Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Digitale Polizeiarbeit

Bessere IT, junge Talente - so wollen Ermittler Cyberkriminelle bekämpfen

Zersplitterte IT-Landschaft, Datenchaos, fehlende Rahmenbedingungen bei künstlicher Intelligenz: Die Sicherheitsbehörden müssen sich anders aufstellen. Die fünf größten Herausforderungen im Überblick.

imago / sepp spiegl

Das nationale IT-Lagezentrum des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik

Von
Donnerstag, 21.02.2019   17:20 Uhr

1. Die deutsche Polizei braucht eine gemeinsame IT-Plattform.

Das Programm "Polizei 2020" soll die zersplitterte IT-Infrastruktur der deutschen Polizeibehörden vereinheitlichen, ist allerdings noch eine riesige Baustelle. Bisher arbeiten die Landespolizeibehörden mit unterschiedlichen privaten Dienstleistern zusammen, entwickeln eigene IT-Lösungen und Projekte, und speichern auch ihre Daten teils in lokalen Datenbanken ab. Das erschwert die Zusammenarbeit und ist teuer. Derzeit existieren laut Andreas Lezgus, dem Leiter des Programms "Polizei 2020", "Tausende Fachanwendungen" nebeneinander.

"Dort, wo es sinnvoll ist, wollen wir mit einheitlichen Werkzeugen und Systemen arbeiten und die besten Lösungen auf einer Plattform für alle Länder bereitstellen - auch aus wirtschaftlichen Gründen", sagte Lezgus. So könnten auch Entwickler von polizeilichen Anwendungen zukünftig Zeit sparen, da etwa Server, Plattform oder Software-Komponenten bereits verfügbar wären.

Angesichts der bürokratischen Prozesse in den Sicherheitsbehörden hat es Lezgus zufolge in der Vergangenheit sechs bis sieben Jahre gedauert, bis neue Software zum Einsatz kommen konnte. Open-Source-Produkte sollen zudem die Abhängigkeit von Herstellern reduzieren. Bisherige IT-Modernisierungsversuche der Polizeibehörden waren allerdings ein Desaster. Das Jahr 2020 wird für das Programm "Polizei 2020" daher wohl nur ein Schritt auf dem Weg zum Ziel sein. "Dieser Prozess wird mehrere Jahre dauern", schränkte auch Lezgus ein.

2. Die Bekämpfung von Cyberkriminalität soll besser koordiniert werden.

Im kommenden Jahr will das Bundeskriminalamt eine Abteilung für Cybercrime einrichten, die die Bundesländer bei Ermittlungen unterstützen und die länderübergreifende Koordination erleichtern soll. "Wir planen, eine eigene Abteilung aufzubauen, der Startschuss ist hier aber noch nicht gegeben", sagte Holger Münch, der Chef des Bundeskriminalamts, auf dem Polizeikongress. Eine "Quick Reaction Force", die im Fall aktueller Hacker-Angriffe schnell einsatzbereit ist, soll zur festen Abteilung ausgebaut werden und Kompetenzen bündeln.

Matt Anderson Photography / Getty Images

Binärcode auf einem Computerbildschirm

Bei Attacken, die mehrere Bundesländer betreffen, könnten die Ermittler so schneller reagieren. Die neue Stelle soll zudem Werkzeuge für Länder- und Bundesbehörden, aber auch Europol-Partner entwickeln, und die Koordination internationaler Ermittlungen erleichtern - zum Beispiel die gegen Betreiber von Botnetzen. Wie viele Stellen die Abteilung haben soll, ist bisher unklar.

Im Januar hatte das Innenministerium als Reaktion auf die Veröffentlichung von Politikerdaten für eine bessere Koordination von Schutz- und Abwehrmaßnahmen auch das "Cyber-Abwehrzentrum Plus" angekündigt - dabei war der Ausbau der beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) angesiedelten Stelle ohnehin längst geplant.

3. Behörden müssen attraktivere Bedingungen für IT-Talente schaffen.

Die Anwerbung von IT-Experten bleibt für die Sicherheitsbehörden ein Problem. Die Konditionen in der freien Wirtschaft sind für Hacker meist attraktiver - und nicht jeder will für Sicherheitsbehörden Verschlüsselungstechnologien knacken. Zum Imageproblem der Behörden tragen sicherlich auch Hardliner-Positionen bei, wie sie auch auf dem Polizeikongress aufgefallen sind. So forderte Günter Krings, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, ein Verbot des Darknets. Wolfgang Sobotka, Präsident des österreichischen Nationalrats, lobte China für den flexibleren Umgang mit Datenschutz und Anonymität.

