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Netzwelt

Überraschende Pläne von Mark Zuckerberg

Facebooks Traum vom Anti-Facebook

Mark Zuckerberg umreißt in einem sehr langen Text das Facebook der Zukunft. Die Vision wirkt an vielen Stellen wie ein Gegenentwurf zu Facebook - das macht es schwer, seine Ankündigungen zu glauben.

Bloomberg via Getty Images

Mark Zuckerberg

Eine Analyse von
Donnerstag, 07.03.2019   16:21 Uhr

Wie könnten Facebook und seine Angebote wie WhatsApp und Messenger in einigen Jahren aussehen? In einem über 3000 Wörter langen Text skizziert Firmenchef Mark Zuckerberg seine angebliche Vision von einer "auf Privatsphäre fokussierten Messaging- und Social-Network-Plattform".

Mancher Absatz darin klingt, als sei Facebook plötzlich, nach 15 Jahren Fahrt in die eine Richtung, zur Einsicht gekommen, dass viele Passagiere lieber in die andere wollen. Jetzt scheint der Kapitän des Megadampfers selbst am Kurs zu zweifeln.

Zuckerberg macht jedoch keine konkreten Ankündigungen, er umreißt eher allgemein Pläne für die nächsten Jahre:

  • Facebook will dazu beitragen, dass langfristig "jegliche private Kommunikation" Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist, heißt es zum Beispiel. Chatnachrichten wären dann also - wie jetzt schon etwa bei WhatsApp - so abgesichert, dass nicht einmal der Dienstanbieter ihren Inhalt kennen würde.
  • Zudem betont Zuckerberg - was sich durch Medienberichte angedeutet hatte -, dass es möglich werden soll, plattformübergreifend etwa von WhatsApp zu Instagram und zum Messenger zu kommunizieren.
  • Ebenso bringt er die Idee auf, dass Nachrichten nach einem Monat oder Jahr automatisch gelöscht werden könnten - oder auch schon nach 24 Stunden.
  • Und Facebook soll keine heiklen Daten in Ländern speichern, in denen es schlecht um bestimmte Menschenrechte steht - auch wenn das zur Folge hat, dass das eigene Angebot dort geblockt wird.
  • An Zuckerbergs Text überrascht vor allem, wie grundsätzlich sich sein Web-Imperium angeblich neu erfinden soll: Das Facebook der Zukunft klingt mitunter wie ein Anti-Facebook.

    Wie passt das zum Geschäftsmodell?

    Viele Nutzer würde es sicher freuen, wenn sich Facebook stärker auf die Privatsphäre der Nutzer und auf private Kommunikation ausrichtete - dies würde aber das bisherige Geschäftsmodell des Konzerns infrage stellen. Das nämlich setzt voraus, dass Facebook möglichst viel über seine Nutzer weiß. Die Themen Anzeigen und Nutzer-Tracking lässt Zuckerberg in seinem Artikel außen vor - womöglich, weil hier gar keine Änderungen geplant sind?

    Vielleicht hat Facebook auch einen Plan, wie es Zuckerbergs jüngste Vision und das Ziel, weiter durch Werbung Geld zu verdienen, in Einklang bekommt. Vielleicht aber auch nicht. Zuckerbergs Wortschwall wäre dann wohl vor allem Blendwerk und der Versuch, Facebook-Nutzern und -Aktionären Hoffnung für die Zukunft zu geben, nachdem ihr Vertrauen in den Konzern zuletzt massiv auf die Probe gestellt wurde: durch den Cambridge-Analytica-Skandal etwa und durch zwei größere Datenlecks 2018.

    Große Versprechungen für eine bessere Zukunft machen, das kann Facebook. So wurde Nutzern zum Beispiel vor gut einem Jahr ein Datenschutz-Feature namens "Clear History" in Aussicht gestellt - verfügbar ist es bis heute nicht.

    Wenig Konkretes

    In Zuckerbergs über 3000 Worten wird immer wieder angedeutet, dass etwaige Änderungen Zeit brauchen. Ja, so klingt es, die Dienste sollen eines Tages stärker verzahnt werden (was bei vielen Datenschützern übrigens neue Bedenken weckt). Und ja, irgendwann soll die Verschlüsselung weiter ausgebaut werden, aber zuvor muss ein Umgang mit Sicherheitsbedenken gefunden werden, etwa was die verschlüsselte Kommunikation Krimineller angeht.

    Die Sache mit der Verschlüsselung scheint sich übrigens vor allem auf Chatnachrichten zu beziehen. Was aber ist mit all den anderen Daten, die Facebook erfasst und in den letzten 15 Jahren erfasst hat? Bleibt hier einfach alles, wie es ist?

    Zuckerberg erwähnt in seinem Post, dass der Trend seit einigen in Jahren in Richtung privater statt öffentlicher Kommunikation geht. Er spricht aber nicht aus, dass Facebook selbst ein gewichtiger Grund dafür ist.

