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Netzwelt

Labo-VR-Set von Nintendo

Erst basteln, dann staunen

Virtual Reality dank Pappe: Nintendo schafft mit einfachster Technik originelle Bastel- und Spielerlebnisse. Nebenbei erweitert sein Labo-VR-Set zwei Hits für seine Spielkonsole.

Nintendo
Von
Sonntag, 05.05.2019   10:56 Uhr

Die Welt, durch die man als Vogel fliegen soll, erscheint in einer Pappkonstruktion mit Flügel und Schnabel. Sie hält man sich vor die Augen, während man mit dem Fuß Luft pumpt und Auftrieb gibt. In einer Art Raketenwerfer, der mit Gummizug funktioniert, treten derweil Monster auf, die abgeschossen werden sollen und in einer Kamera, deren Objektiv man drehen kann, erscheint eine Unterwasserwelt.

Nintendo schafft mit Labo VR etwas, das eigentlich gar nicht funktionieren dürfte: Virtual Reality mit der Switch. VR als Understatement statt mit Hochglanz.

Die Virtual-Reality-Euphorie der vergangenen Jahre war zuletzt abgeflaut, neuer Produkte wie der Oculus Quest zum Trotz. VR ist zu einem Spielbereich für Tech-Enthusiasten geworden, in dem es zwar beeindruckende technische Durchbrüche gibt, aber wenig Games, die Gelegenheitsspieler zum Kauf einer Brille bewegen. Die wenigsten wollen sich mit VR-Brille und Kopfhörern aufs Sofa setzen.

Vielleicht ist das also genau der richtige Zeitpunkt, um sich VR noch einmal komplett neu zu überlegen. Nintendo hat das mit Labo VR gemacht und die Technik auf das Wesentliche heruntergebrochen: auf den neugierigen Blick in eine fremde Welt, auf das Bereitstellen einer Illusion, unabhängig von Technik und Perfektion.

Nichts für Tech-Fetischisten

Eines sollte von Anfang an klar sein: Mit der Oculus Rift, der HTC Vive oder auch nur Playstation VR kann Labo VR nicht mithalten. Die technischen Möglichkeiten der Switch sind zu beschränkt, um ein VR-Bild herzustellen, das Puristen zufriedenstellt. Wer also nach höchster Auflösung sucht, wer eine perfekte Simulation erwartet, sollte sich mit Labo VR gar nicht aufhalten. Das können andere besser. Wer sich aber verzaubern lassen möchte, der ist hier genau richtig.

Das Spiel beginnt - wie schon bei den ersten Labo-Kästen - mit dem Bau der Controller oder besser gesagt des Spielzeugs. Aus vorgestanzter Pappe werden Objekte zusammengefaltet, die zum einen das Spiel steuern, zum anderen selbst Spielobjekte sind.

Herz des Sets ist ein Karton mit einer VR-Linse, in den die Switch geschoben wird, um dort das Bild zu erzeugen. Diese Pappbrille wird wechselweise in jedes der anderen Objekte eingesetzt: in einen Blaster genanntes Schießetwas, in einen mechanischen Vogel, in ein kleines Windrad, in eine Kamera, in einen Pappelefantenkopf, in ein Fußpedal. Allein beim Aufbau kann man diverse Stunden Spaß haben, jedenfalls dann, wenn man keine Kinder hat, die alles selbst aufbauen wollen - und dann natürlich gleich spielen.

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Nintendo-Neuheit: Das ist das Labo VR-Set

Labo VR ist für Kinder geeignet, anders als die teureren Brillen. Hier hält man die Brille, beziehungsweise den Pappcontroller, in den die Brille eingebaut ist, am Ende selbst. Man hat auch keine Kopfhörer auf, weshalb immer noch genug Kontakt zur Realität vorhanden ist. Zudem sind die Spiele in kurze Abschnitte unterteilt, immer wieder wird gemahnt, eine Pause zu machen.

Der virtuelle Vogelflug wird von einem zehnjährigen Freund meines Sohns als "wunderschön" beschrieben, der Blaster mit seiner Monsterjagd ist einfach "cool". Manche Spiele sind weniger spannend, andere umso mehr. Das Windrad ist eher öde, ein Wettrennen in der Luft aufregend.