Auch der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) - die unter anderem Tools entwickeln soll, um Smartphones auszulesen - fehlen noch Krypto-Experten: Sie sucht derzeit in mehreren Stellenangeboten nach "Menschen wie dem genialen Tüftler Q, dessen außergewöhnliche Erfindungen James Bond erfolgreicher machen". Mit einem unbefristeten Vertrag und flexiblen Arbeitszeiten versucht die Forschungseinrichtung, Hacker anzuwerben. Bis zum Jahr 2020 sollen dort 400 Stellen aufgebaut werden.

4. Automatisierung und künstliche Intelligenz könnten den Ermittlern die Arbeit erleichtern - man braucht aber Rahmenbedingungen.

Der Hype um künstliche Intelligenz (KI) in der Polizeiarbeit ist groß, und viele Sicherheitsbehörden testen bereits Automatisierungs- und Prognose-Tools für Ermittlungen, Prävention und die Abwehr von Gefahren. Mit intelligenter Bild- und Videoanalyse durchforsten Ermittler Aufnahmen aus Handyvideos und Überwachungskameras. Interpol spürt schon seit Längerem automatisiert kinderpornografische Aufnahmen im Internet auf. Das Bundeskriminalamt nutzt die Prognose-Software "Radar-iTE", um die Gefährlichkeit von Terrorverdächtigen zu berechnen. Landeskriminalämter berechnen die Wahrscheinlichkeit von Einbrüchen und versuchen, Muster aufzudecken.

Doch vor allem die Pilotprojekte zur Gesichtserkennung oder zur "Berechnung" der Gefährlichkeit von Menschen sind umstritten. In Hamburg zum Beispiel muss ein Gericht entscheiden, ob eine Referenz-Datenbank mit biometrischen Gesichts-IDs zulässig ist, mit der Ermittler nach Straftätern vom G20-Gipfel fahnden. Debattiert werden muss zudem, wie viel Macht und Datenzugriff private Dienstleister der Polizei erhalten - etwa im Fall der US-Analysefirma Palantir, deren Software von der hessischen Polizei eingesetzt wird. KI-Ethik sowie verbindliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von Automatisierung und KI sollten auch im Polizeibereich zum Standard werden. Es muss transparenter werden, welche Daten und Kriterien ein System heranzieht, um eine Gefahrenmeldung zu erstellen - und der Einsatz von Software muss wissenschaftlich begleitet werden.

5. Das Datenchaos bändigen

Nicht nur als Grundlage für zukünftige Anwendungen wie KI ist es wichtig, dass die Polizeibehörden ihr Datenchaos in den Griff bekommen. Daten werden von den verschiedenen Polizeibehörden nach unterschiedlichen Kriterien erfasst - und die Transparenz ist gering. Informationen sind auf zahlreiche Datenbanken verteilt, unterschiedliche Systeme erschweren sowohl die behördenübergreifende als auch die internationale Zusammenarbeit. "Wir schaffen derzeit Daten in dissoziierten Systemen und betreiben eine ungeheure Zahl von Schnittstellen, um diese Daten durch die Nation zu jagen", sagte Gerald Eder, Koordinator der Bund-Länder-Zusammenarbeit für das "Polizei Programm 2020".

Bei grenzüberschreitenden Verbrechen - wenn etwa ein mutmaßlicher Terrorist in ein anderes Bundesland flüchtet oder kriminelle Gruppen in mehreren Regionen aktiv sind - müsse jeder Ermittler "Zusammenhänge schnell erkennen und auswerten können und das unabhängig davon, ob eine Tat in Bayern oder Schleswig-Holstein stattgefunden hat", forderte Lezgus. Im Zuge des Modernisierungsprogramms soll ein beim Bundeskriminalamt angesiedeltes, zentrales "Datenhaus" entstehen, das auch personenbezogene Daten von anderen Polizeibehörden enthält - sofern diese sich auf Fälle mit länderübergreifender Bedeutung beziehen.

