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Eine Stunde mit "Tokyo Jungle"

Nach einer Katastrophe ist Tokio menschenleer und wird zum Dschungel. Der Spieler wählt eine Tiergestalt, in der er sich durchkämpfen und vermehren muss. Als tapsiger Zwergspitz im rosa Kleid kriegt man allerdings nur ein Durchschnittsweibchen ab.

Sony
Von
Donnerstag, 04.10.2012   09:05 Uhr

"Das erstklassige Weibchen ist interessiert." Endlich! Ich habe mein Revier markiert, indem ich an Fahnen geschnüffelt habe. Ich habe Küken gegessen, Antilopen gejagt und mich mit Hyänen geprügelt. Jetzt bin ich gut genug, darf meine Angebetete auf einen Strohhaufen entführen, ihr kurz am Hinterteil schnuppern und sie dann vorsichtig besteigen, wobei jetzt der Bildschirm langsam schwarz wird. Das Spiel soll schließlich noch jugendfrei sein.

Ich spiele "Tokyo Jungle". Zehn Jahre nach irgendeiner Katastrophe sind die Menschen aus Tokio verschwunden, und Tiere haben sich eingenistet. Beziehungsweise: Sie versuchen es. Wenn da nicht die anderen Tiere wären. Ziel ist es, sich ein Tier auszusuchen, es durch die Level zu steuern, es überleben zu lassen und Nachwuchs zu zeugen. Dabei müssen andere Tiere gejagt und Reviere markiert werden. Klingt bizarr? Ist es auch.

Die inneren Werte müssen stimmen

Am meisten gestört hat mich bei "Tokyo Jungle" die Präsentation. Grafisch ist das Spiel auf dem Niveau der Jahrtausendwende. Die Animationen sind das Gegenteil von anmutig. Sie sehen eher so aus, als ob Kinder Lego-Tiere durchs Zimmer hüpfen lassen. Dazu kommt ein Soundtrack aus der Hölle der Gema-freien Techno-CDs. Genug Eigenheiten, um das Spiel nach einer Viertelstunde wieder auszumachen und sich etwas anderem zu widmen.

Das Erstaunliche: Ich will es nicht. Ich wähle einen Zwergspitz, der in seiner Kämpferpose selten dämlich aussieht und hetze ihn auf einen Beagle. Der bekommt leider Unterstützung von einem zweiten Beagle, weshalb mein Zwergspitz erst mal ins Gras beißt. Und leider nicht ins selbige flüchtet, denn dort kann er sich verstecken, erholen und einen Gegenangriff starten.

Also: Neustart, wieder der Zwergspitz. Diesmal mache ich es besser. Ich schleiche mich an und erlege ein Kaninchen aus dem Hinterhalt. Beiße zweimal herzhaft zu, lasse das Blut spritzen und hinterlasse einen kleinen Haufen Knochen. Ich reiße Hühner und lege mich zur Ruhe. Dann wundere ich mich darüber, warum mir per Laufschrift eingeblendet wird, dass eine Krankheit "Yamanote - Linie Ost" heimgesucht hat. Ist das für mich relevant? Betrifft das meine Zwergspitzpopulation, die zur Zeit noch aus einem einzigen besteht? Ich beschließe, es zu ignorieren. Genauso wie die Frage, was Antilopen, Wölfe und Krokodile in den Ruinen Tokios zu suchen haben. Das ist genauso nachrangig wie die Frage, warum Mario eigentlich auf Schildkrötenpanzer hüpfen muss.

Zum Frühstück gönne ich mir ein Küken

Ich kümmere mich lieber um die Population meiner Zwergspitze. Zum Frühstück gönne ich mir erst einmal ein Küken und bekomme für die erfolgreiche Jagd ein Miederkleid überreicht, das ich prompt anziehe. Warum nicht? Ein Zwergspitz im rosa Kleid? Irgendwie muss ich meiner Angebeteten ja gefallen. Die wartet hinter dem nächsten Autowrack. Etwas beleidigt stelle ich fest, dass sie nur ein Durchschnittsweibchen ist, das sich jetzt an mich ranmachen will. Aber nach der Apokalypse sollte man vielleicht nicht wählerisch sein, bei der Frage, mit wem man den Bau teilt. Und außerdem hat mich "Tokyo Jungle" wieder einmal eines gelehrt: Es kommt nicht immer auf die Äußerlichkeiten an, wenn die inneren Werte stimmen. Und das scheint bei diesem Spiel der Fall zu sein. Trotz der bizarren Ideen ist es nämlich im Kern vor allem eines: ein interessantes und phasenweise sehr gutes Spiel.

Das sagen die anderen: Die Kritiker sind sich uneins wie selten. Während die einen die merkwürdige Umgebung und das Spielprinzip schätzen und deshalb Höchstwertungen verteilen, finden andere das Spiel monoton und unzeitgemäß und bewerten es sehr schlecht.

"Tokyo Jungle" von Sony; Download für Playstation 3; 14,99 Euro

insgesamt 2 Beiträge
kein_gut_mensch 04.10.2012
1. Tja ...
... sowas hab ich mir fast schon gedacht. Gute Idee aber nur eine mittelmäßige Umsetzung. Danke für die Bestättigung. Hört sich jedenfalls so an ...
Zitat von sysopSonyNach einer Katastrophe ist Tokio menschenleer und wird zum Dschungel. Der Spieler wählt eine Tiergestalt, in der er sich durchkämpfen und vermehren muss. Als tapsiger Zwergspitz im rosa Kleid kriegt man allerdings nur ein Durchschnittsweibchen ab. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/tokyo-jungle-rezensiert-von-carsten-goerig-a-859236.html
... sowas hab ich mir fast schon gedacht. Gute Idee aber nur eine mittelmäßige Umsetzung. Danke für die Bestättigung. Hört sich jedenfalls so an ...
skeptiker81 05.10.2012
2.
Wie kommen Sie auf die mittelmäßige Umsetung? Weil die Grafik nicht Up-To-Daet ist oder weil das Spielprinzip derart fesselt, dass man selbst über die Grafik hinwegsieht? Zumindest habe ich den Artikel so verstanden.
Zitat von kein_gut_mensch... sowas hab ich mir fast schon gedacht. Gute Idee aber nur eine mittelmäßige Umsetzung. Danke für die Bestättigung. Hört sich jedenfalls so an ...
Wie kommen Sie auf die mittelmäßige Umsetung? Weil die Grafik nicht Up-To-Daet ist oder weil das Spielprinzip derart fesselt, dass man selbst über die Grafik hinwegsieht? Zumindest habe ich den Artikel so verstanden.

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Zum Autor

  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.

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