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Netzwelt

GuttenPlag-Wiki-Zwischenbilanz

Web-Detektive fanden schon mehr als 3000 Plagiats-Zeilen

21,5 Prozent der Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg stammt nicht von ihm - das glauben die Initiatoren der Internetplattform GuttenPlag Wiki. 3521 von 16.325 Zeilen sind demnach Plagiate. Und die Suche ist noch lange nicht zu Ende.

REUTERS

Karl-Theodor zu Guttenberg: "Abstruse" Vorwürfe?

Montag, 21.02.2011   19:26 Uhr

Hamburg - Das Zwischenfazit, das die Initiatoren der Netzplattform GuttenPlag Wiki ziehen, lässt schon jetzt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "In der Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht als Zitat gekennzeichnet wurden. Dies ist eine eklatante Verletzung der wissenschaftlichen Arbeitsweise." Die Art, Verteilung und Verwendung der Plagiate sowie "die Tatsache, dass selbst die Einleitung kopiert wurde, lassen darauf schließen, dass diese Plagiate kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden". Diese Einleitung, so viel steht längst fest, stammt aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Für Karl-Theodor zu Guttenberg wird die Lage immer problematischer. Ein renommierter Jura-Professor fordert seinen Rücktritt, in der Union wächst die Sorge, man werde den einstigen Hoffnungsträger womöglich doch verlieren. Die Zwischenergebnisse der freiwilligen Plagiatjäger dürften diesen Ängsten neue Nahrung geben. Denn das Ausmaß der aufgedeckten Übernahmen scheint gewaltig.

Schon rein quantitativ wird die Auswertung für den angeschlagenen Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zum Problem werden: 1115 Zeilen, das entspreche 27 Seiten reinen Textes, seien "Komplettplagiate aus anderen Quellen", so der Zwischenbericht. Weitere 1437 Zeilen oder 35 Seiten seien "verschleierte Plagiate", die "keinesfalls durch vergessene Anführungszeichen entstanden". Dazu kämen sogenannte Übersetzungsplagiate, in denen ganze Textpassagen aus beispielsweise englischsprachigen Vorlagen eins zu eins übernommen worden seien und weitere Übernahmen, die nur mit Feigenblatt-Zitatkennzeichnungen versehen seien, während in Wahrheit deutlich längere Textpassagen übernommen worden seien.

Das Zwischenfazit der Plagiatjäger: "Dies bedeutet, dass bis jetzt 3521 von 16325 Zeilen, das sind 21,5% der Doktorarbeit (jeweils inkl. Fußnoten) als Plagiate identifiziert wurden". Die Originale stammen demnach aus Zeitungsartikeln, Botschaftsberichten, Studienarbeiten, juristischen Fachartikeln und anderen Quellen. Und es sind längst nicht alle gemeldeten Fundstellen überprüft: "Es wurden inzwischen über 160 der insgesamt 271 als Plagiat gemeldeten Seiten analysiert." Die nicht überprüften Stellen sind in der Auswertung noch gar nicht enthalten.

Guttenberg hatte den Vorwurf, er habe abgeschrieben, noch vergangenen Mittwoch als "abstrus" bezeichnet. An der Dissertation hätten keine Mitarbeiter mitgewirkt. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung." In seiner Erklärung am vergangenen Freitag betonte er erneut: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir." Diese Darstellung wirkt längst nicht mehr glaubwürdig.

"Identisch mit Burgards Artikel"

Ein weiterer freiwilliger Helfer hat die Erkenntnisse der GuttenPlag-Wiki-Mitarbeiter grafisch aufbereitet: Jede einzelne Seite der Dissertation ist im "interaktiven Guttenberg-Report" als grafisches Symbol vertreten. Weiß erscheinen die Seiten, auf denen bislang keine nicht gekennzeichneten Übernahmen gefunden wurden, rosa die mit einem einzigen kopierten Textfragment und rot die Seiten, auf denen die Plagiatjäger mehrere derartige Zitate fanden. Der Gesamteindruck ist: Viel mehr Rosa und Rot als Weiß. Das deckt sich mit der GuttenPlag-Wiki-Statistik: Auf knapp 69 Prozent aller Seiten in Guttenbergs Dissertation finden sich derzufolge Plagiate.

Wer auf die Seiten des "Interaktiven Guttenberg-Reports" klickt, kann den Dissertationstext der entsprechenden Seite mit den Originalquellen (selbstverständlich ordnungsgemäß angegeben) vergleichen. Stichprobenartige Prüfungen fördern Ernüchterndes zutage: Ganze Passagen sind offenbar ohne Quellenangabe übernommen worden, aus einer Vielzahl von Quellen, ohne Kennzeichnung oder mit nur unzureichenden Verweisen. Darunter findet sich beispielsweise auch ein Artikel, der im Jahr 2000 in der "Zeit" erschienen ist, ein Text des Politologen Oliver Burgard. "Zeit"-Redakteure haben sich die Passage genauer angesehen und kommen zu dem Schluss: "Sieben Druckseiten enthält das Kapitel. Vom ersten Absatz und einigen Fußnoten abgesehen ist der Fließtext bis zur vorletzten Seite nahezu identisch mit Burgards Artikel." Das zeige, "wie wenig Aufwand betrieben worden ist, die übereinstimmenden Stellen zu verändern".

Die zehn Seiten Text, die SPIEGEL-Informationen zufolge ein Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages in Guttenbergs Auftrag verfasst haben soll, haben die Plagiatjäger übrigens noch gar nicht mitgezählt. Diese Übernahme sei "nicht belegbar, da die Quellen nicht öffentlich" sind.

cis

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Karl-Theodor zu Guttenberg soll an mehreren Stellen seiner 475 Seiten umfassenden Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag" fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Minister unter anderem Textpassagen aus einem Vortrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab und aus einer Rede des Verfassungsjuristen Gerhard Casper übernommen. Beide Autoren wurden nicht korrekt ausgewiesen. Es sieht sehr danach aus, dass er auch ganze Textpassagen aus mehreren Zeitungen nahezu wortgleich abgeschrieben hat.
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