    Facebook hat das mit dem sozialen Netzwerk hinbekommen - nie zuvor waren zwei Milliarden Menschen vernetzt. Nur ist das Ergebnis für viele nicht sonderlich befriedigend. Hätte Facebook Privatsphäre-Bedenken oder auch Themen wie Hass-Postings schon früher ernst genommen, hätte es den Post von Zuckerberg nie geben müssen - weil das soziale Netzwerk einen besseren Ruf hätte.

    Zwei bemerkenswerte Stellen

    An einer Stelle schreibt Zuckerberg, dass es sinnvoll sein könnte, "die Zeitspanne zu begrenzen, in der wir Messaging-Metadaten speichern: Wir verwenden diese Daten, um unsere Spam- und Sicherheitssysteme zu betreiben, aber wir müssen sie nicht immer für eine lange Zeit aufbewahren." Hier muss man zurückfragen: Warum genau wurde das dann offenbar bisher so gehandhabt?

    Am Schluss von Zuckerbergs Text steht noch ein bemerkenswerter Satz: "Ich denke, wir sollten auf eine Welt hinarbeiten, in der die Menschen privat sprechen und frei leben können", schreibt der Facebook-Chef dort, "im Wissen, dass ihre Informationen nur von denen gesehen werden, von denen sie gesehen werden sollen, und dass sie nicht für immer verfügbar bleiben."

    Eine solche Welt gab es bereits, oder es schien sie zu geben - bis dann Enthüllungen die Internetnutzer lehrten, wie wenig sich vor allem Facebook um die Privatsphäre seiner Nutzer und auch Nichtnutzer schert (siehe dazu etwa hier, hier und hier). Und wer auch nur eine Sekunde glaubt, Facebook sei bislang nicht so konzipiert gewesen, dass standardmäßig alle Daten im Netzwerk auf ewig verfügbar sind, der sollte mal versuchen, seine Chatnachrichten zu löschen.

    insgesamt 39 Beiträge
    nadennmallos 07.03.2019
    1. Mark Zuckerberg reagiert wie ein erfolgreicher Kreativer, er ...
    ... nutzt veränderte Userforderungen zu seinem Vorteil. Was ist daran überraschend. Der Mann ist einfach gut, zumindest in der Einschätzung seiner User. Mark, du machst alles richtig! Mich gewinnst du zwar nach wie vor nicht [...]
    ... nutzt veränderte Userforderungen zu seinem Vorteil. Was ist daran überraschend. Der Mann ist einfach gut, zumindest in der Einschätzung seiner User. Mark, du machst alles richtig! Mich gewinnst du zwar nach wie vor nicht als Kunden, aber ich bin sicher, dass du bei den meisten deiner Jünger Erfolg haben wirst.
    Baustellenliebhaber 07.03.2019
    2.
    Ich kann mir nicht helfen, aber für mich macht Herr Zuckerberg immer den Eindruck als sei er vom Geheimdienst gesteuert.
    Ich kann mir nicht helfen, aber für mich macht Herr Zuckerberg immer den Eindruck als sei er vom Geheimdienst gesteuert.
    s-achte 07.03.2019
    3. Von mir ein Jein
    Klar muß Facebook was tun, in allen Bereichen wie fake news, Manipulation, Speicherung von Daten, etc etc. Aber ich denke, auch der Nutzer selbst braucht dringend 'Schulung' im Umgang mit social media! Man kann nur so viel Daten [...]
    Klar muß Facebook was tun, in allen Bereichen wie fake news, Manipulation, Speicherung von Daten, etc etc. Aber ich denke, auch der Nutzer selbst braucht dringend 'Schulung' im Umgang mit social media! Man kann nur so viel Daten missbrauchen, wie man selbst öffentlich preisgibt und wie man auf der anderen Seite bereit ist, unhinterfragt zu konsumieren. Die Wirksamkeit von phishing Mails wird mir z. B. immer ein Rätsel bleiben! Wie wär's denn mit wieder Übernahme auch von Eigenverantwortung?
    m_s@me.com 07.03.2019
    4. Strategische Ausrichtung wird Facebook implodieren lassen
    Facebook war lange Zeit ein praktisches Netzwerk, um private Kontakte zu pflegen. Mittlerweile begreifen die meisten, dass es eine große Werbeplattform ist, die über Daten der User beliebig verfügt und diese überall hin [...]
    Facebook war lange Zeit ein praktisches Netzwerk, um private Kontakte zu pflegen. Mittlerweile begreifen die meisten, dass es eine große Werbeplattform ist, die über Daten der User beliebig verfügt und diese überall hin verteilt. So etwas kann schnell den Bach runtergehen, und Zuckerberg sucht jetzt den Gegenentwurf, um sein Imperium zu schützen.
    Hartmut Schwensen 07.03.2019
    5. Wer es glaubt.
    Wer glaubt dieser kriminellen Vereinigung noch?
    Wer glaubt dieser kriminellen Vereinigung noch?

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