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Netzwelt

Facebook-Profile von Verstorbenen

Im Resonanzraum der Trauer

Dieter Kuskes Tochter stirbt auf der Abi-Fahrt. Nach der Beerdigung findet er keinen Frieden: Ihr Facebook-Profil entfacht seinen Schmerz immer wieder neu. So wie ihm geht es vielen Deutschen.

REUTERS

Facebook-Profile, Firmenboss Zuckerberg

Von
Dienstag, 06.06.2017   09:46 Uhr

Noch bevor Dieter Kuske es nach Hause schafft, stellen die Ärzte den Hirntod seiner Tochter fest. So schnell er konnte, war er die knapp 400 Kilometer von seiner Arbeit in München zurück nach Hanau gefahren, den Kopf voller Fragen. Wie konnte das passieren? Wird doch noch alles gut? Haben wir Fehler gemacht? Was wird jetzt?

Es ist der 28. Mai 2009. Genevieve ist auf Abi-Fahrt in Barcelona. In ihrem Eis war Nusskonzentrat. Die Ärzte stellen einen allergischen Schock fest. Sie ist gerade 19.

Kuske und seine Frau buchen den nächsten Flug nach Barcelona, sie legen sich ins Bett, weinen unaufhörlich. Gegen Mitternacht meldet sich der Arzt noch einmal. "Das Herz Ihrer Tochter ist jetzt auch stehen geblieben", sagt er vorsichtig. "Wann kommen Sie sie holen?"

Die folgenden Wochen, sagt Kuske, sind die schwersten seines Lebens. Die Anrufe bei Angehörigen. Die Abfertigung im Krankenhaus. Wie wollen Sie zahlen? Bar oder mit Kreditkarte? Können wir die Organe Ihrer Tochter haben? Obduktion der Leiche. Abiturzeugnis. Beerdigung. "Jedes Gespräch, jede Nachfrage, jede Erinnerung schmerzte."

Es dauert Wochen, bis Kuske wieder zur Arbeit geht. Monate, bis er seine Gefühle ein wenig verarbeitet hat. Bis er hofft, irgendwann, vielleicht, Frieden zu finden. Doch dann stößt er durch einen Zufall auf Werbemails von Facebook an seine Tochter.

30 Millionen Tote auf Facebook

Rund die Hälfte der Deutschen ist in einem oder mehreren sozialen Netzwerken aktiv; die wenigsten machen sich Gedanken, was nach ihrem Tod mit ihren Daten passiert. Allein auf Facebook gibt es inzwischen mehr als 30 Millionen Profile von Toten, täglich kommen neue hinzu. Für die Angehörigen ist dieser sogenannte digitale Nachlass oft eine zusätzliche emotionale Belastung.

Bei manchen ist es die Ungewissheit, die sie quält. Vergangenen Mittwoch beschäftigte ein solcher Fall das Berliner Kammergericht: Eine Familie kämpft seit 2012 darum, das Facebook-Profil ihrer Tochter einzusehen, sie hofft, darin Hinweise zu finden, ob die 15-Jährige Suizid begangen hat. Das Kammergericht entschied, dass das Unternehmen den Zugang verwehren darf, wegen des Fernmeldegeheimnisses. Die Familie muss nun entscheiden, ob sie vor den Bundesgerichtshof zieht.

Dieter Kuske wollte nach dem Tod seiner Tochter genau das Gegenteil. Er wollte, dass ihr Profil ein für allemal verschwindet.

"Überall im Netz waren Spuren von ihr"

Als Kuske sich in Genevieves Account einloggt, sieht er Erinnerungsfetzen aus ihrem Leben, glückliche Momente, liebevolle Kondolenznachrichten. Er denkt an Genevieves Edelmut, an ihr ansteckendes Lachen. Sie hatte sich oft für Schwächere eingesetzt. Nach dem Abitur wollte sie Mathematik studieren. Kuske wird mulmig zumute, wieder steigen ihm die Tränen in die Augen.

Dieter Kuske

Dieter Kuske

Er hatte sich das gar nicht ansehen wollen. Doch er wollte das Profil seiner Tochter auch nicht einfach online lassen. "Es fühlte sich nicht gut an, dass im Netz noch Spuren von ihr waren", sagt er. "Ich sorgte mich, dass jemand etwas Unangebrachtes in das Profil schreibt." Daher setzte Kuske, selbst IT-Fachmann, das Passwort für Genevieves Account mit einem Trick zurück und rief ihn auf.

Während er Eintrag um Eintrag liest, bemerkt er, mit welcher Geschwindigkeit sich die Nachricht über Genevieves Tod im Netz verbreitet hat. Welche weiten Kreise sie gezogen hat. Kuske sieht, wie Genevieves Patentante aus den USA ihr Beileid bekundete, lange bevor er sie angerufen hatte. Er findet heraus, dass Genevieve noch in weiteren sozialen Netzen aktiv war. Er beschließt, das digitale Erbe seiner Tochter aus der Welt zu schaffen.

Tote erhöhen die Kundenbindung

Warum horten Facebook und Co. die Profile von Millionen Toten? Was haben die Firmen davon? Facebook teilt mit, dass man den Kunden die Wahl lasse. Jeder Nutzer könne in den Einstellungen selbst festlegen, was mit seinem Profil geschieht, nachdem er gestorben ist.

Soweit stimmt das. Nur dürften die wenigsten Kunden diese Funktion kennen. Und wer nichts tut, dessen Profil wird nach dem Tod automatisch in den sogenannten Gedenkstatus versetzt: Es wird eingefroren, bleibt aber online.

Christian Solmecke, ein auf Internetrecht spezialisierter Anwalt, vermutet dahinter auch wirtschaftliche Gründe. Facebook wolle, dass sich Nutzer "gerade auch in besonders sensiblen Momenten in dem Netzwerk aufhalten", sagt Solmecke. Das diene der Kundenbindung.

Zudem versucht sich das soziale Netzwerk wohl auch juristisch abzusichern. Denn bislang ist in Deutschland nicht geklärt, ob ein Facebook-Account vererbbar ist. Sollte ein Gericht dies irgendwann festlegen, dann dürfte das Unternehmen die Daten eines Verstorbenen gar nicht mehr eigenmächtig löschen. Die Erben könnten es sonst verklagen.

Wer das Profil eines toten Angehörigen loswerden will, aber keinen Zugang dazu hat, dem empfiehlt Solmecke, eine Geburts- und Sterbeurkunde des Verstorbenen bei dem betroffenen Unternehmen einzureichen, dazu einen rechtsgültigen Nachweis, dass man ein Angehöriger ist. Das reiche in der Regel, um die Daten aus der Welt zu schaffen.

Digitaler Nachlass bei Facebook

Angehörige haben mehrere Optionen: Sie können das Profil von verstorbenen Familienmitgliedern zum Beispiel in den "Gedenkzustand" versetzen lassen - dann wird es in dem Zustand, in dem es zum Todeszeitpunkt war, eingefroren, keine Interaktion ist mehr möglich. Das Profil komplett löschen kann nur, wer als Erbe auch die Passwörter bekommen hat.
Nutzer können selbst festlegen, wie nach ihrem Tod mit dem Account verfahren werden soll. Das geht so: Unter "Einstellungen" den Punkt "Allgemein" aufrufen, dort den Unterpunkt "Dein Nachlasskontakt" wählen. Nun kann man eine Person autorisieren, sich um das Konto zu kümmern (Nachrichten darf diese Person nicht einsehen), oder festlegen, dass das Konto nach dem eigenen Tod gelöscht wird.
Weitere Informationen finden Sie hier.

Dieter Kuske hat das alles schon hinter sich. Er hat es schließlich geschafft, die Spuren seiner Tochter aus dem Netz zu tilgen. Einem Anbieter musste er erst mit dem Anwalt drohen, ehe er Genevieves Account löschte. "Es ist schizophren, dass Unternehmen wie Facebook die Profile von Verstorbenen nicht löschen", sagt er. "Die Daten gehören zerstört."

Nicht jeder würde ihm zustimmen. Manche nutzen die Profile von Verstorbenen auch als virtuelle Friedhöfe - so wie die Familie eines jungen australischen Soldaten, der 2012 während eines Einsatzes in Afghanistan verstarb.

Es gibt ganz unterschiedliche Umgangsformen für das digitale Erbe. Daran ist nichts auszusetzen. Das Problem ist nur, dass den meisten Menschen nicht bewusst ist, welche Wirkung ihre Profile nach dem Tod entfalten können. Dass das digitale Erbe ungewollt zum Resonanzraum der Trauer werden kann.

Dieter Kuske schmerzen die Erinnerungen an den Tod seiner Tochter noch heute. Doch seine Frau und er haben auch neuen Lebensmut gefasst. Und sie haben beschlossen, ihre Erfahrungen in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Neben seinem Job arbeitet Kuske nun ehrenamtlich als Trauerbegleiter. Er hilft anderen Eltern, die ebenfalls ein Kind verloren haben, eine neue Lebensperspektive zu finden. Damit sie vielleicht etwas weniger leiden, als er es musste.

insgesamt 24 Beiträge
crazy_swayze 05.06.2017
1.
Facebook bietet die Einstellungen, dass der Kunde entscheidet was nach seinem Tod passiert. Und es hat eine Standardeinstellung. Und es möchte aus Rücksicht anderer Nutzer nicht, dass Dritte (auch Erben!) persönliche [...]
Facebook bietet die Einstellungen, dass der Kunde entscheidet was nach seinem Tod passiert. Und es hat eine Standardeinstellung. Und es möchte aus Rücksicht anderer Nutzer nicht, dass Dritte (auch Erben!) persönliche Nachrichten lesen. Wo ist hier der Skandal? Bzw. warum wird hier skandalisiert?
mc_fly_junior 05.06.2017
2. Es lohnt, darüber zu diskutieren...
Ein wichtiger Artikel, der eine Dikussion anstoßen sollte. Ich für meinen Teil finde, dass ein Facebook-Profil auch der Erinnerung dienen darf und kann. Ich akzeptiere die von Ihnen dargestellte Ansicht. Ich stelle dem aber [...]
Ein wichtiger Artikel, der eine Dikussion anstoßen sollte. Ich für meinen Teil finde, dass ein Facebook-Profil auch der Erinnerung dienen darf und kann. Ich akzeptiere die von Ihnen dargestellte Ansicht. Ich stelle dem aber gegenüber, dass ich doch auch nicht alle Fotos oder Videos von gestorbenen Familienangehörigen "zerstöre", um nicht daran erinnert zu werden. Eine Leben kann, so wie man es selbst lebte und dokumentierte, so konserviert werden für "alle Zeiten". Folgende Generationen könnten noch darauf zugreifen und darin stöbern wie in alten Familienalben. Ich fände dies nicht unbedingt falsch.
tschoe 05.06.2017
3. Im analogen Zeitalter
konnte man Briefe, die verschickt wurden, auch nicht zurückfordern. Ich glaube, eine Trauer Bewältigung kann nicht an FB scheitern. Was sollen andere Trauernde denn tun, deren Kinder keine FB Profile hatten?
konnte man Briefe, die verschickt wurden, auch nicht zurückfordern. Ich glaube, eine Trauer Bewältigung kann nicht an FB scheitern. Was sollen andere Trauernde denn tun, deren Kinder keine FB Profile hatten?
twistie-at 05.06.2017
4. meine Güte. sollen die Toten denn verschwinden?
wenn jemand stirbt, bleibt immer etwas zurück - mal schreibt einem jemand und man schreibt zurück, dass leider der Empfänger der Nachricht nicht mehr lebt, mal findet man Bilder usw. Ich verbrenne keine Bilder meiner toten [...]
wenn jemand stirbt, bleibt immer etwas zurück - mal schreibt einem jemand und man schreibt zurück, dass leider der Empfänger der Nachricht nicht mehr lebt, mal findet man Bilder usw. Ich verbrenne keine Bilder meiner toten Mutter, warum sollten mich also irgendwelche Bilde rim Netz quälen? dass jemand, der sich nicht genug mit den Einstellungen beschäftigt, dann eben online bleibt, ist im Endeffekt dessen Problem - rtfm.
gruenerwaldgeist 05.06.2017
5. Diese Haltung kann ich nicht ganz nachvollziehen.
Für mich wirkt das so, als ob man von den Verwandten und Bekannten fordern würde, alle Bilder der Verstorbenen zu löschen. Auf diese Idee würde doch auch niemand kommen. Die Profile in sozialen Netzwerken gehören, ebenso wie [...]
Für mich wirkt das so, als ob man von den Verwandten und Bekannten fordern würde, alle Bilder der Verstorbenen zu löschen. Auf diese Idee würde doch auch niemand kommen. Die Profile in sozialen Netzwerken gehören, ebenso wie physische Bilder, zu den Andenken, die den Freunden noch bleiben. Man könnte natürlich darüber nachdenken, ob man die Profile nur noch für diese "Freunde" freischaltet. Was natürlich das Problem aufwirft, dass in den Netzwerken oft auch "Freunde" angegeben sind, die man im echten Leben nicht wirklich als "Freunde" einstufen würde. Aber das liegt daran, wie die Nutzer mit dem System umgehen und nicht unbedingt an den sozialen Netzwerken selbst. Natürlich muss jeder selbst wissen, wie er mit Trauer umgeht. Anderen aber vorzuschreiben, ob sie noch Andenken an die Tochter haben dürfen oder nicht, empfinde ich als recht anmaßend. In jedem Falle ein Thema, bei dem sich ein gesellschaftlicher Konsens irgendwann einmal herausbilden wird. Insofern ist die Diskussion darüber natürlich sinnvoll.

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8. Facebook 2012 16,01** USA
9. NTT (Telekom) 1986 13,75 Japan
10. Deutsche Telekom 1996 12,49 Deutschland

* Bei Addition der Stamm- und Vorzugsaktien; ** Bei Verkaufspreis am oberen Ende der Spanne; Quelle Reuters

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