Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Tech-Tricks der Demonstranten in Hongkong

Mit Tinder gegen die Staatsmacht

Die Überwachung in China ist extrem, doch die Demonstranten in Hongkong führen die Sicherheitskräfte immer wieder in die Irre. Dafür nutzen sie spezielle Apps - auch Tinder oder Pokémon Go.

Airdrop

Ein per AirDrop in U-Bahnen verbreitetes Bild fordert Menschen auf, sich am Flughafen Hongkong zu versammeln

Von , Hongkong
Dienstag, 13.08.2019   18:14 Uhr

"Be water, my friend". Diesen Leitspruch des Kampfsportkünstlers Bruce Lee haben die dezentral agierenden Demonstranten in Hongkong für sich adaptiert: Ähnlich wie das Element wollen sie - um Verhaftungen zu entgehen - flexibel, spontan und fließend vorgehen. Und dabei möglichst anonym bleiben.

Die Proteste im Jahr 2014 konzentrierten sich auf wenige Großveranstaltungen an immer der gleichen Stelle im Stadtteil Admiralty. Daher war es der Polizei leicht möglich, die Versammlungen aufzulösen. Im Jahr 2019 verlegen sich die Demonstranten daher auch auf spontane Zusammenkünfte an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit. So wie am Abend des 5. August, dem Tag eines Generalstreiks und angemeldeter Großdemonstrationen.

Noch während der großen Versammlung spaltete sich eine Gruppe der schwarz gekleideten Demonstranten ab und zog durch den Stadtteil North Point auf Hongkong Island. In der Gegend sollen viele Mitglieder einer Peking-treuen Triade leben, die für einen brutalen Angriff auf Demonstranten und Passanten zwei Wochen zuvor in einer U-Bahnstation verantwortlich gemacht wird.

Wie zu erwarten kam es zum Zusammenstoß mit den mutmaßlichen Triaden-Mitgliedern - doch diesmal waren die Demonstranten vorbereitet und in der Überzahl. Nicht genug damit: Ein Trupp hatte zuvor mit Material von umliegenden Baustellen die Ausfahrt der nächstgelegen Polizeistation verbarrikadiert. Dieser Grad der Koordination geht zum großen Teil auf den geschickten Einsatz von Software zurück.

Doxxing von Polizeibeamten

Die Hauptrolle spielen Messenger wie WhatsApp und vor allem Telegram. In diversen Telegram-Chatgruppen tauschen die Demonstranten wichtige Informationen aus. Eine der größten, die laut Eigenbeschreibung nur verifizierte Neuigkeiten verbreitet, hat gut 130.000 Mitglieder.

Auf rund 95.000 Abonnenten kommt der Kanal Dadfindboy. Er wurde als Reaktion darauf eingerichtet, dass sich Polizisten in Zivil unter die Demonstranten mischten - eine Taktik, die inzwischen von der Polizei bestätigt wurde. Die Gruppenmitglieder beschicken den Kanal mit Angaben über Polizeibeamte, inklusive Wohnorten, privaten Fotos, Social-Media-Aktivitäten und Informationen über Familienmitglieder. Laut "New York Times" plante Colin Cheung, der Gründer der Gruppe, eine App zur Gesichtserkennung zu schreiben und sie mit den Daten aus der Gruppe zu füttern.

Nachdem diese Gruppen auch für Strafverfolger zugänglich sind, schwenken die Demonstranten und ihre Sympathisanten zur zeitnahen Koordination auf Apples AirDrop um. AirDrop sorgt für den drahtlosen Austausch von Daten zwischen zwei Apple-Geräten. Vorteil: Es kommt ohne zentralen Server aus und kann daher auch nicht per DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service) beeinträchtigt werden. Laut Telegram-Gründer Pawel Durow griffen chinesische IP-Adressen gleich zu Beginn der Demonstrationen im Juni die Infrastruktur seines Messengers mit solchen DDoS-Attacken an.

