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Netzwelt

Immobilie an der Mosel

Wie ein alter Bundeswehrbunker zum Darknet-Rechenzentrum werden konnte

Ermittler haben mit viel Aufwand in einer alten Bundeswehranlage ein Rechenzentrum hochgenommen, über das Drogen- und Waffenmarktplätze gehostet wurden. Doch wie kamen mutmaßlich Kriminelle an diese Immobilie?

Foto: LKA Rheinland Pfalz
Von , und
Montag, 07.10.2019   11:39 Uhr

Herman-Johan X. und seine Kollegen kamen im Anzug, als sie sich im Stadtrat von Traben-Trarbach vorstellten. In einer nicht-öffentlichen Sitzung erklärten sie, warum sie sich für den Bundeswehr-Bunker oben im Berg interessierten und wie sie ihn künftig nutzen wollten. Sie stellten ihre Pläne für ein neues Rechenzentrum vor und versprachen 50 bis 100 neue Arbeitsplätze für die Region. Doch die kamen jahrelang nicht. Dafür kamen nun sehr viele Polizisten.

In einem Großeinsatz stürmten Spezialkräfte vor anderthalb Wochen das Rechenzentrum im Bunker, auch die GSG 9 war an dem Einsatz beteiligt. Laut Polizei wurden dort oben über der Stadt hauptsächlich illegale Webseiten gehostet, über die Kriminelle Waffen, Drogen, gefälschte Dokumente oder Kinderpornografie vertrieben haben sollen. Auch Cyberangriffe sollen über das unterirdische Rechenzentrum gelaufen sein.

Der Chef des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz, Johannes Kunz, ist am Tag nach dem Zugriff voll des Lobes: Es sei ein Riesenerfolg, "dass es uns überhaupt gelungen ist, mit Polizeikräften in die Bunkeranlage, die nach wie vor auf höchstem militärischen Niveau gesichert ist, einzudringen".

Das wirft in Traben-Trarbach bei manchen die Frage auf, warum mutmaßlich Kriminelle überhaupt eine auf militärischem Niveau gesicherte Bunkeranlage kaufen konnten - ausgerechnet vom deutschen Staat.

LKA Rheinland Pfalz

Grundstück von oben: Der Bunker auf dem "Mont Royal" ist den Traben-Trarbachern gut bekannt

Für das 6000-Einwohner-Städtchen an der Mosel war der Bunker, "unser Bunker", wie manche sagen, lange ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Über Jahrzehnte war in dem fünfstöckigen Gebäude das Amt für Geoinformationswesen der Bundeswehr untergebracht, eine Art Wetterdienst der Truppe. Doch im Jahr 2007 entschied man im Bundesverteidigungsministerium, den Standort zu schließen. Ein Schlag für viele Mitarbeiter.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) sollte den Bunker verkaufen - und das offenbar möglichst rasch. Denn der Betrieb der mehrere Tausend Quadratmeter großen Anlage ist teuer: Die Lüftung muss weiterlaufen, ebenso Grundwasserpumpen, die verhindern, dass die vier unterirdischen Stockwerke voll Wasser laufen. "Deswegen hat die Bima den Bunker schon vor Aufgabe der Nutzung durch die Bundeswehr auf dem offenen Grundstücksmarkt zum Verkauf angeboten", erklärte die Anstalt auf SPIEGEL-Anfrage.

Ein Rechenzentrum kam wie gerufen

Laut einer Pressemitteilung des Bundestagsabgeordneten Peter Bleser (CDU) gab es den klaren Wunsch nach "einer 'warmen' Übergabe des Schutzbaus mit vorhandener IT-Infrastruktur nach dem Abzug, soll heißen, ohne viel Umstände einsatz- und betriebsfähig an den Nachfolger". Sollte es also diesmal besonders schnell gehen?

Die Bima antwortet dem SPIEGEL auf diese Frage, man sei grundsätzlich bemüht, Leerstände und "unnötige Zwischenbewirtschaftungskosten" zu vermeiden: "Insofern ist eine 'warme Übergabe' in allen Verkaufsfällen der Idealfall." Ein "Verwertungszwang" habe aber nicht bestanden.

Ideen für das Bunkergelände gab es über die Jahre viele. Ein Kinderkrankenhaus war mal angedacht, ebenso eine Pilzzucht. Doch daraus wurde nichts. Das Rechenzentrum passte indes perfekt für eine "warme" Übergabe - schließlich hatte auch die Bundeswehr dort schon große Rechneranlagen installiert.

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Polizei-Bild aus dem Bunker: Altbestände der Bundeswehr

Doch schon 2012, als sich die Interessenten im Anzug der Stadt vorstellten, war manchem Stadtratsmitglied nicht wohl bei der Sache. Das berichten mehrere Lokalpolitiker, die damals dabei waren. Die Niederländer blieben bei ihrer Präsentation seltsam vage, etwa darin, was auf den Servern gespeichert werden sollte. Zwar hatte die Stadt ohnehin kaum Mitspracherecht, doch für eine Nutzung als Rechenzentrum musste sie formal den Flächennutzungsplan anpassen. Am Ende habe man aus Mangel an Alternativen zugestimmt.

Laut Bima gab es zwei Bieter für das Grundstück, man habe sich für das wirtschaftlichere Angebot entschieden. Am 26. Juni 2013 wurde der Kaufvertrag notariell beurkundet.

Nur wenige Tage nach dem Verkauf erscheint in der Lokalzeitung, dem "Trierischen Volksfreund", ein Artikel über den neuen Besitzer: Es handele sich offenbar um den früheren Eigentümer des Unternehmens CyberBunker, einem Webhoster, der nach eigenen Angaben jede Art von Kundengeschäft akzeptiere "mit Ausnahme von Kinderpornografie und allem, was mit Terrorismus zu tun hat".

Genau diese Beschreibung wird man gute sechs Jahre später wieder hören, in der LKA-Pressekonferenz zum Bunker-Einsatz. Sie ist auch in den Jahren dazwischen nachzulesen gewesen in einem Artikel von SPIEGEL ONLINE aus dem Jahr 2013 oder auf der ehemaligen Webseite des Unternehmens CyberBunker, die man heute noch über ein Web-Archiv abrufen kann. Zudem hat die Firma einen Wikipedia-Eintrag.

Alte Bekannte, jetzt mit neuer Immobilie

Es war also kein Geheimnis: Der Investor X., 59, betrieb schon einmal einen Cyberbunker, um die Jahrtausendwende in seinem Heimatland. Nahe der Kleinstadt Kloetinge baute er einen ehemaligen Nato-Kommandobunker zu einem privaten, angeblich supersicheren Rechenzentrum um. 2002 brach ein Feuer im Untergrund aus, und beim Löschen entdeckten Einsatzkräfte im Bunker nicht nur Computer - sondern auch ein Drogenlabor. X. beteuerte, die Räume untervermietet und nichts damit zu haben. Den Bunker verkaufte er später, doch er betrieb sein CyberBunker-Geschäft jahrelang weiter- auch ohne Bunker.

Bis er auf die Immobilie an der Mosel stieß. Angeblich kaufte er sie für nur 350.000 Euro, immerhin hat der Bau immense Unterhaltskosten. Unter der Adresse "Über den Weinbergen 1" ließ X. 2014 seine neue Firma ins deutsche Handelsregister eintragen: die Calibour GmbH. Unternehmensgegenstand: "Der Betrieb eines Rechenzentrums."

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Illegales Rechenzentrum: So sieht der "Cyberbunker" aus

Zwar wurde der Name des Käufers nicht öffentlich kommuniziert, doch der "Trierische Volksfreund" klärte seine Leser darüber auf, dass ein Mitstreiter von CyberBunker in einem niederländischen Medium als "Hackerkönig" bezeichnet wurde, der Eigentümer selbst als "Technoanarchist". Und dass aus diesem Umfeld eine der größten DDoS-Attacken der Geschichte ausgegangen sein soll, die zeitweise den gesamten Internetverkehr verlangsamt hat.

"Was ich damals geschrieben habe, konnte man im Internet nachlesen. Ich habe das einfach über Google herausbekommen", sagt Winfried Simon, der Journalist, der den Artikel in der Lokalzeitung geschrieben hat. Es sei auch kein Dementi gekommen, nachdem der Artikel erschienen sei. Danach habe er jahrelang nichts mehr von der Sache gehört.

Das Hosting selbst ist nicht illegal - verantwortlich sind die Betreiber

Es gab auch nicht viel zu hören und zu sehen. Der neue Besitzer ließ Erdwälle als Sichtschutz aufschütten und Wachhunde übers Gelände laufen. Weil es immer wieder Gerede gab, hat Traben-Trarbachs Bürgermeister Patrice-Christian-Roger Langer das Rechenzentrum dreimal besichtigt, auch mit Kollegen aus dem Stadtrat. Langer, der früher selbst jahrelang in dem Bunker gearbeitet hat, habe hinter jede Tür schauen dürfen, erzählt er. Die Räume seien renoviert gewesen und Herr X. sehr zuvorkommend. Doch was auf den Rechnern lief, habe er natürlich nicht sehen können, sagt Langer.

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Serverschränke im Cyberbunker: Von außen wenig aufschlussreich

Und selbst wenn: Für den Inhalt von Webseiten ist erst einmal der jeweilige Betreiber verantwortlich, nicht der Hoster, der bloß die Infrastruktur zur Verfügung stellt und womöglich nicht einmal von irgendwelchen illegalen Aktivitäten weiß. Entsprechend selbstbewusst gab sich nach dem Polizeieinsatz ein Mann aus dem Firmenumfeld, der damals als "Hackerkönig" bezeichnete Sven K., auf Facebook: Hinter der ganzen Aktion stecke wohl auch Neid derer, die einst in jenem Bunker gearbeitet haben, den nun ein Fremder einfach gekauft habe. Wenn die deutsche Polizei die CyberBunker-Kunden für so kriminell halte - warum seien sie dann nie mit einem richterlichen Beschluss gekommen, um einzelne Verträge zu beenden?

Die Firma warb stets damit, sich nicht dafür zu interessieren, was ihre Kunden so treiben - sondern nur für die Bezahlung im Voraus. Gezahlt werden konnte laut Webauftritt mit Bitcoin-Überweisungen oder Western-Union-Transfers und sogar cash: "Bargeld kann am Tor abgegeben werden. ... schreiben Sie ihren Projekt-Code auf den Umschlag und übergeben sie ihn unserem Security-Personal", hieß es über den alten Bunker in den Niederlanden.

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Nachtbild vom Polizeieinsatz: Für das gut gesicherte Gelände waren Spezialkräfte nötig

Hätten deutsche Behörden gewarnt sein und den Käufer genauer prüfen müssen? Die Bima erklärt, man habe sich damals vor dem Verkauf auch mit dem Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz abgestimmt. "Dort lagen zum damaligen Zeitpunkt aber keine Erkenntnisse vor, die einen Ausschluss der späteren Käuferin von dem Veräußerungsverfahren gerechtfertigt hätten."

Laut LKA war es hingegen die Verbandsgemeindeverwaltung, die damals über den beabsichtigten Immobilienverkauf informiert und "den potenziellen Käufer benannt" hat, wie LKA-Chef Kunz bei der Pressekonferenz sagte. Demnach gab es "2013 zumindest mal im Internet erste Anhaltspunkte dafür, dass kriminelle Machenschaften dort eine Rolle spielen könnten." Bis 2015 sei dann nachgeforscht worden, bis überhaupt ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden konnte.

Die Polizei rechnet mit monate- oder jahrelanger Ermittlungsarbeit in Sachen Cyberbunker. In Traben-Trarbach stellt sich schon die Frage, was mit dem Bunker wohl geschieht - und ob er instand gehalten wird.

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Akku-Block-Sammlung für eine etwaige Überbrückung der Notstromversorgung im Bunker

Bürgermeister Langer ist schon bei seinen Besuchen stutzig geworden, was die komplizierte Haustechnik anging: "Als wir da gearbeitet haben, gab es zwölf Mann, die sich in Schichten rund um die Uhr um die Technik gekümmert haben, 365 Tage im Jahr." Hochqualifizierte Leute seien das gewesen, die sich um Grundwasserpumpen, Notstromsystem und Klimaanlage gekümmert hätten. "Und da war jetzt offenbar nur ein einzelner Hausmeister, der das alles machen sollte. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen."

Wird das Gebäude, in dem unterirdisch auch Öltanks und eine große Batterie-Anlage untergebracht sind, nicht korrekt gewartet, droht dem Moselort nämlich neben dem Darknet-Problem womöglich auch noch ein Umweltproblem.

