolgreich vergrault und die kommen auch nicht wieder. Es war früher cool und in auf die Cebit zu fahren, aber jetzt nicht mehr.

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Alle Infos zur Cebit 2011

Was?

Die Cebit ist die weltgrößte Computermesse. In 20 Hallen stellen mehr als 4200 Unternehmen aus 70 Ländern ihre Produkte vor. In Hannover erwartet werden sowohl Fachleute aus Forschung und Industrie als auch Verbraucher. Im vergangenen Jahr kamen rund 334.000 Besucher.
Wann und wo?
DDP

Die Cebit 2011 findet vom 1. bis 5. März 2011 auf dem Messegelände in Hannover statt. Nur wenige hundert Meter von der Ausstellung entfernt halten Fernzüge der Bahn am Messebahnhof Hannover Messe/Laatzen. Vom Hauptbahnhof Hannover dauert die Fahrt mit der U-Bahn (Linie 0 oder 18) rund 18 Minuten. Für Besucher ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
Eintrittspreise
Eine Tageskarte kostet 39 Euro, ein Dauerticket 87 Euro. Im Vorverkauf - die Eintrittskarten lassen sich auch zu Hause ausdrucken - kosten die Karten 34 bzw. 77 Euro. Für Schüler und Studenten gibt am letzten Messetag, am 5. März, ein Sonderangebot: Sie kommen an dem Tag für 18 Euro auf die Cebit.
Schwerpunkt "Wolke"
Das Top-Thema lautet "Work And Life With the Cloud" und beschäftigt sich mit Diensten, bei denen die Anwendungen ins Internet ausgelagert sind. In mehreren Hallen geht es um Sicherheitsaspekte und darum, wie Unternehmen ihre eigene Cloud aufbauen.
Partnerland Türkei
REUTERS

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Ausstellung am Abend des 28. Februar eröffnen. Auf der Cebit präsentiert sich die IT-Wirtschaft Türkei unter anderem in Halle 12 auf einem zentralen Stand.
Themenwelten
Die Cebit ist dieses Jahr nach vier "Plattformen" gegliedert: für Fachbesucher, Privatbesucher, Hochschulen und öffentliche Stellen. Weitere Themen sind das besonders schnelle und das mobile Internet, Umweltschutz sowie die digitale Verwaltung.
Tablets und Co.
DDP

Verbraucher finden auf der Cebit 2011 die neuesten Entwicklungen der Hightech-Firmen. Im Mittelpunkt stehen Smartphones und Tablet-PC. Viele echte Neuheiten wird es auf der Cebit aber nicht zu sehen geben: Kommende Produkte der Unterhaltungselektronik präsentierten viele Hersteller bereits im Januar auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, neue Handys stellten sie Mitte Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona vor.
Vorbereitung

Die Cebit-Website bietet eine Reihe von Organisationshilfen: Besucher können sich zum Service "MyCebit" anmelden. Wer dort eingeloggt ist, kann sich unter anderem einen individuellen Messeplaner erstellen und ausdrucken. Alternativ lässt sich der persönliche Notizblock auch unter cebit2go.de abrufen. Diese Seite ist für Smartphones optimiert.

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