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Keith Alexander

NSA-Chef will klare Kompetenzen bei Cyber-Verteidigung

Sechs Millionen Mal, sagt Keith Alexander, Amerikas NSA-Chef und Kopf der Cyber-Abwehr, gebe es allein auf die Rechner des Pentagons Angriffe der einen oder anderen Art - und zwar täglich. Um dagegenhalten zu können, brauche es klare Regeln, wie mit Sabotageversuchen umzugehen sei.

REUTERS

NSA-Chef Keith Alexander

Freitag, 04.06.2010   10:46 Uhr

Washington - Angesichts des millionenfachen unbefugten Zugriffs allein auf die Online-Netzwerke des US-Verteidigungsministeriums hat NSA-Chef Keith Alexander klarere Regeln zur Abwehr von Cyber-Attacken gefordert. Auf die Systeme des Pentagon werde "jede Stunde 250.000-mal unerlaubt zugegriffen, das macht mehr als sechs Millionen Mal am Tag", sagte Alexander am Donnerstag im Laufe seiner ersten Rede als neuer Chef des US Cyber Command im Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington.

Um auf diese wachsenden Bedrohungen reagieren zu können, seien klarere Regeln zur Abwehr solcher Angriffe nötig. Unter anderem bemängelte Alexander einen mangelnden Überblick auch von Experten. Derzeit sei es nicht möglich, sich ein Gesamtbild der Lage zu verschaffen.

Das ist wohl bewusst deutlich-undeutlich gefasst und verweist auf ein Problem, mit dem sich derzeit alle Staaten konfrontiert sehen: Waren noch vor wenigen Jahren so gut wie alle Cyber-Attacken nachweisbar krimineller oder vandalistischer Natur, häufen sich in den letzten vier Jahren Attacken, die man als Spionage- oder Sabotageversuche mit politischem Kontext deuten könnte. Cyber-Attacken wie die auf Georgien (2008), Estland (2007) oder zuletzt auf US-Unternehmen lassen sich aber so gut wie nie klar bestimmten Urhebern zuordnen. Das stellt Geheimdienstler wie Diplomaten vor erhebliche Probleme, angemessen auf solche Angriffe zu reagieren.

Die US-Militärs, sagte Alexander, müssten aber in die Lage versetzt werden, solche Angriffe mit adäquaten Mitteln zu beantworten. Er sorge sich darum, dass der Trend zur Sabotage irgendwann so weit gehen könnte, dass auf die Zerstörung von Netzwerken gerichtete Attacken erfolgen könnten.

Attacken "aus dem Ausland": Alexander meint Staaten

"Unsere nationalen Interessen sind in Gefahr", warnte der Vier-Sterne-General. Die Bedrohungen kämen von Terroristen, kriminellen Gruppen, individuellen Hackern, aber auch "aus dem Ausland". Um die Attacken besser aufdecken zu können, bedürfe es eines besseren und schnelleren Warnsystems.

Damit nimmt Alexander den Faden einer Debatte auf, die erst kürzlich aus ganz anderer Ecke kräftig angestoßen wurde: Microsofts Sicherheitsexperte Scott Charney hatte für eine klarere Trennung zwischen chaotischen, kriminellen und potentiell kriegerischen Attacken plädiert, um abgestuft und angemessen auf solche Dinge reagieren zu können. Es sei kontraproduktiv, auf irgendwelche Staaten einzuhacken, weil von dort kriminelle Attacken liefen. Zugleich bedürfe es aber auch angemessenen diplomatischen Druckes, wenn klar wäre, dass eine Attacke staatlich sanktioniert ist.

So meint das auch Alexander, der das aber nur durch die Blume sagt: Einen russischen Vorschlag für ein Abkommen zur Eindämmung der Kriegsführung im Internet bezeichnete er in seiner Rede als möglichen "Anfang einer internationalen Debatte".

Im vergangenen Juni richtete die US-Armee innerhalb der NSA das "Cyberspace-Kommando" gegen Computerattacken ein, das Angriffe auf sicherheitsrelevante Computernetzwerke in den USA abwehren und selbst im Cyberspace operieren soll. Die NSA gilt als mächtigster und größter US-Geheimdienst, sie überwacht und entschlüsselt weltweit elektronische Kommunikation und ließ sich in der Vergangenheit auch schon beim Ausspionieren eigener Verbündeter erwischen. 2001 kam es darum auf Ebene der Europäischen Union zu Protesten gegen das so genannte Echelon-Programm, mit dem angelsächsische Geheimdienste unter anderem Industriespionage bei ihren Bündnispartnern trieben und deren internationalen Telekommunikationsverkehr abhörten.

pat/AFP

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