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Verschwundene in Mexiko

Wie Mütter mit Drohnen nach ihren entführten Kindern suchen

Im mexikanischen Drogenkrieg verschwinden Tausende von Menschen. Mütter und Großmütter suchen nun auch mit Drohnen nach ihren vermissten Kindern - die meist nicht mehr leben.

AP

DJI-Drohne (Symbolbild)

Von
Sonntag, 14.04.2019   17:11 Uhr

Sie warten oft jahrzehntelang auf ein Lebenszeichen ihrer verschwundenen Töchter und Söhne, die Polizei ermittelt selten: In Mexiko haben Kartelle und Gangs in den letzten Jahren Tausende von Menschen entführt. Mehr als 40.000 Personen gelten derzeit als vermisst. Viele werden ermordet und in Massengräbern verscharrt. Teils stecken auch Polizei und Militär hinter Entführungen und Morden.

Familienangehörige ziehen selbst mit Werkzeugen wie Stöcken, Pickeln und Spaten los, um nach den Verschwundenen zu suchen - und in manchen Bundesstaaten fahnden Mütter und Großmütter auch mit Drohnen nach Spuren ihrer verlorenen Kinder oder deren Überresten.

Drohnen würden bei der Suche nach Verschwundenen einen "absoluten Paradigmenwechsel" darstellen, sagt der mexikanische Journalist Oscar Balmen dem SPIEGEL. "Die Suchtruppen bestehen fast nur aus Müttern und Großmüttern zwischen 50 und 70 Jahren, die große Flächen wie Hügel und Ebenen absuchen müssen, aber aufgrund ihres Alters nur ein sehr kleines Gebiet abdecken können. Drohnen erlauben es ihnen, auch höhere und unzugängliche Zonen zu erreichen."

Die Drohnenflüge würden zudem die Gesundheit der Frauen schonen - viele seien bei dem Versuch, schwer zugängliche Gebiete zu erreichen, bereits gestürzt und hätten sich verletzt. Balmen hat für die Radiosendung "Primera Emisión de MVS Noticias con Luis Cardenas" recherchiert, wie die Verschwundeneninitiative "Fuerzas Unidas Por Nuestros Desaparecidos/as" in dem Bundesstaat Nuevo León Drohnen nutzt.

Obwohl der Bundesstaat im Nordosten Mexikos mit seiner hohen Wirtschaftsleistung und Regierungsfähigkeit innerhalb von Mexiko einen Ausnahmezustand einnehme, sei er einer der vier Bundesstaaten mit der höchsten Zahl von vermissten Personen im Land, heißt es in einer Studie der Beobachtungsstelle für Verschwundene und Straflosigkeit Observatorio sobre Desaparición e Impunidad. Kartelle kämpfen um den lukrativen Markt, und die Präsenz von Militärs, die selbst Menschenrechtsverbrechen begehen und teils selbst auf der Gehaltsliste der Kriminellen stehen, verschärft die Konflikte.

Auf Druck der Familienangehörigen habe die Regierung zwar ein Verschwundenengesetz und eine nationale Suchkommission eingeführt, sagt Alberto Xicotencatl, Menschenrechtsexperte und Leiter der Casa del Migrante Saltillo, dem SPIEGEL. Doch der Prozess dauere an. "Die Angehörigen fordern weiter, dass die Verschwundenen lebend gefunden werden, aber sie wissen auch, dass es umso wahrscheinlicher ist, dass sie nicht mehr am Leben sind, je mehr Zeit vergeht. So versuchen sie, geheime Gräber zu finden und mithilfe der Technologie Überreste zu finden", so Xicotencatl.

Fahnden nach Narco-Häusern

Per Drohne, deren Batterie etwa für einen halbstündigen Flug reicht, können die Mütter und Großmütter verdächtige Häuser von kriminellen Gruppen aus der Luft entdecken, fotografieren und die genauen geografischen Koordinaten erfassen. "Die Häuser der Kriminellen in Nuevo León, wohin sie ihre Opfer entführen und sie ermorden, haben einen ganz bestimmten Stil", sagt Balmen. So wüssten die Frauen, wonach sie bei ihren Drohnenflügen Ausschau halten müssen: nach verlassenen Gebäuden, die versteckt in Hügeln liegen, die durch Straßen verbunden sind.

Viele der Häuser stehen zudem in der Nähe eines Baches oder Flusses , meistens haben sie keine richtigen Dächer, sondern sind beispielsweise improvisiert mit Holz abgedeckt. "Wenn diese Merkmale zusammenkommen, wissen die Verwandten, dass sie an ein Todeshaus der Kartelle geraten sind, und es ist sehr wahrscheinlich, dass um die Häuser herum die Überreste eines geliebten Menschen gefunden werden", so Balmen.

Per Drohne können die Suchtrupps auch die Temperatur der Erde erfassen und Stellen erkennen, die nicht bewachsen sind oder bei denen der Untergrund lockerer wirkt als gewöhnlich - ein Hinweis auf Grabstellen. Auf den hochaufgelösten Aufnahmen erkennen sie sogar die Reifenspuren, die die Autos der Entführer und Mörder hinterlassen.

Überreste von Toten

Um ihrem Verdacht und den Indizien, die sie aus der Luft gesammelt haben, nachzugehen, sind die Drohnenpilotinnen aber auf die Strafverfolgungsbehörden angewiesen - zusammen mit der lokalen Polizei und Staatsanwaltschaft suchen sie dann die verdächtigen Orte auf. "Die Mehrheit der Mütter hat forensische Kurse absolviert, sie wissen, wie sie die Behörden anleiten müssen", sagt Oscar Balmen. "Für sie wäre es gefährlich, die Orte ohne Polizeibegleitung aufzusuchen, weil sie von den kriminellen Gruppen attackiert werden könnten. Auch die forensischen Beweise könnten andernfalls nicht für Ermittlungen genutzt werden."

Von Familienangehörigen gegründete Verschwundenenorganisationen in mindestens drei Bundesstaaten in Mexiko setzen inzwischen Drohnen ein. In Nuevo León haben sich die Mütter und Großmütter das Geld für ihre aus den USA importierte Phantom-3-Drohne von DJI durch Benefizveranstaltungen zusammengespart.

Angesichts der komplexen Aufgabe handele es sich eher um eine "Basisdrohne", sagt Oscar Balmen. Die Frauen machen aber das Beste aus den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen: Mittlerweile sind sie Balmen zufolge zu Drohnenexpertinnen geworden, die auch selbst Flugrouten programmieren, die dann automatisch abgeflogen werden. Mit ihren Suchmissionen konnten sie bisher 1.600 Knochenreste finden, so Balmen.

Die Funde helfen den Angehörigen der identifizierten Toten zumindest ein bisschen weiter - weil sie Gewissheit haben. "Es ist emotional eine große Erschöpfung, sein ganzes Leben auf die Suche nach den Verschwundenen auszurichten und verhindert es, sich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren", sagt der Menschenrechtsexperte Alberto Xicotencatl.

Auch der Staat kauft Drohnen

Auch einige Behörden und staatliche Stellen in Mexiko setzen Drohnen bei größeren Suchmissionen ein, etwa in den Bundesstaaten Baja California und in Guerrero. Auch die Lokalregierung von Nuevo León hat sich eine eigene Drohne angeschafft - der Kauf des professionellen unbemannten Fluggeräts, das zur Suche und Lokalisierung von Verschwundenen eingesetzt werden sollte, war aufgrund der hohen Ausgaben umstritten. 54 Millionen Pesos kostete das Fluggerät den Bundesstaat, mehr als 2,5 Millionen Euro.

Einem Video zufolge, das der Gouverneur von Nuevo León auf Twitter veröffentlicht hat, soll die etwa drei Meter lange Drohne UAV MX1 zwischen sieben und zwölf Stunden in der Luft bleiben und 100 bis 200 Kilometer zurücklegen können - zumindest in der Theorie.

Denn weiterhin sind es in Nuevo León die Mütter, die dem Staat aushelfen müssen - mit ihrer Einsteigerdrohne. "Trotz der Millionenausgaben benutzen die Behörden ihre Drohne nicht, weil sie nicht funktionstüchtig ist", so Balmen. "Die Mütter leisten also nicht nur die Arbeit, die die Behörden leisten sollten, sie leihen ihnen sogar noch ihre Drohne, und die Mütter bringen den staatlichen Vertretern auch bei, wie man sie fliegt."

Anmerkung: In einer früheren Textversion stand am Ende des drittletzten Absatzes, 54 Millionen Pesos entsprächen 250.000 Euro. Die Summe entspricht umgerechnet aber 2,5 Millionen Euro. Wir haben den Satz korrigiert.

insgesamt 10 Beiträge
Koana 14.04.2019
1. Mexiko zeigt auf....
... wie weit sich die Menschen in eine Mischung aus etabliertem Bandenterror und staatlicher Kleptokratie, sowie der Durchmischung der beiden Faktoren in Angst und Schrecken halten lassen, dabei funktioniert das Kontrollsystem, [...]
... wie weit sich die Menschen in eine Mischung aus etabliertem Bandenterror und staatlicher Kleptokratie, sowie der Durchmischung der beiden Faktoren in Angst und Schrecken halten lassen, dabei funktioniert das Kontrollsystem, welches die Massen als Arbeitstiere wirken lässt, noch ganz gut. Es wäre doch spannend zu testen, wie viele und wie offen und grausam man so pro Tag abmetzeln lassen kann, ohne dass die gewöhnliche Arbeitsbevölkerung sich diesem Wahnsinn verweigert und lieber in einfachsten Strukuren überlebt, als das Spiel um das kleine Wohlstandslos, das man auch noch ohne Gewalt überleben darf, mitzuspielen. Ich denke das geht noch einiges, man kann die Menschen in den Schwellenländern sicher noch lange, mit maximalem Sadismus gepaart, ausbeuten, sie lassen es zu. In den HDC´s könnte man die Daumenschrauben auch locker weiter anziehen, es ist nur heikel, solange der Massenkonsum zum Spielsystem gehört, brauchen diese Gruppen die Mittel um entsprechend als Konsumenten funktionieren zu können. Mir scheint, da werden sich die Spielregeln künftig aber signifikant verändern.......zum Wohl der Wenigen, zum Leidwesen der Vielen,wie fast immer.
gigi76 14.04.2019
2. eine positive wirtschaftliche Entwicklung...
führt leider offenbar nicht zum Rückgang der Drogenkriminalität.
führt leider offenbar nicht zum Rückgang der Drogenkriminalität.
p.linzer 14.04.2019
3. Und wozu?
Mal eine ganz naive Frage: Wenn da also Tausende von Menschen verschwinden, mutmaßlich verscharrt irgendwo, wer hat denn dann was genau davon? Zwangsprostitution leuchtet mir ein, der vereinzelt vorkommende Organhandel auch, aber [...]
Mal eine ganz naive Frage: Wenn da also Tausende von Menschen verschwinden, mutmaßlich verscharrt irgendwo, wer hat denn dann was genau davon? Zwangsprostitution leuchtet mir ein, der vereinzelt vorkommende Organhandel auch, aber sonst - wem nützt das in welchem Sinne, insbesondere bei Kindern?
Benito S. 14.04.2019
4. Fehler in Beitrag
54 millionen pesos sind nicht 250.000€, sondern mehr als 2.5 MIO €, sonst würde da wohl keiner so einen Aufstand machen. - - - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
54 millionen pesos sind nicht 250.000€, sondern mehr als 2.5 MIO €, sonst würde da wohl keiner so einen Aufstand machen. - - - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
Soziopathenland 14.04.2019
5. @p.linzer
Warum alle die Leute verschwinden? Mexiko - ein riesiger, geheimer Friedhof https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/tausende-spurlos-verschwunden-mexiko-ein-riesiger-geheimer-friedhof/13596532.html " "Wir [...]
Warum alle die Leute verschwinden? Mexiko - ein riesiger, geheimer Friedhof https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/tausende-spurlos-verschwunden-mexiko-ein-riesiger-geheimer-friedhof/13596532.html " "Wir haben ein Netz von kirchlichen Herbergen entlang der Strecke, aber von Herberge zu Herberge wurde die Zahl der Ankömmlinge weniger, und sie erzählten uns von Bewaffneten, die den Zug anhielten und Menschen verschleppten." Die Drogenbanden zwangen Frauen zur Prostitution, Männer wurden als Drogenkuriere oder Killer zwangsrekrutiert, Kinder für Pornografie oder Organentnahme entführt, andere waren Geiseln, um den Verwandten in den USA Lösegeld abzupressen. "

Fotostrecke

Die wichtigsten Drohnentypen

"MQ-1 Predator"
Die "MQ-1 Predator" war im Jahr 1995 die erste Drohne, die bei der US-Luftwaffe zum Einsatz kam.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"MQ-9 Reaper"
Die "MQ-9 Reaper"(früher "Predator B") basiert technisch gesehen auf der "MQ-1 Predator". Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
"RQ-7 Shadow 200"
Die "RQ-7 Shadow 200" dient bei der US Army und dem US Marine Corps zur Aufklärung. Sie ist seit 2003 im Einsatz und kann keine Ziele angreifen.

Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
"RQ-4 Global Hawk" / "Euro Hawk"
Die "RQ-7 Global Hawk" wird als Langstrecken-Aufklärungsdrohne eingesetzt. Sie existiert in zwei Versionen. Die spätere (RQ-4B) wurde auch von der Bundeswehr als "Euro Hawk" eingeführt, ausgestattet mit Sensoren der deutschen EADS. Die Drohne ist wesentlich größer als "Predator", "Reaper" und "Shadow" und mit einem Strahltriebwerk ausgestattet.

Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS

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