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Netzwelt

Mord-Prozess

Verdächtiger fragt angeblich Siri nach Versteck für Opfer

Ein Mordverdächtiger soll in der Tatnacht Spuren auf seinem iPhone hinterlassen haben. Er nutzte wohl mehrfach die Taschenlampe - und fragte angeblich auch Siri, wo er einen Menschen verstecken kann. Letzteres stellte sich allerdings als unglaubwürdig heraus.

Siri-Screenshot: Mittlerweile wird die Frage anders beantwortet

Mittwoch, 13.08.2014   18:58 Uhr

Gainesville - In Florida steht ein junger Mann vor Gericht, der verdächtigt wird, seinen Mitbewohner umgebracht zu haben. Bei der Beweisaufnahme spielt das Handy des 20-Jährigen eine wichtige Rolle, weil er darin in der Tatnacht Spuren hinterlassen hat. Unter anderem soll er laut mehrerer lokaler Medienberichte den Sprachassistenten an seinem iPhone um Hilfe gebeten haben. So jedenfalls sah es zunächst aus.

Es geht um eine Nacht im September 2012. Der 18-jährige Student Christian Aguilar verschwand, seine Leiche wurde drei Wochen später in einem Waldstück gefunden. Unter Verdacht steht sein Mitbewohner Pedro B.; angeblich aus Eifersucht soll er seinen Freund umgebracht haben, weil der sich mit der Ex-Freundin des Verdächtigen traf.

Nun soll das Smartphone von B. bei der Aufklärung helfen: Unter anderem die Lokalnachrichten von "Local 10" berichten jetzt darüber, welche Erkenntnisse die Ermittler rückwirkend über das Handy des Verdächtigen erlangen konnten. Nach Angaben eines Ermittlers hat Pedro B. in der Tatnacht neunmal die Taschenlampenfunktion seines Handys genutzt, insgesamt 48 Minuten lang soll sie genutzt worden sein. Zum Zeitpunkt der Tat dürfte es sich dabei um eine Taschenlampen-App gehandelt haben, Apple selbst hat eine entsprechende Funktion erst 2013 mit mit iOS 7 eingeführt.

"Ich muss meinen Mitbewohner verstecken"

Vor allem aber soll der Verdächtige den Sprachassistenten Siri am Tag der Tat um Hilfe gebeten haben: "I need to hide my roommate", soll er gesagt haben, "Ich muss meinen Mitbewohner verstecken." Siri soll daraufhin mit einem der bekannten Scherze geantwortet haben, die sich die Entwickler einst erlaubt haben: So schlug die Computerstimme unter anderem ein Moor, einen Wassertank oder eine Mülldeponie vor. Und fragte zurück, was für ein Ort ihm denn vorschwebe. Die Siri-Abfrage liegt dem Gericht laut mehrerer Medienberichte als Screenshot vor. Laut "ABC News" sagten die Anwälte des Verdächtigen, es handele sich bei dem Screenshot um eines von Hunderten Bildern auf dem Handy ihres Mandanten. Es lasse sich nicht feststellen, ob er selbst diese Frage wirklich gestellt habe.

Inzwischen hat die Polizei in Gainesville klargestellt, dass zwar jemand irgendwann eine entsprechende Siri-Suche durchgeführt hat, allerdings auf einem AT & T-Gerät. Der Angeklagte aber hatte einen Verizon-Vertrag. Er hatte auch ein iPhone4, Siri aber war bis zum Modell 4S nicht erhältlich, ergänzte der Polizeisprecher.

Es wäre sowieso recht ungewöhnlich, eine eigene dermaßen heikle Siri-Frage als Screenshot auf dem Telefon zu speichern. Mittlerweile lässt Siri die entsprechende Frage übrigens unbeantwortet, bei einer ähnlichen Übersetzung ins Deutsche sagt der Sprachassistent nur: "Sehr witzig". Fragt man aber danach, wie sich eine Leiche entsorgen lässt, schlägt zumindest die deutsche Siri Sargbauer und Bestattungsunternehmen als Ansprechpartner vor.

Neben den vielen Indizien in diesem Prozess wäre der Siri-Screenshot sowieso nur ein kleines Detail in der Spurensuche gewesen. Zumindest eines aber dürfte der Fall klargemacht haben: Siri ist der denkbar schlechteste Ansprechpartner, um bei einer Straftat behilflich zu sein.

Anm. der Red.: Nach Veröffentlichung dieses Textes gab die Polizei in Gainesville neue Informationen zu dem Fall bekannt. Anders als ursprünglich beschrieben, stammt demnach die Siri-Anfrage nicht vom Angeklagten, sondern von einem bislang Unbekannten. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.

Fotostrecke

iPhone-Assistent Siri: "Ich kenne keine guten Witze!"

juh

insgesamt 12 Beiträge
doitwithsed 13.08.2014
1. Siri, Siri
Wenn man weiß, wie Siri funktioniert, ist es nicht verwunderlich, dass Fragen im Nachhinein nachvollzogen werden können. Die digitalisierte Sprachdatei der Frage wird nämlich mitnichten auf dem Gerät analysiert, sondern [...]
Wenn man weiß, wie Siri funktioniert, ist es nicht verwunderlich, dass Fragen im Nachhinein nachvollzogen werden können. Die digitalisierte Sprachdatei der Frage wird nämlich mitnichten auf dem Gerät analysiert, sondern über das Internet an einem Apple Server übermittelt, auf dem leistungsfähiger Rechner die Spracherkennung vornimmt, die Antwort ermittelt und diese als Daten für die Sprachsynthese an das Gerät rücksenden. Und jetzt die Preisfrage: Wer speichert die ganzen Fragen jetzt länger, Apple oder NSA/FBI/Konsorten?
der_durden 13.08.2014
2.
Entgegen Ihrer Suggestion gibt es aber einen simplen, technischen Grund dafür. Siri ist als Beta ausgerollt worden und die Millionen Sprachanfragen auf den Server verbessern kontinuierlich das Verstehen natürlicher Sprache. [...]
Zitat von doitwithsedWenn man weiß, wie Siri funktioniert, ist es nicht verwunderlich, dass Fragen im Nachhinein nachvollzogen werden können. Die digitalisierte Sprachdatei der Frage wird nämlich mitnichten auf dem Gerät analysiert, sondern über das Internet an einem Apple Server übermittelt, auf dem leistungsfähiger Rechner die Spracherkennung vornimmt, die Antwort ermittelt und diese als Daten für die Sprachsynthese an das Gerät rücksenden. Und jetzt die Preisfrage: Wer speichert die ganzen Fragen jetzt länger, Apple oder NSA/FBI/Konsorten?
Entgegen Ihrer Suggestion gibt es aber einen simplen, technischen Grund dafür. Siri ist als Beta ausgerollt worden und die Millionen Sprachanfragen auf den Server verbessern kontinuierlich das Verstehen natürlicher Sprache. Des weiteren können so, ohne Geräteupdate die SIRI-Dienste erweitert und verbessert werden, eben auch die Antworten - und um die geht es doch irgendwie, oder? Ich weiß, Sie werden das nicht glauben, die Sache mit der NSA und so weiter hört sich ja auch viel besser an, gerade wenn es um Apple und Co. geht. Fragen Sie dann doch eifnach den IT'ler Ihrer Wahl. Vielleicht wird es dann klarer.
hdudeck 13.08.2014
3. Gut zu wissen, das selbst ein so unscheinbares App
wie die Taschenlampenfunktion ein Protokoll fertigt und es im Speicher hinterlegt. Frage ist auch, warum dann nicht auch die Ortsermittlung durch den Provider herrrangezogen wird. Da die Taschenlampe nur funktioniert, wenn man [...]
wie die Taschenlampenfunktion ein Protokoll fertigt und es im Speicher hinterlegt. Frage ist auch, warum dann nicht auch die Ortsermittlung durch den Provider herrrangezogen wird. Da die Taschenlampe nur funktioniert, wenn man eingelogged ist, ist man dann (normalerweise) auch mit dem Netz verbunden. Und die Provider sind ja gehalten, diese Daten vorzuhalten. Bei mir kommt da der Verdacht auf, das dort ein DA mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten arbeitet, wie es leider in den USA haeufig der Fall ist. Leider fallen Juries immer wieder darauf rein.
kumi-ori 13.08.2014
4. Ziemlich dämlich
wer ein Telefon mitnimmt, wenn er jemanden ermordet, der kann auch SIRI aufrufen, oder gleich ein Selfy in Aktion auf Facebook posten. Man sollte den Kindern unbedingt mehr Medienkompetenz in der Schule beibringen.
wer ein Telefon mitnimmt, wenn er jemanden ermordet, der kann auch SIRI aufrufen, oder gleich ein Selfy in Aktion auf Facebook posten. Man sollte den Kindern unbedingt mehr Medienkompetenz in der Schule beibringen.
Wolffpack 13.08.2014
5.
Nein, das Handy selbst tut das. Dort wird registriert was wie lange wann lief. Das ist wichtig fürs Debugging. Gibts in ähnlicher Form auch unter Windows (Event Viewer) und bestimmt auch für Unix-Systeme. Mir kommen [...]
Zitat von hdudeckwie die Taschenlampenfunktion ein Protokoll fertigt und es im Speicher hinterlegt. Frage ist auch, warum dann nicht auch die Ortsermittlung durch den Provider herrrangezogen wird. Da die Taschenlampe nur funktioniert, wenn man eingelogged ist, ist man dann (normalerweise) auch mit dem Netz verbunden. Und die Provider sind ja gehalten, diese Daten vorzuhalten. Bei mir kommt da der Verdacht auf, das dort ein DA mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten arbeitet, wie es leider in den USA haeufig der Fall ist. Leider fallen Juries immer wieder darauf rein.
Nein, das Handy selbst tut das. Dort wird registriert was wie lange wann lief. Das ist wichtig fürs Debugging. Gibts in ähnlicher Form auch unter Windows (Event Viewer) und bestimmt auch für Unix-Systeme. Mir kommen diese "Beweise" allerdings auch sehr indizienhaft vor. Was im Artikel (aber hoffentlich in dem Verfahren) nicht angegeben ist, welchen Timestamp der Screenshot davon hat. Wenn das schon Wochen her ist, würde ich das noch nicht mal als Indiz ansehen.

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