insgesamt 197 Beiträge
so-long 07.10.2019
1. Interessant
finde ich auch, wie so ein großes Rechenzentrum aufgebaut werden konnte. Die Geräte gibt es nicht im Media-Markt, auch der permanente Service muss gewährleistet sein. Das machen keine Hobbybastler.
finde ich auch, wie so ein großes Rechenzentrum aufgebaut werden konnte. Die Geräte gibt es nicht im Media-Markt, auch der permanente Service muss gewährleistet sein. Das machen keine Hobbybastler.
matti99 07.10.2019
2. prima, verkauft
der Bund hat doch prima verkauft, ohne eigene weitere Personal- und Nachsorgekosten, gutes Geld eingenomen - sollte eigentlich belobigt werden. Die 12-Mann-Wartungspersonal aus alten Bundeswehrzeiten waren doch eh übertrieben, [...]
der Bund hat doch prima verkauft, ohne eigene weitere Personal- und Nachsorgekosten, gutes Geld eingenomen - sollte eigentlich belobigt werden. Die 12-Mann-Wartungspersonal aus alten Bundeswehrzeiten waren doch eh übertrieben, aufgebläht, dem grossen Personalaufwand für eine 500.000-Mann Armee geschuldet. Es geht doch alles viel kleiner, zusammengedampft, mit weniger Personal, mit wenigen, einfacheren Bauten läßt sich doch auch ein Wehreinsatz führen. Die örtlichen Politiker und Kommunalverwalter haben eh nur geringen Sachverstand - auch wenn diese dann ggf. für die Gefahrenabwehr im Umweltbereich zuständig sind.....
dr.joe.66 07.10.2019
3. Neuland...
Da diese ganze Thematik Internet&Co. ja für unsere staatlichen Vertreter und Behörden noch komplettes Neuland ist, hätte ich da einen Vorschlag: Der Staat stellt die Kriminellen des Darknets ein, um die staatliche IT, die [...]
Da diese ganze Thematik Internet&Co. ja für unsere staatlichen Vertreter und Behörden noch komplettes Neuland ist, hätte ich da einen Vorschlag: Der Staat stellt die Kriminellen des Darknets ein, um die staatliche IT, die Netze, und die Hacker-Abwehr auf Vordermann zu bringen. Im Gegenzug kriegen die neuen Mitarbeiter Gehälter und Boni, die jenseits ihres bisher illegalen Verdiensts liegen, sowie natürlich eine komplette Amnestie. Das dürfte allemal immer noch deutlich billiger sein als die Kosten für die Neuland-Berater-Verträge mit Consulting-Firmen. Und besser funktionieren wird es in jedem Fall!
HARK 07.10.2019
4. Interessant, aber
Die eigentlich spannende Frage ist doch: Wie konnten die das Rechenzentrum ans weltweite Internet anschließen, um überhaupt ihre krummen Geschäfte zu tätigen? Bei den Datenmengen, die da geflossen sind, wird eine gewöhnliche [...]
Die eigentlich spannende Frage ist doch: Wie konnten die das Rechenzentrum ans weltweite Internet anschließen, um überhaupt ihre krummen Geschäfte zu tätigen? Bei den Datenmengen, die da geflossen sind, wird eine gewöhnliche DSL-Leitung wohl kaum gereicht haben.
murksdoc 07.10.2019
5. Bunkerdenken (unterirdisch)
Wenn alle so schnell denken, wie der Bürgermeister von Traben-Trabach, dem noch nicht aufgefallen ist, das Manpower seit Jahrzehnten zunehmend von zentraler Rechenleistung übernommen wird und die Tatsache, dass soetwas seit 5 [...]
Wenn alle so schnell denken, wie der Bürgermeister von Traben-Trabach, dem noch nicht aufgefallen ist, das Manpower seit Jahrzehnten zunehmend von zentraler Rechenleistung übernommen wird und die Tatsache, dass soetwas seit 5 Jahren störungsfrei funktioniert, eigentlich dafür spricht, dass man sich "vorstellen sollen könnte", es funktioniere tatsächlich, und zwar ohne 12 Mann in 24-Stunden-Schicht, sondern nur mit einem "Hausmeister", der wahrscheinlich auch noch in 99,9% seiner Zeit auf dem Computer, vor dem er sitzt, irgendwelche Bunkerballerspiele spielt, um auf den Super-Gau (s.o.) vorbereitet zu sein (dann kann der die PC-Games nämlich auch noch von der Steuer absetzen), dann sehe ich auch schwarz für den Vorschlag, die Millionenwerte eines Geschäftsmannes, der bis zu seiner gerichtlichen Verurteilung als unschuldig zu gelten hat, nicht einfach "absaufen" zu lassen. Im Falle einer Verurteilung braucht man das Material vielleicht noch zur Deckung eventuellen Schadensersatzes oder zur Begleichung von Strafmandaten, abgesehen davon, dass es sich offensichtlich um Beweismittel handelt, deren Zerstörung ein eigenständiger Straftatbestand ist. Bevor man also über "Umweltprobleme" durch nicht fachgerechte Behandlung der Hardware eines Inhaftierten sinniert, sollte man ersteinmal andere Probleme erkennen und diesen vorbeugen, bevor diese überhaupt erst entstehen.

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