Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

"Rage 2" im Test

Granaten auf den guten Geschmack

"Rage 2" ist eine sinnfreie Mischung aus "Mad Max" und "Doom". Gerade deshalb ist das Actionspiel eine der großen Überraschungen des Jahres.

Bethesda
Von
Montag, 13.05.2019   14:06 Uhr

Schnell schießen, immer in Bewegung bleiben, bloß nicht getroffen werden und zwischendurch mit dem Auto durch eine postapokalyptische Landschaft fahren, um die nächste Stelle zu suchen, wo man schnell schießen kann: "Rage 2" ist simpel gestrickt - und das ist seine große Stärke.

"Rage" erschien 2011 und sollte so etwas wie ein Neuanfang für id Software werden. Das texanische Entwicklungsstudio ist mit "Wolfenstein", "Doom" und "Quake" so etwas wie der Urvater des Ego-Shooters, suchte aber - auch nach dem als altbacken kritisierten "Doom 3" - nach neuen Ideen. "Rage" sollte eine der Urformen von Videospielen - schießen - mit einer anderen Urform verbinden: fahren oder, besser gesagt, rasen.

Das hat nicht ganz funktioniert, auch weil sich beide Elemente nicht ergänzt haben, sondern seltsam nebeneinanderstanden. Für "Rage 2" holte id sich deshalb ein weiteres Studio dazu: Avalanche aus Schweden, das bereits mit der "Just Cause"-Serie riesige offene Welten schuf und mit "Mad Max" die Postapokalypse erkundete.

"Rage 2" steht sowohl "Doom" als auch "Mad Max" sehr nahe. Es sieht allerdings deutlich besser aus, wechselt von der Außenansicht in die Ego-Perspektive und nutzt diese grandios. Das merkt man vor allem an den Kämpfen, die wie aus "Doom" übernommen wirken. Schnelle Reaktionen sind gefragt, ständige Bewegung ist ein Muss. Gleichzeitig altbekannt und aufregend neu, so wie es id-Software-Spiele eben immer noch sind.

Ein Rachefeldzug

Was id-Software-Spiele hingegen nicht sind: erzählerische Glanzleistungen. Da reiht sich "Rage 2" nahtlos ein. Kurz zusammengefasst: Ein Asteroideneinschlag löscht fast die gesamte Menschheit aus, Überlebende kämpfen um Land und Ressourcen, Böse sind richtig böse, Gute sind richtig gut, wenn sie nicht eigentlich auch böse sind. Der oder die Protagonistin Walker - das Geschlecht ist die einzige Entscheidung, die Spieler über ihre Figur treffen können - verliert zu Beginn fast seine beziehungsweise ihre gesamte Familie und zieht los, um den Angriff auf die eigene Siedlung zu rächen.

Walker trifft dabei auf einen verrückten Wissenschaftler, der mit russischem Akzent spricht, einen Superreichen mit Trump-Tolle oder einen halb maschinenhaften General mit Diktatorfantasien. Die Filmszenen sind zum Glück kurz gehalten und lassen sich überspringen. Man wird kaum etwas verpassen, wenn man das tut.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:23 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE
RAGE 2 [PlayStation 4]
Verlag:
Bethesda
Preis:
EUR 54,00
USK: ab 18 Jahren

Einmal mehr zeigt sich in "Rage 2", dass in Open-World-Spielen die Erzählung eigentlich von der Landkarte übernommen wird. Je mehr man unterwegs ist, desto mehr Orte offenbaren sich dort. Fragezeichen verwandeln sich in Banditenunterschlüpfe, in kleine Orte oder in verlassen wirkende Tankstellen, an denen man Ressourcen und versteckte Gegner findet. Immer mehr treibt man durch die Gegend, will alles erkunden, nur noch den nächsten Unterschlupf erobern, einen weiteren Turm der Obrigkeit außer Gefecht setzen, einen weiteren Ballon finden und abschießen, mehr Waffen, mehr Zusatzfähigkeiten erlangen. Man tritt in Arenakämpfen gegen Gladiatoren an, haut auf Gegner ein, bis sie in eine violette Fontäne zerplatzen, oder sprengt sie mit Granaten in die Luft.

Schlechter Geschmack und kaputte Musik

Gewalt - und auch das ist ein Markenzeichen von id Software - ist immer total übertrieben. Splatter-Effekte werden gern eingesetzt, von passender Musik getrieben. Schon "Doom" oder "Quake" waren Spiel gewordene Heavy-Metal-Fantasien, die technisch perfekt umgesetzt wurden. "Rage 2" ist eine Mischung aus schlechtem Geschmack, kaputter Musik und nichtssagenden Charakteren. Es hätte ein katastrophal schlimmes Spiel werden können, die nötigen Anlagen dazu hat es. Stattdessen stellt es sich selbstbewusst mit lila gefärbtem Iro hin, spielt breitbeinigen Dumpf-Metal und lässt Spieler zur Knarre greifen, Gegner mit einem wohl gezielten Tritt an die Wand schleudern oder von oben springend zerschmettern. Das mag trashig sein, aber es funktioniert ganz wunderbar.

Während man das alles tut, stellt man es nicht infrage. "Rage 2" hält einen Spielfluss aufrecht, hetzt den Spieler einfach auf den nächsten Gegner, zeigt zwischendurch ein wenig von der großartig inszenierten Ödlandschaft, um dann gleich wieder voll in die Action einzusteigen.

Hört man allerdings mit dem Spiel kurz auf, versteht man sich selbst kaum: Diese schlimm aussehenden Figuren mit ihren Punkfrisuren, dieses Nichts an Geschichte, die überflüssige, überdrehte Gewalt. Es beleidigt im Grunde alles, was man für Geschmack hält - und macht gerade deshalb einen Heidenspaß.


"Rage 2" von Bethesda, für PC, Playstation 4 und Xbox One; ca. 60 Euro; USK: Ab 18 Jahren

insgesamt 3 Beiträge
felisconcolor 13.05.2019
1. Bei Spielen
wie bei Kinofilmen zeigt sich immer wieder, das Publikum will gutes Popkornkino. Ohne erhobenen Zeigefinger und Message. Es soll schlicht unterhalten. Dann werden auch Spiele gekauft und an den Kinokassen bilden sich wieder [...]
wie bei Kinofilmen zeigt sich immer wieder, das Publikum will gutes Popkornkino. Ohne erhobenen Zeigefinger und Message. Es soll schlicht unterhalten. Dann werden auch Spiele gekauft und an den Kinokassen bilden sich wieder Schlangen.
TOKH1 13.05.2019
2. über Geschmack....
....allerdings sind mir dann dich Spiele wie The Division 1 und 2 lieber. da geht es auch zur Sache. Aber es ist unglaublich vielfältig und macht süchtig auf die offene Welt....
....allerdings sind mir dann dich Spiele wie The Division 1 und 2 lieber. da geht es auch zur Sache. Aber es ist unglaublich vielfältig und macht süchtig auf die offene Welt....
alexdsmith 13.05.2019
3. Rage 1
war schon nix. Sah gut aus, war aber öde. So ganz ohne Story macht ballern dann auf Dauer auch keinen Spaß. Nee da warte ich lieber auf Borderlands 3.
war schon nix. Sah gut aus, war aber öde. So ganz ohne Story macht ballern dann auf Dauer auch keinen Spaß. Nee da warte ich lieber auf Borderlands 3.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP