Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Unesco-Bericht zu Sprachassistenten

Hey Siri, was vermittelst du für ein Frauenbild?

Offiziell sind manche Sprachassistenten geschlechtslos, doch die meisten Nutzer stellen sich Helfer wie Apples Siri als Frauen vor. Ist das ein Problem? Fazit eines Unesco-Berichts: ja.

Daniel Reinhardt/dpa

Jemand versucht vergeblich, mit Siri zu "klönen"

Von
Donnerstag, 23.05.2019   12:52 Uhr

Apples Siri ist höflich, durch und durch.

Selbst auf die Beleidigung als "Schlampe" reagiert der digitale Assistent, den die meisten Menschen als Assistentin wahrnehmen, mit "Ich mag diese willkürlichen Kategorien nicht" - beziehungsweise im Englischen "I don't know how to respond to that". Bis zum Frühjahr lautete die englische Antwort des Assistenten mit standardmäßig weiblichen Stimme sogar "I'd blush if I could", also: "Ich würde erröten, wenn ich könnte."

Ein neuer Bericht der Unesco (hier als PDF), betitelt mit eben jenem "I'd blush if I could", widmet sich nun der Frage, inwiefern Produkte wie Siri, Microsofts Cortana oder Amazons Alexa dazu beitragen, Geschlechtervorurteile zu fördern. Das Ganze ist ein Teilaspekt von insgesamt 146 Seiten, die sich um die Frage drehen, woran es liegt, dass in der Tech-Branche und insbesondere im Bereich künstliche Intelligenz vergleichsweise wenige Frauen arbeiten - und wie sich das ändern könnte.

In der Ausarbeitung von Mark West, Rebecca Kraut and Han Ei Chew heißt es, dass die Teams und Firmen, die die frühe Generation von digitalen Assistenten entwickelt haben, überwiegend aus Männern bestanden. Es sei daher wenig verwunderlich, dass ihre Kreationen "unterwürfige feminine Personae" seien. Zudem würden viele "Easter Eggs" - also witzige oder überraschende Antworten - die Assistenten wirken lassen, als seien sie weiblich. Und in jenen Antworten würde außerdem oft auf Filme, Musik und Fernsehshows angespielt, die bei Männern beliebt sind.

Fotostrecke

Die besten Siri-Sprüche: "Miezekatze, Miezekatze, Miezekatze"

Tatsächlich haben die bekanntesten Assistenten allesamt standardmäßig weiblich klingende Stimmen - dabei antwortet etwa Siri auf die Frage, ob sie eine Frau sei, ausweichend, mit "Ich bin Siri" oder "Ist das relevant?".

Vermutlich ist es aber auch egal, was die Assistenten auf eine solche Frage antworten. Das Autorenteam betont, dass die Entwickler durch die Wahl der Namen, der Stimmen, der Sprachstile und der Persönlichkeiten der Assistenten klar eine Tendenz vorgeben. Veröffentlichen Internetnutzer online Bilder, wie sie sich einen der Assistenten vorstellen, würden meistens Zeichnungen von jungen, attraktiven Frauen gepostet, schreiben die Autoren.

Frauenstimmen für Service, Männerstimmen für Anweisungen

Das Trio hat den Eindruck, dass das Suggerieren eines bestimmten Geschlechts oft mit der Aufgabe eines Assistenten zusammenhängt: So würden männliche Stimmen eher dann eingesetzt, wenn Maschinen Nutzern Anweisungen geben sollen und seltener, wenn die Asisstenten Servicefunktionen haben.

Dass Sprachassistenten weibliche Sprachmuster und Stimmen haben, könnte suggerieren, dass Frauen gefügige oder gefallsüchtige Helfer seien, heißt es in dem Bericht - "verfügbar auf Knopfdruck oder mit einem stumpfen Sprachbefehl wie 'Hey" oder 'OK'". Befehle würden die Assistenten unabhängig von deren Ton oder etwaiger Feindseligkeit ausführen.

Die Art, wie Assistenten designt sind, könnte so nach und nach eine Verbindung zwischen weiblichen Stimmen und Unterwürfigkeit schaffen und Geschlechterklischees weiterverbreiten, sorgen sich die Autoren. Problematisch sei auch, dass sich die Assistenten bei sexuellen Aufforderungen, so aggressiv sie auch sein mögen, auffallend passiv verhalten: So könne verbale Belästigung normalisiert werden.

Jetzt wird definiert, was normal ist

Die Autoren betonen, dass jetzt die Zeit sei, in der Nutzer sich allmählich an Sprachassistenten gewöhnen - und so womöglich auch daran, dass diese weibliche Stimmen haben. Die Chance, dass Nutzer auch für von der bisherigen Norm abweichende Lösungen offen sind, sei nun größer als später. "Geschlechternormen an der digitalen Grenze nehmen schnell Gestalt an", schreiben die Autoren daher, "und Frauen sollten eine aktivere Rolle bei der Gestaltung dieser Normen spielen."

Das Autorenteam wünscht sich diversere Entwicklerteams, aber auch mehr Forschung, was die Einflüsse von Digitalassistenten angeht. Den Herstellern der Systeme empfiehlt es unter anderem, digitale Assistenten nicht mehr standardmäßig weiblich wirken zu lassen und bei den Reaktionen auf Befehle Geschlechterklischees zu vermeiden.

Neben dem Einbau alternativer männlicher Stimmen wird auch die Option von Maschinen-Stimmen, die nicht mit einem bestimmten Geschlecht verbunden werden, ins Spiel gebracht. Nach Einschätzung der Autoren ist aber unklar, ob die Nutzer der Assistenten Geräte mit solchen Stimmen nutzen wollen würden.

Die Autoren raten außerdem noch dazu, Assistenten so zu programmieren, dass sie Nutzer davon abhalten, geschlechtsspezifische Beleidigungen und beleidigende Ausdrücke im Allgemeinen zu nutzen. "Wenn Benutzer sexuelle Begünstigungen wünschen, sollten digitale Assistenten pauschal mit Antworten wie 'Nein' oder 'Das ist nicht angemessen' reagieren", schreiben die Autoren.

Als Beispiel dafür, wie Nutzer zu einem besseren Umgangston gebracht werden könnten, führt der Bericht an einer Stelle den Echo Dot Kids Edition an: Amazon bewirbt diesen Assistenten speziell für Kinder mit dem Hinweis, dass Nutzer, die bei ihren Befehlen "bitte" sagen, positives Feedback bekommen.

Tipp für Assistenten-Nutzer: Zumindest beim Google Assistant und Apples Siri lässt sich die Stimme des digitalen Helfers schon jetzt auf Wunsch auf eine männliche umstellen - Alexa und Cortana haben eine entsprechende Funktion bislang nicht. Wie die Umstellung beim Google Assistant funktioniert, lesen Sie hier. Wie es bei Siri geht, zeigen die folgenden drei Bilder:

SPIEGEL ONLINE

Im Menü "Einstellungen" gehen Sie zuerst auf "Siri & Suchen"...

SPIEGEL ONLINE

… dann auf "Siri-Stimme".

SPIEGEL ONLINE

Und schließlich stellen Sie das Geschlecht auf "Männlich" um.


insgesamt 26 Beiträge
howard_phillips 23.05.2019
1. Facepalm
Während anderswo Frauen für den Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gesteinigt und verbrannt werden, wurden nun endlich die echten Probleme erkannt. Wir sind auf nem guten Weg.
Während anderswo Frauen für den Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gesteinigt und verbrannt werden, wurden nun endlich die echten Probleme erkannt. Wir sind auf nem guten Weg.
t_mcmillan 23.05.2019
2. So ist das halt, wenn Technik menschlich werden soll
Ich finde Siris Reaktion auf irgendwelche Anwürfe, die ja ohnehin nur Spielerei sein können, sozusagen professionell. Irgendwie lässt es wohl auch Rückschlüsse auf die Vorstellungen der sich echauffierenden Personen zu, wenn [...]
Ich finde Siris Reaktion auf irgendwelche Anwürfe, die ja ohnehin nur Spielerei sein können, sozusagen professionell. Irgendwie lässt es wohl auch Rückschlüsse auf die Vorstellungen der sich echauffierenden Personen zu, wenn sie sich über die Siri-Person ärgern. Sie SOLL ja unterwürfig sein. Unabhängig davon: Mit weiblicher Stimme ausgestattet und mit einem weiblichen Vornamen. Wie soll man sich Siri denn vorstellen, wenn nicht weiblich? Ich vermute mal, dass man demnächst halt noch einen zusätzlichen James oder Sirius entwickeln wird. Ach ja, wie Nr. 1 schreibt: endlich geht es an die echten Probleme.
whitewisent 23.05.2019
3.
Es gibt 3 Frauenbilder im Leben eines Mannes. Mutter, Schwester und Partnerin. Nun kann man sich ja über viele Aspekte streiten, aber es ist nunmal "normal", dass eine Mutter im Leben eines Mannes wie einer Frau die [...]
Es gibt 3 Frauenbilder im Leben eines Mannes. Mutter, Schwester und Partnerin. Nun kann man sich ja über viele Aspekte streiten, aber es ist nunmal "normal", dass eine Mutter im Leben eines Mannes wie einer Frau die Rolle der Helferin einnimmt. Warum kommt niemand auf die naheliegende Vermutung, dass deshalb eine solche Stimme oder die der Telefonansage der Uhrzeit früher für die Informationsweitergabe am besten geeignet ist? Eher spricht doch hier ein erschreckendes Weltbild der Berichtersteller mit hinein, die "Assistin" scheinbar mit Hure gleichsetzen, egal ob nun ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Kunden und dem Angebot, oder eine altersmäßige Staffelung besteht. Denn wie endet unser Leben? Doch in der Regel damit, dass man ab 50 von jüngeren Frauen herumkommandiert wird, egal ob als Praxishelferin, Ärztin, PTA oder Altenpflegerin. Da ist man drauf trainiert, solcher Stimme zu folgen. Es erstaunt auch angesichts der Metoo-Elemente, welche auch auf die Einflüsse verbaler Gewalt durch Anweisungen in Form von Tonfall, Lautstärke, Sprachrhytmus und einfach nichtweiblicher Stimmlagen in Bariton und Bass auf Frauen (und Männer) ausgeübt wird. Man will eben nicht einen Mr. Siri haben, der wie ein Polizist klingt, wenn er einem den nächsten Pizzalieferdienst empfiehlt. Das hat etwas mit Marketing zu tun. Die Frage ist vor allem, was für eine Konsequenz soll das haben, zählen die Kundenwünsche? Dann müssten eben nicht nur männliche und weibliche Stimmen angeboten werden, sondern auch altersgerecht mind. 3 Lebensphasen und die entsprechend in den Tonlagen. Sprache ist universell, aber man entwickelt in seinem Leben eben auch gewissen Erfahrungen, und Erwartungen. Was schätzt man mehr in einem Museum als Guidestimme, eine erkennbar junge weibliche Sopranstimme, oder einen sonoren Bariton? Wer auch das zum Problem macht, verkennt die echten Probleme unserer Zeit.
wdiwdi 23.05.2019
4. Das hat doch nichts mit Siri zu tun
Generell benutzen die meisten gesichtslosen Ansagen (Bahnhöfe, Flughäfen, Fähren, Navi-Systeme, etc.) eine weibliche Stimme, mit Ausnahme von Not- und Gefahrensituationen. Welche Stimmen ohne Ansicht des Sprechers wie [...]
Generell benutzen die meisten gesichtslosen Ansagen (Bahnhöfe, Flughäfen, Fähren, Navi-Systeme, etc.) eine weibliche Stimme, mit Ausnahme von Not- und Gefahrensituationen. Welche Stimmen ohne Ansicht des Sprechers wie wahrgenommen werden wurde schon vor Jahrzehnten untersucht - und Faktoren wie vertrauenserweckender Eindruck, Verständlichkeit in lautem Umfeld, etc. wurden für viele Anwendungsfälle ausführlich untersucht (und die Sprecher danach gecastet). Siehe z.B. https://www.citymetric.com/transport/why-are-most-announcements-londons-transport-system-made-women-2335
uzsjgb 23.05.2019
5.
Was für eine merkwürdige Weltsicht Sie haben. Warum wollen Sie die kleinen Probleme ignorieren? Oder ist das Ihre allgemeine Ausrede, um nie etwas zu verändern? Wenn Frauen um Gleichberechtigung kämpfen antworten Sie [...]
Zitat von howard_phillipsWährend anderswo Frauen für den Versuch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gesteinigt und verbrannt werden, wurden nun endlich die echten Probleme erkannt. Wir sind auf nem guten Weg.
Was für eine merkwürdige Weltsicht Sie haben. Warum wollen Sie die kleinen Probleme ignorieren? Oder ist das Ihre allgemeine Ausrede, um nie etwas zu verändern? Wenn Frauen um Gleichberechtigung kämpfen antworten Sie dann immer, dass sie froh sein sollten nicht gesteinigt oder verbrannt zu werden? Abscheulich, wenn Sie mich fragen.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP