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Netzwelt

Schule der Zukunft

Weniger Bildung für die nächste Schülergeneration!

Das Internet ist, trotz allem, die mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine. Also könnten sich die Schulen doch verstärkt auf ihren anderen Auftrag konzentrieren: Erziehung. Nötig wäre das ganz offensichtlich.

Julian Stratenschulte / DPA

Ja, ja, Schreibschrift mit Füllfederhalter ist natürlich auch wichtig.

Eine Kolumne von
Mittwoch, 10.07.2019   14:45 Uhr

Wenn elf-, zwölf-, vierzehnjährige Täter eine Frau vergewaltigen, aber auch wenn Kinder freitags für mehr Klimaschutz streiken und wenn Rezo mit einer fast einstündigen Faktenkanonade die Bundesrepublik erzittern lässt, dann zeigen sich die Umrisse der Schule der Zukunft, mit all ihren hellen, grellen und bitterschlimmen Facetten. Die Schuldebatten der Mehrheitsgesellschaft werden meist allein über "Bildung" geführt. Schon weil niemand gegen Bildung ist. Bildung als magische Rettungssoße, die man über Probleme aller Art gießt, um Schwierigkeiten der Integration zu lösen, der Digitalisierung, des Rechtsrucks, der Verschwörungstheorien und so weiter, Bildung, Bildung, Popildung. Wenn ein Begriff derart breitgetreten wird, existiert selten ein zielführendes Verständnis seines Inhalts.

Ich fordere: Weniger Bildung für die Schule! Und mehr Erziehung. Zugegeben plakativ, aber es ist die Essenz der Aufgabenverschiebung, vor der die Schule der Zukunft steht. Der Wandel der Gesellschaft durch Digitalisierung, Migration und Globalisierung wirkt natürlich auch auf die Schule. Besser gesagt: Müsste auch auf die Schule wirken. Traditionell funktioniert Schulpolitik in Deutschland mit der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift.

Massives Erziehungsversagen

Der Mülheimer Fall der Schulkinder, die eine Frau vergewaltigt haben sollen, ist ebenso schwer zu begreifen wie offenbar sinnvoll zu diskutieren. Die Tatverdächtigen sind türkischsprachige Bulgaren, weshalb von rechter und rechtsextremer Seite exakt die erwarteten Reaktionen kommen. Von liberaler und linker Seite dröhnt betretenes Schweigen, was ich als Zeichen der Ratlosigkeit deute.

Angenommen, die Sachlage entspricht der derzeitigen Behördendarstellung, dann ist Basis des Verbrechens ein massives Erziehungsversagen. Zuerst der Eltern, aber dass diese derart versagen können, sagt auch etwas über Funktion und Möglichkeiten des Schulsystems aus. Die Eltern haben Hilfe abgelehnt und wollten mit dem Jugendamt offenbar nur über die Gegensprechanlage kommunizieren, was die Vermutung stärkt, dass es sich um ein kulturelles Problem handelt. Denn es gibt stark patriarchal geprägte Kulturen, in denen sexuelle Übergriffe gegen Frauen strukturell verharmlost werden. Die bayerische Oktoberfestkultur zum Beispiel, in der offene sexuelle Belästigung nicht selten heruntergespielt wird als "ist doch nur ein Klaps auf den Po". Oder die Alltagskultur in einigen islamischen Gesellschaften, wie zum Beispiel in Ägypten, wo einer UN-Untersuchung von 2013 zufolge mehr als 99 Prozent der Frauen sexuelle Belästigung erleiden mussten, davon 96 Prozent körperlich.

Kinder bilden ihre Umgebung ab

Die alltagskulturellen Prägungen, die solche Auswüchse und die mangelnde, gesellschaftliche Reaktion darauf ermöglichen, verschwinden nicht durch einen Ortswechsel oder Abwarten aus den Köpfen. Sie können im Gegenteil sogar an kommende Generationen weitergegeben werden. Kinder bilden nicht nur die positive Zukunft, sondern auch den Grad der Monstrosität ihrer Umgebung ab. Das gilt übrigens ebenso für die Achtklässler, die in einer Schule im Erzgebirge einen Antirassismus-Workshop sprengten. Sie hatten SS-Runen gemalt, über die Vernichtung von Menschen hämisch gelacht und den Vorschlag gemacht, die Workshop-Leiterin solle "in ein KZ gehen und die Gaskammer anmachen".

Die Vorfälle in Mülheim wie im Erzgebirge sind unterschiedliche Formen des Integrationsversagens in die liberale Gesellschaft. Ebenso wie das verstärkte Aufkommen von aggressivem Antisemitismus an deutschen Schulen, von urdeutschem bis muslimisch geprägtem Antisemitismus. Es fehlt den Kindern jeweils ein Teil des zivilisatorischen Wertegerüsts, dessen Vermittlung man bisher von den Eltern erwartet hat. Das Bildungssystem einer liberalen Demokratie aber ist immer nur so gut wie diejenigen mit den größten Schwierigkeiten, die es durchlaufen. Da kann die Bundesregierung noch so viel mit Exzellenzclustern jonglieren oder KI-Kindergärten in Berlin Mitte fördern.

Erziehung als Teil von Bildung begreifen

Es hat sich in Teilen der Gesellschaft ein Erziehungsvakuum gebildet. Vielleicht war es längst vorhanden und weniger sichtbar, der entscheidende Punkt aber ist, wie man ihm begegnet. Mein Vorschlag: mit dem Grundgesetz. In einem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts von 2008 zu elterlichen und schulischen Aufgaben heißt es: "Der Staat ist in der Schule nicht auf das (...) Wächteramt beschränkt. Vielmehr ist der staatliche Erziehungsauftrag in der Schule (...) dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet. Weder dem Elternrecht noch dem Erziehungsauftrag des Staats kommt ein absoluter Vorrang zu. (...) Dabei beschränkt sich der Auftrag des Staates (...) nicht auf die Vermittlung von Wissensstoff, sondern hat auch zum Inhalt, das einzelne Kind zu einem selbstverantwortlichen Mitglied der Gesellschaft heranzubilden." Amen. Kurzes Winken in Richtung jener Eltern, die sexuelle Aufklärung, eine eindeutig ablehnende Haltung zu Menschenfeindlichkeit oder Schwimmunterricht in der Schule für optional halten.

Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, sind schon mitten drin, in der die schulische Erziehungsleistung wichtiger wird, um ein gemeinsames zivilisatorisches Wertefundament herzustellen. Was wiederum viel zusätzliches Geld, Personal und Zeit erfordert.

Umfassendes Wissen - von YouTube

Aber die Bildung! Rufen Leute, die glauben, dass Schreibschrift mit Füllfederhalter noch zweihundert Jahre lang Unterrichtsstoff sein sollte. Ja, Bildung, da gehen die Kids schon mal vor, ohne dass ihr es merken wollt, entgegne ich und bringe eine kluge Beobachtung der Schülerinnen und Schüler der Medien-AG des Windeck-Gymnasiums in Bühl* ein. Sie glauben, dass sich vor allem über YouTube "eine unabhängige, selbstbestimmte Lernkultur entwickelt" habe, "die von den Schulen noch nicht wahrgenommen wurde". In der Tat, und sie wird nicht nur von Schulen ignoriert, sondern vor allem von Eltern und Politik. Das Wörtchen "digital" hat die Medien-AG übrigens nicht vor die Lernkultur gesetzt, weil jede kommende Lernkultur digital ist.

Allen negativen Seiten zum Trotz ist das Internet auch immer noch die mächtigste jemals erfundene Bildungsmaschine. Während also die Schule der Zukunft stärker Erziehung in den Fokus nehmen muss, um Integrationsleistungen aller Art zu erbringen, ist ein Teil der Aufgaben aus ihrer Verantwortung herausdiffundiert - durch die Lernenden selbst. Schule der Zukunft kann auch bedeuten, Kindern beizubringen, wie sie sich diese selbstbestimmte Lernkultur aneignen und weiterentwickeln.

Diese von der Medien-AG postulierte Lernkultur ließ sich mustergültig an Rezos Video erkennen. Schon kurz nach Erscheinen hatte der Medienwissenschaftler Christoph Engemann erkannt, dass Rezos Erfolg für die Rückkehr der Vorlesung unter digitalen Vorzeichen steht: "Die neue Vorlesung erwartet Menschen, die unter anderem am Lesen gebildete, komplexe Diskurse verfolgen wollen und zugleich in der Masse und Verfügbarkeit von Texten Orientierung erwarten."

Engemann gibt der Beobachtung der Medien-AG ein medien- und bildungswissenschaftliches Fundament. Die Wirkung lässt sich schließlich an "Fridays for Future" erkennen. Die Demonstrierenden sind überraschend umfassend gebildet, was den Klimawandel angeht. Bis in wissenschaftliche Tiefen hinein, wie Fachleute von Weltrang erklären. Woher aber haben die Kinder und Jugendlichen ihr umfassendes Wissen? Nicht aus der Schule, sondern von YouTube, lautet die Antwort. Nicht, dass alles dort aus glänzendem Bildungsgold wäre, gewiss nicht. Aber wenn man bedenkt, dass Björn Höcke vor Kurzem noch Geschichtslehrer war, kann es so viel schlimmer kaum sein. Die Umrisse der Schule der Zukunft werden deutlicher, einer Erziehungs- und Bildungsinstitution im Wandel zwischen Digitalisierung, Integration und Vorbereitung der Kinder auf ein chaotisches Jahrhundert.

* Der Kontakt zur Medien-AG kam mithilfe der konzeptionellen Unterstützung des twitternden "Netzlehrers" Bob Blume zu Stande. Danke dafür.

insgesamt 162 Beiträge
sven_lichterfeld 10.07.2019
1. Schule
ich kann dem nur in vollem Umfang beipflichten, wenn wir wirklich ollen, daß unsere Demokratie und unser gesellschaftliches Zusammenleben auf elementaren Werten wie Toleranz, gegenseitigem Repekt und den allgemeinen [...]
ich kann dem nur in vollem Umfang beipflichten, wenn wir wirklich ollen, daß unsere Demokratie und unser gesellschaftliches Zusammenleben auf elementaren Werten wie Toleranz, gegenseitigem Repekt und den allgemeinen Menschenrechten aufbaut, dann müssen Schulen weitaus mehr Bildungsstätten sein als je zuvor, mir schwebt dabei eine Ganztagsschule vor, in der zusätzlich zu den Lehrkräften Sozialtherapeuten und Psychologen als Vertraute den Schülern un Schülerinnen zur Seite stehen, um mobbing und aufkommenden Sexismus wirksam unterbinden zu können. Weiterhin sollten alle Möglichkeiten zur Förderung und Herausbildung verschiedenster Talente vorhanden sein, um musikalisch, künsterlisch, sportlich oder wie auch immer eine sinnvolle Freizeitgestaltung zu fördern. Aber das kostet natürlich alles viel zu viel Geld...das wird lieber in den Jugendstrafvollzug investiert...
trainerpapa 10.07.2019
2. Respekt Herr Lobo
... danke für Ihre Sichtweise. Um jedoch den Erziehungsauftrag "neben" der Wissensvermittlung zu erfüllen benötigen jedoch mE alle Lehranstalten, sei es KiTa - Schulen eine bessere Ausstattung mit entsprechenden [...]
... danke für Ihre Sichtweise. Um jedoch den Erziehungsauftrag "neben" der Wissensvermittlung zu erfüllen benötigen jedoch mE alle Lehranstalten, sei es KiTa - Schulen eine bessere Ausstattung mit entsprechenden Fachkräften in ausreichender Zahl. Hier herrscht ein erheblicher Mangel vor....wenn Lehrer vor Klassen mit mehr als 30 Schülern stehen müssen, kann es nur eine "mangelhafte" Erfüllung der jeweiligen Aufgaben geben...dies ist leider bekannt und Abhilfe wohl nicht in Sicht...Schade...das heißt aber nicht, dass die orginären Erzieher, nämlich die "Eltern" in all ihrer möglichen Ausgestaltung, d.h. alleine oder mindestens zu zweit, ihrer Aufgabe entbunden sind...im Gegenteil ....ein Abladen ihrer Aufgaben darf es nicht geben...wie heißt es so schön: für die Erziehung benötigt man ein ganzes Dorf...hier die Gemeinschaft.. wenn es die originär Verantwortlichen nicht schaffen...
noalk 10.07.2019
3. Erziehung in der Schule
Da versagt ein Elternpaar bei der Erziehung _eines_ Kindes, aber _ein_ Lehrer (eigentlich mehrere, die aber immer nacheinander) soll es bei _vielen_ Kindern richten? Herr Lobo, arbeiten Sie mal als Lehrer in einer Schule - nicht [...]
Da versagt ein Elternpaar bei der Erziehung _eines_ Kindes, aber _ein_ Lehrer (eigentlich mehrere, die aber immer nacheinander) soll es bei _vielen_ Kindern richten? Herr Lobo, arbeiten Sie mal als Lehrer in einer Schule - nicht für einen Tag, sondern für zwei Jahre. Und dann überdenken Sie den Inhalt Ihrer Kolumne noch einmal. Die positiven Beispiele, die sie anführen, kommen zum allergrößten Teil aus bildungsnahen Bevölkerungsteilen, in denen die Erziehung und Sozialisierung noch in der Familie abläuft. Das Internet halte ich auch nicht für eine Bildungsmaschine, sondern für ein Instrument der Wissensbeschaffung - mit der Gefahr, gleichzeitig zu manipulieren, ohne dass sich der Manipulierte dieser Manipulation bewusst ist.
fluxus08 10.07.2019
4. "Ich fordere: Weniger Bildung für die Schule!"
Ich glaube, Herr Lobo, Sie gehen hier schon mit gutem Beispiel voran, für weniger Bildung zu sorgen! Das eine breite Masse der Schüler verblödet, ist doch in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sie nur noch hinter [...]
Ich glaube, Herr Lobo, Sie gehen hier schon mit gutem Beispiel voran, für weniger Bildung zu sorgen! Das eine breite Masse der Schüler verblödet, ist doch in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sie nur noch hinter ihren Smartphones und PC hocken, sich kaum mehr bewegen und bevorzugt online unterwegs sind und weniger in der Realität. Nicht umsonst sind die Steve-Jobs-Schulen gefloppt, weil die Bildungsqualität via online immer mehr abnahm. Auf der anderen Seite haben Wissenschaftler festgestellt, dass die gute alte Schreibschrift für die Ausbildung des Hirns eine wichtige Rolle spielt. Was hatten Sie gleich nochmal gesagt, Herr Lobo? "Aber die Bildung! Rufen Leute, die glauben, dass Schreibschrift mit Füllfederhalter noch zweihundert Jahre lang Unterrichtsstoff sein sollte." Jetzt kann ich erst Ihre immer gleichförmigen Artikel einordnen, weil Sie schon lange keinen Füller mehr zur Hand genommen haben?
stagedoor 10.07.2019
5. Erziehung ist Bildungssuftrag der Schulen
Das finden Sie in allen Lehrplänen. Häufig findet diese jedoch kaum statt, da es am Ende doch nicht gewünscht wird mit den Kindern also in Be-Ziehung zu treten. Nun habe ich das Glück an einer Schule zu unterrichten, in der [...]
Das finden Sie in allen Lehrplänen. Häufig findet diese jedoch kaum statt, da es am Ende doch nicht gewünscht wird mit den Kindern also in Be-Ziehung zu treten. Nun habe ich das Glück an einer Schule zu unterrichten, in der wir den Raum und den bewussten Fokus dafür bekommen, starke Interaktion mit den Schülern zu begehen. Ihnen Freiraum geben, Wertschätzung und die eigenen persönlichen Grenzen aufzeigen, Empathiefähigkeit stärken. Sie nicht nur an Konflikten sondern vor allem an Lösungen teilhaben lassen. Liebevolle Führung würde Juul sagen. Ich denke das ist es was Lobo (auch) meint. Weniger " Wissen", welches vergessen wird sondern Greifbares durch selbst Erleben ermöglichen im Sinne von Hirn, Verstand und vor allem Herz. Danke Sascha Lobo.
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