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Netzwelt

Datenschützer sind entsetzt

Gesichtserkennung soll französische Schüler schützen

An einigen französischen Gymnasien soll es künftig mit Kameras ausgestattete Eingangstüren geben. Sie sollen sich nur dann öffnen, wenn das Gesicht eines Schülers automatisch erkannt wurde.

Getty Images

Gesichtserkennung (Symbolbild)

Donnerstag, 31.10.2019   10:30 Uhr

Big Brother hält Einzug in Frankreichs Schulen und Behörden, fürchten zumindest Datenschützer und schlagen deshalb Alarm. Es geht um Systeme zur automatischen Gesichtserkennung. Diese sollen an französischen Schulen sowie für Onlinedienste der Verwaltung genutzt werden. In der EU wäre das eine Premiere.

Besonders umstritten sind die Pläne zur Gesichtserkennung an Schulen: Die konservativ regierte Region Provence-Alpes-Côte d'Azur (PACA) will die Technologie in den Mittelmeerstädten Nizza und Marseille testen. An Gymnasien soll es mit Kameras ausgestattete Eingangstüren geben, die sich nur dann öffnen, wenn das Gesicht eines Schülers elektronisch erkannt wurde.

Unbefugte und mögliche Gewalttäter sollen so schon am Schultor gestoppt werden. Ganz nebenbei soll damit auch Wachpersonal eingespart werden. Nach den Pariser Anschlägen vom November 2015 hatten französische Schulen ihre Kontrollen verschärft.

Doch die Pariser Datenschutzbehörde CNIL hat den Plänen vorerst einen Riegel vorgeschoben. Sie nennt eine Gesichtserkennung von Schülern und Lehrern "unnötig und unverhältnismäßig". Herkömmliche Ausweise reichten für Kontrollen völlig aus, befanden die Datenschützer.

Gesichtserkennung auch für digitale Behördengänge

Der konservative Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, reagierte empört. Die Datenschutzbehörde stecke "offenbar noch im 20. Jahrhundert fest", kritisierte er auf Twitter. Er und die Region würden in Kürze neue Pläne für die Gesichtserkennung vorlegen.

Auch das französische Innenministerium treibt Pläne zur Nutzung der Technologie voran. Bereits im November könnte eine neue Smartphone-App namens "Alicem" an den Start gehen. Sie soll den Bürgern einen sicheren Zugang zum Internetangebot der Verwaltung ermöglichen.

Das Innenministerium preist die App als "Spitzenlösung" und als Türöffner für Onlinedienste, bei denen besonders strenge Personenkontrollen nötig sind - etwa bei der Ausstellung eines Passes oder Führerscheins oder bei Finanzämtern.

Um den Dienst zu nutzen, sollen Bürger ihren biometrischen Pass mit dem Smartphone scannen. Zudem müssen sie mit dem Handy ein Video ihres Gesichts drehen. Die Regierung gleicht beides dann mit einer Software zur Gesichtserkennung ab, bevor sie den Nutzern einen Zugangscode für die Onlinedienste schickt.

"Der Staat muss sich vor sich selbst schützen"

"Selbst wenn es sich dabei nicht um eine Echtzeit-Gesichtserkennung mit Überwachungskameras handelt, wird damit die Gesichtserkennung als Identifikationsmittel zur Normalität", kritisiert die Datenschutzorganisation La Quadrature du Net.

Die Pläne sind bis in die französische Regierung umstritten: Digital-Staatssekretär Cédric O forderte eine neue Kontrollbehörde: "Der Staat muss sich vor sich selbst schützen", betonte er. "Die Technologie mag nützlich sein, um Terroristen in einer Menge zu identifizieren", sagte er. Sie berge aber auch massive Risiken.

In Frankreich geht die Furcht vor chinesischen Verhältnissen um: Das kommunistische Land gilt als Vorreiter der Gesichtserkennung - und der Überwachung seiner Bürger. Nicht nur Schulen und Firmen nutzen die Technologie. In Supermärkten und Bäckereien können Chinesen per Gesichtserkennung einkaufen, ganz ohne Bargeld oder Bankkarte.

Auch in Berlin wurden Systeme zur Gesichtserkennung ab August 2017 für ein Jahr lang am Bahnhof Südkreuz erprobt, um die Sicherheit zu verbessern. Innenminister Horst Seehofer (CSU) sprach anschließend von einem Erfolg, Kritiker sahen Bürger dagegen unter Generalverdacht.

In den USA nutzen vor allem die Sicherheitsbehörden die Technologie. Der Bundesstaat Kalifornien hat seiner Polizei den Einsatz von Kameras zur Gesichtserkennung allerdings erst kürzlich untersagt. Er berief sich auf Testreihen der Bürgerrechtsbewegung ACLU: Dabei waren Politiker fälschlicherweise als gesuchte Verbrecher "erkannt" worden.

pbe/AFP

insgesamt 8 Beiträge
grumpy53 31.10.2019
1. na Bravo! Schöne neue Welt
auf dem Weg in den totalen Überwachungsstaat. Jede Bewegung wird registriert, die online-Nutzung erfasst. Und wenn zufällig Daten "verloren" gehen oder von weiteren Institutionen oder Organisationen abgegriffen werden, [...]
auf dem Weg in den totalen Überwachungsstaat. Jede Bewegung wird registriert, die online-Nutzung erfasst. Und wenn zufällig Daten "verloren" gehen oder von weiteren Institutionen oder Organisationen abgegriffen werden, ist das rein zufällig, nicht beabsichtigt und natürlich niemals gewollt. Und wer das in Frage stellt, ist natürlich gegen die Sicherheit der Kinder, wie verwerflich. Und das mitten in Europa, nicht etwa in einem Land, das undemokratisch geführt wird. Jetzt noch die Abschaffung des Bargeldes, dann haben wir einen umfassenden Zugriff auf alles, was der Bürger tut: was er kauft, wo er sich bewegt, mit wem zusammen ist, wie lange man sich wo aufhält. Was war noch mal die Definition von Freiheit?
labellen 31.10.2019
2. Super!
Schützt aber immer noch nicht vor Massakern durch Schüler. Dazu bedürfte es noch einer Durchleuchtungseinrichtung mit (entsprechend bewaffnetem) Personal. Wenn schon - denn schon. Bewaffnetes Lehrpersonal kann natürlich [...]
Schützt aber immer noch nicht vor Massakern durch Schüler. Dazu bedürfte es noch einer Durchleuchtungseinrichtung mit (entsprechend bewaffnetem) Personal. Wenn schon - denn schon. Bewaffnetes Lehrpersonal kann natürlich auch nicht schaden - wenn alle Stricke reißen.
taglöhner 31.10.2019
3. Bedenkenträger
Fragt einfach die Eltern. Ich hätte nichts dagegen, wenn meine Kinder sich mit dem Gesicht ausweisen, auch wenn sie nicht an Brennpunktschulen sind. In Frankreich gab es islamistische Angriffe auf Schulen. Im Süden konnte ich [...]
Fragt einfach die Eltern. Ich hätte nichts dagegen, wenn meine Kinder sich mit dem Gesicht ausweisen, auch wenn sie nicht an Brennpunktschulen sind. In Frankreich gab es islamistische Angriffe auf Schulen. Im Süden konnte ich beobachten, dass zu Beginn und Ende des Schultages Polizeistreifen vor dem Gebäude stehen, bis der letzte drin bzw. abgeholt ist, wonach das Tor geschlossen wird. Zuspätkommer müssen klingeln.
c.heinemann 31.10.2019
4. datenschutz hin oder her.......
es wurde eine französische Schule angegriffen, von einem islamischen gewaltbereiten Menschen, diese Schulewar aber nicht nur französisch, sondern auch israelitisch. Muslimische und jüdische Menschen liefern sich seit Jahren in [...]
es wurde eine französische Schule angegriffen, von einem islamischen gewaltbereiten Menschen, diese Schulewar aber nicht nur französisch, sondern auch israelitisch. Muslimische und jüdische Menschen liefern sich seit Jahren in Frankreich einen Schlagabtausch, wie auch im nahen Osten, keiner lässt ein gutes Haar am anderen, dagegen sind die Gemeinsamkeiten der muslimischen, jüdischen und christlichen Religionszugehörigkeit auf einer Basis aufgebaut und die eine sowie die anderen Berichte aus der Zeit der Entstehung der drei Schriften bezeugten von der Entstehung/Existenz der Anderen und trotzdem vergreifen sich regelmässig muslimische und Jüdische Gruppen regelmässig im Ton um die einzig wahre Religion zu propagieren, eben die eine oder andere und dies schon seit Jahrhunderten. Die m. E. wirkungsvollste Reaktion wäre das Unterlassen von Berichten der Media um den vermeintlichen Unterschiede. Und Schule sollten alle Religionen zulassen und frei von irgendwelchen Zwängen in dieser Richtung sein.
knok 31.10.2019
5.
Das ist dermaßen überzogen und ein frontaler Angriff auf Datenschutz und persönliche Freiheiten. Bislang hat es mich gegruselt, wenn ich Berichte aus China gehört habe, kommt das alles jetzt auch nach Europa? Woher kommt [...]
Das ist dermaßen überzogen und ein frontaler Angriff auf Datenschutz und persönliche Freiheiten. Bislang hat es mich gegruselt, wenn ich Berichte aus China gehört habe, kommt das alles jetzt auch nach Europa? Woher kommt dieser Sicherheitswahn? Wer lebt, lebt gefährlich. Es kann immer etwas passieren. Und dabei die Welt wird von Jahr zu Jahr sicherer, nicht wegen, sondern trotz der Überwachung.

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