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Netzwelt

Obdachloser mit Solarstrom

Der Hightech-Eremit von L.A.

Paul Doerer ist IT-Fachmann, er liebt sein Tablet - und er ist obdachlos. Am "Silicon Beach" genannten Strand von Los Angeles lebt der Aussteiger in einem Zelt voller Technik und verlangt für App-Beratung ein bisschen Haferbrei.

Matthias Krug/ DER SPIEGEL
Von Matthias Krug
Samstag, 09.07.2016   11:02 Uhr

Der Pacific Coast Highway ist eine kalifornische Traumstraße. Zwischen Malibu und Santa Monica streift er Pacific Palisades, einen Stadtteil von Los Angeles, wo ein Haus nicht unter einer Million Dollar zu haben ist. Oberhalb vom Strand, wo man Beachtaschen für 700 Dollar kaufen kann, sitzt ein Mann mit dem Rücken zum Wasser, auf dem Schoß einen Tablet-Computer. Ein reicher Mann mit sehr wenig Geld in der Tasche.

Paul Doerer hat um halb sechs Uhr wie jeden Morgen sein elektronisches Zuhause aufgebaut. Zuerst die Halterungen für die Solarpanele. Die Plastikgestelle sind Restbestände von Filmdrehs, Kostenpunkt null Dollar. Zum gleichen Preis ist er an sein Tablet gekommen, an sein Sony-Mobiltelefon, ein Nook-Lesegerät und einen iPod. Auch die Batterie, die mit den Solarpanels aufgeladen wird, hat er geschenkt bekommen.

Doerer ist eigentlich IT-Spezialist. Seine eigene IT hat nichts gekostet.

Auf einem gefundenen Campingstuhl sitzend spielt der 47-Jährige Computer, liest, sieht sich Filme an. Er hat die neuesten, woher, ist nicht ganz klar. So verbringt er fast jeden Tag. Im Jahr 2011 hatte Doerer sich entschlossen, seinen Job als IT-Verantwortlicher der stadtbekannten Fahrradladenkette "Helen's Cycles" aufzugeben und sein Apartment in Santa Monica zu kündigen. "Ich habe nur gearbeitet, um die Rechnungen zu bezahlen."

"Wenn es dunkel wird, wird es verrückt"

Er ist keiner der vielen Verwirrten vom Venice Beach. Er trinkt keinen Alkohol, hat einen guten High-School-Abschluss. Sein ehemaliger Arbeitgeber fragt ihn oft, ob er seine Festanstellung nicht wieder antreten möchte. Dankend lehnt Doerer ab.

Er trägt eine Softshell-Jacke von Google, ein Werbegeschenk, von einem Freund weitergereicht. Seine Zähne sind etwas schief, aber sauber. Seine grünen Allwetterhosen sehen gemütlich aus, könnten aber eine Wäsche vertragen. Abends sucht er sich mit seinem vollgepackten Rad samt Anhänger einen sicheren Platz für die Nacht, irgendwo versteckt. "Ich muss aufpassen, dass mich die Drogensüchtigen und die Verrückten nicht ausrauben."

Obdachlosigkeit in den USA
Los Angeles und Umgebung ist nach New York City die Gegend mit den meisten Obdachlosen in den USA, zeigt eine Statistik des US-Bauministeriums von 2015. Mehr als 12.000 Menschen sind dort seit langer Zeit ohne Wohnung – ein drastischer Anstieg innerhalb weniger Jahre. Zählt man auch die Menschen mit, die kurzzeitig kein Dach über dem Kopf haben, kommt man auf über 41.000 Obdachlose in Los Angeles. Viele davon kommen nicht einmal in einer Obdachlosenunterkunft unter und leben komplett auf der Straße. In Kalifornien gibt es laut den Zahlen des Ministeriums insgesamt über 115.000 Wohnungslose, US-weit sind es rund 565.000.

Venice ist nicht immer paradiesisch: "Wenn es dunkel wird, wird es verrückt. Bei den Toiletten habe ich schon 4 Tote mitbekommen." "Prostitution und Drogen" seien nachts überall hier. Er verziehe sich dann lieber an den Strand in Pacific Palisades, elf Kilometer weiter nördlich.

App-Beratung für ein bisschen Haferbrei

Bekannte fragen ihn öfter mal, ob er nicht während ihrer Abwesenheit in ihren Häusern leben möchte, aber Doerer lehnt immer ab. "Ich fühle mich dann klaustrophobisch."

Doerer lebt eine Verbindung von moderner, ökologischer Technik, Unterhaltung, Bildung - und einem Traumstrand. Früher hatte Doerer eine Wohnung in Santa Monica, jetzt hat er nicht mal mehr ein Bankkonto. Wählen kann er auch nicht, weil er keinen festen Wohnsitz hat.

Doerer ist in Tennessee geboren, aufgewachsen in Baltimore. Seit 18 Jahren lebt er in Los Angeles, er war auch schon mal Roadie für Rockbands. "Meine Eltern und ich haben nicht gut zusammengepasst", sagt er. "Ich habe seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen. Meine Freunde sind meine Familie."

An der Promenade ist er ein gefragter Ratgeber: Er gibt anderen Obdachlosen zum Beispiel Tipps, welche gebrauchten Computer sie sich kaufen sollten. Ein bekannter Comedian kommt vorbei, wenn er Fragen zu seinen Android-Apps hat. Er gibt Doerer etwas Geld - und Haferbrei.

Ein Mal Stühle rausstellen = ein Mal Akku aufladen

Viel braucht Doerer nicht, er lebt von zehn Dollar pro Woche. Die verdient er sich jeden Samstag. Mit seinem Fahrrad samt Anhänger steht Doerer dann ab fünf Uhr morgens am Beach Walk, um einen Verkaufsplatz für einen japanischen Fotografen zu sichern, der dort seinen Stand aufbauen will.

Es gebe hier einen "mörderischen Wettbewerb um die besten Plätze", sagt Doerer. Am Wochenende kann es bei gutem Wetter schon mal zu Messerstechereien kommen, weil so viele Händler am Strand ihre Waren feilbieten wollen.

Die Obdachlosen profitieren auch von der Hilfe der Anwohner und anderer freiwilliger Helfer. Gegen acht Uhr morgens bringt eine Anwohnerin gerade gekaufte Subway-Sandwiches in einer Tüte mit Früchten. Doerer staubt eine Tüte ab. Der Inhalt wird ihn durch den Tag bringen. Das Obst ist ihm wichtig, zu viel Brot sei ungesund.

Bei "Boardwalk Yogurt" hilft Doerer morgens die Stühle rauszustellen, dafür lässt die Besitzerin ihn seinen Computer aufladen. Um halb zehn kommen "die Believer". Die engagierten Christen haben bei den umliegenden Supermärkten abgelaufene Ware eingesammelt und verteilen sie an etwa 20 Obdachlose.

Total entspannt, auch ohne Mindfulness-App

Seinen Internetzugang bekommt Doerer von einem Freund. Der leiht ihm sein Log-in, um sich ins städtische WLAN-Netz einzuloggen. Wenn Paul ein neues Solarpanel braucht, bestellt er es über seinen alten Arbeitgeber über Amazon und lässt es dort anliefern. Doerer bezahlt dann Cash.

Er ist meistens zu erreichen, per E-Mail. Am boomenden "Silicon Beach" ist ein neues Zauberwort "Mindfulness", Achtsamkeit, man kann es auch bewusstes Leben nennen. Der große Hit für Investoren und Entwickler sind Apps, mit deren Hilfe die Internetgeplagten bei der Arbeit innehalten und meditieren können. Paul Doerer braucht so etwas nicht. Er ist total entspannt.

Später an der Strandpromenade kommt Pauls Freund Angel vorbei. Angel hat einen ganzen Korb voller technischer Accessoires dabei. Er findet sie in Santa Monica und Venice. Angel versorgt die Obdachlosen und andere mit Kabeln, Ladestationen, Steckern, Adaptern. Sie nennen ihn den "Scavenger", einen "Junk Hunter".

"Angel" durchsucht den Müll, er ist der Technik-Zulieferer der Obdachlosen. Paul durchwühlt die Tasche von Angel gründlich: "Heute ist nichts Brauchbares dabei."

Einen großen Teil seines Tages sei er mit Technik beschäftigt, mit dem Aufbau und der Wartung der Solaranlage, dem Aufladen der Batterien, der Beschaffung von Ersatzteilen. Nur wenn es stärker bewölkt ist, bekommt er früher oder später Probleme.

"Die Technik hält mich auf dem Laufenden", sagt Doerer, "aber nur, wenn ich es möchte. Ich bin gern allein."

insgesamt 22 Beiträge
der_unbekannte 09.07.2016
1. Mir persönlich
wäre der ganze Aufwand mit der Technik im Schlepptau viel zu stressig als Obdachloser. Aber wenn er damit gut leben kann, warum dann nicht? Ein Tablet würde mir schon reichen, Steckdosen findet man immer irgendwo.
wäre der ganze Aufwand mit der Technik im Schlepptau viel zu stressig als Obdachloser. Aber wenn er damit gut leben kann, warum dann nicht? Ein Tablet würde mir schon reichen, Steckdosen findet man immer irgendwo.
kurosawa 09.07.2016
2. immer wieder schön...
....gelegentlich etwas von alternativen lebensmodellen zu lesen. und wenn sie dann auch noch so sympathisch sind wie dieses... bei solchen berichten wird natürlich wieder einigen 'leistungsträgern' hier im lande der schaum [...]
....gelegentlich etwas von alternativen lebensmodellen zu lesen. und wenn sie dann auch noch so sympathisch sind wie dieses... bei solchen berichten wird natürlich wieder einigen 'leistungsträgern' hier im lande der schaum vor dem mund stehen ;-)
christiewarwel 09.07.2016
3. ???
Wie es Herrn Doerer wohl ohne die Hilfsbereitschaft vieler anderer Menschen erginge, welche für all die nützlichen Kleinigkeiten vom Strom bis zu ihrem Internetzugang Geld bezahlen müssen? Vielleicht aber sollten wir uns [...]
Wie es Herrn Doerer wohl ohne die Hilfsbereitschaft vieler anderer Menschen erginge, welche für all die nützlichen Kleinigkeiten vom Strom bis zu ihrem Internetzugang Geld bezahlen müssen? Vielleicht aber sollten wir uns auch mal fragen, ob unsere Arbeitswelt nicht ein wenig mehr Menschen- und Familiengerechtigkeit vertragen könnte, an Stelle von Geld für einen Konsum, den wir im Grunde gar nicht brauchen.
Ein_denkender_Querulant 09.07.2016
4. Diogenes von Sinope
An irgendwen erinnert mich dieser Mann. Nicht übertragbar auf andere, aber ich hoiffe, er findet seinen Seelenfrieden. Der eine geht pilgern, der zweite bringt sich um, der dritte versucht es mit Aussteigen. Viel Glück!
An irgendwen erinnert mich dieser Mann. Nicht übertragbar auf andere, aber ich hoiffe, er findet seinen Seelenfrieden. Der eine geht pilgern, der zweite bringt sich um, der dritte versucht es mit Aussteigen. Viel Glück!
air plane 09.07.2016
5.
"einen Stadtteil von Los Angeles, wo ein Haus nicht unter einer Million Dollar zu haben ist. " Äh, das ist nicht besonders viel für ein Haus am Strand; für eine Luxusgegend jedenfalls.
"einen Stadtteil von Los Angeles, wo ein Haus nicht unter einer Million Dollar zu haben ist. " Äh, das ist nicht besonders viel für ein Haus am Strand; für eine Luxusgegend jedenfalls.

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