Labo VR schafft es, viele Sinne anzusprechen

Dabei entpuppen sich die Pappspielzeuge schnell nicht nur als lustige Verpackung, sondern auch als Geräte, die das Spielerlebnis steigern: Das Knallen eines Gummibands auf dem Blaster, der Fahrtwind, den man sich mit dem Fußpedal ins Gesicht fächert, das Pusten am Windrad. Labo VR schafft es, viele Sinne anzusprechen.

Weniger überzeugend sind dagegen die für Labo VR angepassten Erweiterungen für "Legend of Zelda: Breath of the Wild" und "Super Mario Odyssey". Bei "Zelda" kann man das ganze Spiel in VR spielen, bei "Mario" sind es einige Zusatzlevel. Nichts von dem ist essenziell. Was hier VR genannt wird, hat mehr von einem durchaus gelungenen 3D-Effekt. Und niemand wird "Breath of the Wild" durchstehen, während man sich die Brille vor die Augen hält und mit den Fingern die Controller ertastet.

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Schön ist der Effekt, wenn man sich einen tollen Ort in der Welt von "Zelda" sucht, den VR-Modus aktiviert und man das Ganze wie ein kleines Diorama benutzt, es als einen wunderbaren kurzen Blick in die Welt begreift. Dann kann man Link von einer Klippe springen lassen, ihm beim Fallschirmgleiten folgen und dann schnell in den normalen Modus zurückschalten - bevor einem schlecht wird, weil das Bild nicht so flüssig läuft, wie es nötig wäre.

"Super Mario Odyssey" hat ein paar Level dazu bekommen, in denen Mario Musiker und Instrumente für sein Orchester zusammensucht. Doch auch hier wirkt der VR-Modus aufgepfropft, er ist eher ein Techniktest als ein echtes Spiel.

Das Labo VR-Set aber machen diese beiden Ausflüge nicht schlechter. Es ist ein spannendes Spielzeug, mit dem Kinder - und auch Erwachsene - erste Schritte in die VR-Welt machen können. Es spricht die Sinne an und macht auch beim Basteln jenseits vom Bildschirm Spaß.


"Labo VR Set" von Nintendo für Switch, circa 70 Euro; USK: Ab 6 Jahren

insgesamt 3 Beiträge
m82arcel 05.05.2019
1.
So richtig innovativ klingt das nicht, wenn man bedenkt, dass es das Google Cardboard für nahezu jedes Smartphone schon seit gut 5 Jahren gibt.
So richtig innovativ klingt das nicht, wenn man bedenkt, dass es das Google Cardboard für nahezu jedes Smartphone schon seit gut 5 Jahren gibt.
biggoldensun 05.05.2019
2. Angetestet
Ich mache professionelle VR. Das Labo Zeug ist echt witzig und die Bastelei ist große Unterhaltung. Das VR am Ende wirkt wie eine Belohnung. Natürlich kann das mit Rift&Co nicht mithalten. Will es aber auch gar nicht.....
Ich mache professionelle VR. Das Labo Zeug ist echt witzig und die Bastelei ist große Unterhaltung. Das VR am Ende wirkt wie eine Belohnung. Natürlich kann das mit Rift&Co nicht mithalten. Will es aber auch gar nicht.....
moriar 06.05.2019
3. @m82arcel
Wie bigoldensum schon schrieb, die Nintendobrille ist ein reines Kinderspielzeug für die ganze Familie. Ein Googlecardboardsystem funktioniert ganz anders. Es hat vor allem nicht die Möglicheit mit zwei Kontrollern so lustige [...]
Wie bigoldensum schon schrieb, die Nintendobrille ist ein reines Kinderspielzeug für die ganze Familie. Ein Googlecardboardsystem funktioniert ganz anders. Es hat vor allem nicht die Möglicheit mit zwei Kontrollern so lustige Pappspielgeräte zu bestücken und diese dann in dr VR zu benutzen. Das Nintendokonzept ist wie der Bericht treffend sagt, ein Bastelspaß für die Kleinen mit VR als Belohnung. Und zu guter Letzt weckt es evtl. das Interesse an echter VR.

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