Mit einem digitalen Identitätsmanagement und einer Farbcodierung der Daten soll sichergestellt werden, dass nur Berechtigte Zugriff haben. "Bei einer schweren Straftat oder Gefahrenabwehr darf ein Ermittler alles abfragen, aber nicht bei mittlerer und leichter Kriminalität", so Stefan Jordan, Leiter des Stabsbereichs 1 des Programms Polizei 2020 beim Bundeskriminalamt. Polizisten dürften nicht "in alle Datenbanken reingreifen, wenn etwa ein falsch geparktes Auto am Straßenrand steht".

insgesamt 31 Beiträge
wago 21.02.2019
1. Die älteren IT-Experten der Polizei
verstehen auch ihren Job. Anscheinend meinen manche Junge, sie hätten das Wissen mit Löffel gefressen. Die Alten - heute meist Rentner oder schon tot haben das System aufgebaut. Die IT-Leute der Polizei wissen heute mehr als [...]
verstehen auch ihren Job. Anscheinend meinen manche Junge, sie hätten das Wissen mit Löffel gefressen. Die Alten - heute meist Rentner oder schon tot haben das System aufgebaut. Die IT-Leute der Polizei wissen heute mehr als 99,9% der Internetnutzer - auch im Darknet. Die sind mit dem Internet groß geworden.
kalim.karemi 21.02.2019
2. Der Kampf ist verloren
Wer der Meinung ist, den Kampf gegen Cyberkriminalität zu gewinnen, hat keine Ahnung von der Materie. Allenfalls sind das Tropfen auf die heißen Steine.
Wer der Meinung ist, den Kampf gegen Cyberkriminalität zu gewinnen, hat keine Ahnung von der Materie. Allenfalls sind das Tropfen auf die heißen Steine.
Paardi 21.02.2019
3. "attraktivere Bedingungen"
Interessant finde ich Punkt 3, "attraktivere Bedingungen". Was hier allerdings fehlt ist attraktivere Vergütung. Es ist mir schon seit langem schleierhaft wie die Behörden wie die Polizei, aber auch zum Beispiel der [...]
Interessant finde ich Punkt 3, "attraktivere Bedingungen". Was hier allerdings fehlt ist attraktivere Vergütung. Es ist mir schon seit langem schleierhaft wie die Behörden wie die Polizei, aber auch zum Beispiel der Verfassungsschutz hochgefragte Fachkräfte anlocken will. Nimmt man an, dass diese intern ausgebildet werden können wären die wohl nach der Ausbildung schnell im Privatsektor.
draco2007 21.02.2019
4.
Immer diese Extreme, was soll denn das? Ja die Alten sind ALLE besser als die ach so blöden Jungen. Was soll so eine Polemik? Es gibt genügend alte ITler, die schon lange stehen geblieben sind und eben NICHT mehr mit [...]
Zitat von wagoverstehen auch ihren Job. Anscheinend meinen manche Junge, sie hätten das Wissen mit Löffel gefressen. Die Alten - heute meist Rentner oder schon tot haben das System aufgebaut. Die IT-Leute der Polizei wissen heute mehr als 99,9% der Internetnutzer - auch im Darknet. Die sind mit dem Internet groß geworden.
Immer diese Extreme, was soll denn das? Ja die Alten sind ALLE besser als die ach so blöden Jungen. Was soll so eine Polemik? Es gibt genügend alte ITler, die schon lange stehen geblieben sind und eben NICHT mehr mit der "modernen" IT klar. Und genauso gibt es genügend "Junge", die es richtig drauf haben. Die sind übrigens erstrecht mit dem Internet groß geworden. Ob die Jungen dann Bock auf einen schlecht bezahlten Job bei der Polizei haben ist dann die nächste Frage. Vielleicht kennen sie nur Junge, die glauben sie haben das Wissen (man sagt Weisheit) mit Löffeln gefressen, weil sie nur den Bodensatz der "Jungen" abbekommen. Der gute Rest findet sicherlich in der freien Wirtschaft bessere Jobs. Aber was sage ich da, scheinbar hat sie der Alterstarrsinn schon erwischt und sie müssen ihr Weltbild in Schwarz und Weiß aufteilen, damit sie noch klar kommen.
smurfi 21.02.2019
5. Peanuts
if you only pay peanuts you only get monkeys Das ist für mich einfach das Grundproblem, die Jobs sind sicher spannend aber die Kohle dafür ist ein Witz. So kann man keine internen Experten anheuern. Nein so haut man nur [...]
if you only pay peanuts you only get monkeys Das ist für mich einfach das Grundproblem, die Jobs sind sicher spannend aber die Kohle dafür ist ein Witz. So kann man keine internen Experten anheuern. Nein so haut man nur weiterhin ein vielfaches für externe Firmen raus.

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP