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Netzwelt

Ein Jahr Proteste nach Snowden

Unermüdlich gegen Spitzelei

Nicht mit uns: Kurz nach Bekanntwerden der Snowden-Enthüllungen begannen die Proteste gegen die NSA-Schnüffelei - und hörten seither nicht auf. Wir haben einige Demonstranten bei ihren Aktionen begleitet: im Bett, zu Fuß und in der Luft.

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Freitag, 06.06.2014   12:02 Uhr

DPA

Spazieren gegen Spione


Daniel Bangert ist mittlerweile eine Berühmtheit. Über ihn und seine Mitstreiter wurde in den vergangenen Monaten viel berichtet - sogar im Ausland. Das liegt unter anderem an seiner Hartnäckigkeit und an seinem Willen, jeden Samstag zu opfern für seinen Kampf gegen die Überwachung.

Angefangen hatte alles mit einem Scherz. Bangert wohnt in Griesheim, wo auch der Dagger Complex ansässig ist, eine streng abgeschirmte US-Einrichtung und ein Sitz der NSA. Als der amerikanische Geheimdienst nach den ersten Enthüllungen Snowdens plötzlich zum Topthema in den Nachrichten wurde, beschloss Bangert, der NSA vor seiner Haustür einmal einen Besuch abzustatten.

Bangert nannte das Ganze "Erkundungsspaziergang" des "NSA-Spion-Schutzbundes", eine Safari, um Spione zu beobachten. Und er lud seine Freunde ein, mit ihm zu kommen - über ein Posting auf Facebook. Daraufhin bekam Bangert prompt Besuch von der Polizei. Die Geschichte ging durch die Medien, viele Menschen schlossen sich dem nächsten Spaziergang an, und Bangert beschloss, regelmäßig auf Spion-Safari zu gehen.

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Ein Jahr Snowden: Immer wieder samstags am Dagger Complex
An jedem Samstag setzt er sich seitdem in ein Café auf dem Marktplatz in Griesheim. Wer dazukommt, kann ihn begleiten. Manchmal kommen nur zwei oder drei, manchmal kommen Hunderte. Dann geht die Gruppe los, mal ausgestattet mit Laternen oder Luftballons, oft mit Grills, Getränken und Straßenkreide. Und natürlich haben die Spion-Beobachter Ferngläser dabei. Viel zu sehen gibt es am Dagger Complex allerdings nicht.

Darum geht es aber auch nicht. Es ist ein munterer Protest, bei dem den Herren vom Wachdienst auch schonmal ein Würstchen angeboten wird. Und bei dem die Polizei fast immer dabei ist und sich langsam an die Demonstranten gewöhnt hat. "Der Spaziergang ist erst ganz wenige Male ausgefallen, wenn es stark geregnet hat oder wirklich niemand mitgehen wollte", sagt Bangert im Rückblick auf sein Protest-Jahr. Aufhören will er so lange nicht, bis sich politisch etwas tut, bis Geheimdienstaktivitäten transparenter werden, "selbst wenn das heißt, dass ich noch dahin gehen muss, wenn ich alt und grau bin."


Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung

Mit dem Flugzeug gegen Prism


Der Hamburger Anwalt Oliver Pragal hat etwas gemeinsam mit Daniel Bangert aus Griesheim: Auch er hat sich so sehr über die von Snowden enthüllte Überwachungspraxis geärgert, dass er zunächst auf eigene Faust beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Er war bis dahin noch nie auf einer Demo, aber er beschloss, selbst eine zu organisieren. Vor der amerikanischen Botschaft in Hamburg demonstrierten mit ihm im vergangenen Juli mehrere Hundert Menschen - auch einige Anwaltskollegen kamen.

Und gerade bei denen kam seine Initiative so gut an, dass sich die Juristen zu dem Bündnis "Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung" zusammengeschlossen hat, um gemeinsam Widerstand gegen die Ausspähung zu leisten. Seitdem sieht man die Juristen öfter: In Roben demonstrierten sie vor dem Reichstag, und als Merkel zum Wahlkampf nach Hamburg kam, buchten sie ein Flugzeug mit Stop-Prism-Banner und ließen den Piloten am Himmel über der Kanzlerin kreisen.

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Stop Prism Now: Rechtsanwälte kämpfen gegen Totalüberwachung
Es ist ein bürgerlicher Protest. Die Anwälte demonstrieren eher in Krawatte als mit Snowden-Masken. Sie befragen die Bundestagsabgeordneten, haben eine Hamburger Erklärung verfasst, initiieren Petitionen und klären die Bürger auf, was genau so schlimm ist an der flächendeckenden Überwachung durch Geheimdienste. "Wir sehen uns als Anwälte in einer Wächterrolle für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung", sagt Pragal.

Auch wenn die Proteste viel Zeit kosten, wollen die Anwälte nicht aufhören, solange die Überwachung im jetzigen Maße noch besteht. Zum einjährigen Jubiläum der Snowden-Enthüllungen haben sie Spenden gesammelt, damit ein Flugzeug mit Spruchband über Berlin fliegen kann. Es wird um 10.30 Uhr starten und drei Stunden in der Luft bleiben. Auf dem Banner soll diesmal stehen: "Thank you, Mr. Snowden!"


DPA

Ein Bett für Snowden


Es hat viele Straßenproteste gegeben in den vergangenen zwölf Monaten. Auch wenn sie oft sehr klein waren - kreativ waren sie alle. Aktivisten haben sich als Spione verkleidet und am Checkpoint Charlie demonstriert, man sieht Snowden-Masken und selbstgebastelte Überwachungskameras auf Demonstrationen gegen die Ausspähung.

Und auch zum Jahrestag der Enthüllungen wird kreativ protestiert. Die Aktivisten von Campact zum Beispiel haben in verschiedenen deutschen Städten Betten aufgestellt - als Symbol dafür, dass Edward Snowden als Übernachtungsgast bei vielen Deutschen willkommen wäre.

Mehr als 40.000 Menschen haben sich im Rahmen der Initiative bereits ein Schild für ihre Haus- und Wohnungstür bestellt. Darauf steht "Ein Bett für Snowden", und es soll ein Zeichen sein, dass der Whistleblower hier ruhig klingeln könnte. Wie viele andere Aktionen hat auch die Campact-Kampagne "Schutz für Edward Snowden in Deutschland" ebenfalls bald Jahrestag. Angefangen haben die Aktivisten nur wenige Wochen nach den ersten Enthüllungen, Ende Juni 2013.

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Protest in deutschen Städten: Aktivisten suchen Schlafplatz für Edward Snowden

Ein Jahr Snowden

insgesamt 28 Beiträge
personalprivacy 06.06.2014
1. Sehr gut....
"Flagge zeigen" ist ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen totale Überwachung! Ebenfalls hilfreich: Alternative Software zu all den Spionagediensten auf Smartphones, PCs etc. nutzen. Das setzt die Anbieter unter [...]
"Flagge zeigen" ist ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen totale Überwachung! Ebenfalls hilfreich: Alternative Software zu all den Spionagediensten auf Smartphones, PCs etc. nutzen. Das setzt die Anbieter unter Druck ihren Datenschutz zu verbessern und hilft unterm Strich uns allen. Eine gute Übersicht: https://prism-break.org/en/
johnnybongounddie5goblins 06.06.2014
2. Lustig
Sehr lustig, diese Leutchen, wie sie gegen Überwachung demonstrieren, aber für immer mehr Staat sind. Einfach mal Steuern massiv runter, weniger Beamte, da kann sich der Staat nur noch auf das wichtigste konzentrieren. Budget [...]
Sehr lustig, diese Leutchen, wie sie gegen Überwachung demonstrieren, aber für immer mehr Staat sind. Einfach mal Steuern massiv runter, weniger Beamte, da kann sich der Staat nur noch auf das wichtigste konzentrieren. Budget für Geheimdienste vierteln, und gut ist.
Atheist_Crusader 06.06.2014
3.
Es gibt einen Unterschied, ob man akzeptiert dass einen ein Landsmann unter bestimmten Voraussetzungen theoretisch überwachen dürfte... oder ob ein Soldat einer globalen Supermacht die nichts auf das Leben von Ausländern gibt [...]
Zitat von johnnybongounddie5goblinsSehr lustig, diese Leutchen, wie sie gegen Überwachung demonstrieren, aber für immer mehr Staat sind. Einfach mal Steuern massiv runter, weniger Beamte, da kann sich der Staat nur noch auf das wichtigste konzentrieren. Budget für Geheimdienste vierteln, und gut ist.
Es gibt einen Unterschied, ob man akzeptiert dass einen ein Landsmann unter bestimmten Voraussetzungen theoretisch überwachen dürfte... oder ob ein Soldat einer globalen Supermacht die nichts auf das Leben von Ausländern gibt und weltweit Menschen nach eigenem Gutdünken entführt und ermordet einen praktisch immer und büerall überwachen kann. Richtig, weil Geheimdienste ja 75% ihres Budgets für die Überwachung der eigenen Bürger aufwenden...
Demonstrare.de 06.06.2014
4. Am 26.07. wieder bundesweite Demos
AM 27.06.2013 haben die ersten bundesweiten #StopWatchingUS Demonstrationen stattgefunden. Am 26.06.2014 sind wieder bundesweite Aktionen und Demos geplant. Beteiligt euch. [...]
AM 27.06.2013 haben die ersten bundesweiten #StopWatchingUS Demonstrationen stattgefunden. Am 26.06.2014 sind wieder bundesweite Aktionen und Demos geplant. Beteiligt euch. http://demonstrare.de/blog/26-07-demonstrationen-gegen-ueberwachung/
Freibeutler 06.06.2014
5. Demo
Als Rentner würde ich auch gerne demonstrieren, aber auf den meisten Demos tauchen auch diese Typen von der Piratenpartei auf. Da kann man ja dann nicht mitmachen.
Als Rentner würde ich auch gerne demonstrieren, aber auf den meisten Demos tauchen auch diese Typen von der Piratenpartei auf. Da kann man ja dann nicht mitmachen.

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