Nahfeld-Kommunikation

Da AirDrop die Verbindung zu Anfang per Bluetooth aufbaut, ist die Reichweite auf wenige Meter beschränkt. In dicht gedrängten U-Bahnzügen finden sich dennoch zu jedem Zeitpunkt Dutzende empfangsbereite Geräte. Akzeptiert man die Verbindungsanfrage, landen in Bilder gepackte Informationen auf dem eigenen Smartphone. Wie zum Beispiel der Aufruf am 11. August, sich ab 13 Uhr am Flughafen zu einer Kundgebung einzufinden.

Der Journalist Gavin Huang stieß sogar innerhalb der Dating-App Tinder auf ein Bild, das auf kommende Versammlungen hinweist. Ende Juli verbreitete sich ein Bild per Tinder, das auf ein besonderes Pokémon hinwies, das zu einer bestimmten Uhrzeit in der Nähe der U-Bahnstation Yuen Long zu finden sein soll. Yuen Long war der Ort, an dem Demonstranten von den Triaden-Mitgliedern attackiert wurden. Nachdem die Polizei die Versammlung nicht genehmigte, wurde sie kurzerhand zur Poké-Suche umdeklariert.

Mit Lasern gegen die Gesichtserkennung

Moderne Technik kann für die Demonstranten aber auch zur Bedrohung werden. Um vor und während der Kundgebungen anonym zu bleiben, verzichten sie auf den Einsatz ihrer Octopus-Karten. Diese dienen unter anderem zum bargeldlosen Bezahlen in der U-Bahn, sind durch ihre Seriennummern aber zur Identität des Käufers zurückzuverfolgen. Stattdessen wird mit Cash bezahlt - für Hongkonger ein mehr als ungewöhnliches Verhalten.

Nächtliche Kundgebungen ähneln mitunter Szenen aus einem Science-Fiction-Film: Demonstranten zielen mit grünen und blauen Lasern auf Überwachungskameras. Ziel: Die Kameras zu blenden und so eine Identifikation der Versammlungsteilnehmer per Gesichtserkennung unmöglich zu machen.

Auf einen eventuellen Kontakt mit der Polizei bereitet ein unter den Demonstranten zirkulierendes Dokument vor. Es erklärt unter anderem, wie man blitzschnell das Entsperren des Smartphones per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung deaktivieren kann. Denn Polizisten dürfen nicht nach dem PIN-Code des Geräts fragen, könnten Festgenommenen das Telefon aber leicht vors Gesicht halten oder gegen Fingerspitzen drücken.

insgesamt 11 Beiträge
Crom 13.08.2019
1.
Wird alles nichts nützen, 30 Jahre nach Tian'anmen wird die KP am Ende so reagieren wie immer und das Militär gegen das eigene Volk einsetzen. Man ist ja eine Volksrepublik, gell.
Wird alles nichts nützen, 30 Jahre nach Tian'anmen wird die KP am Ende so reagieren wie immer und das Militär gegen das eigene Volk einsetzen. Man ist ja eine Volksrepublik, gell.
voiceecho 13.08.2019
2. Absolute Solidarität..
mit den mutigen Menschen in Hongkong! China muss begreifen, dass 30 Jahre nach Tiananmen die Welt sich geändert und man kann alles live verfolgen! Eine blutige Niederschlagung der Proteste wie vor 30 Jahren kann es nicht geben, [...]
mit den mutigen Menschen in Hongkong! China muss begreifen, dass 30 Jahre nach Tiananmen die Welt sich geändert und man kann alles live verfolgen! Eine blutige Niederschlagung der Proteste wie vor 30 Jahren kann es nicht geben, denn die Welt schaut heute live zu und sollte reagieren und zwar mit boykott von Chinesen
raoul2 13.08.2019
3. Traumtänzer
Das hat die Regierung in Peking damals nicht gejuckt und das wird auch dieses Mal nicht anders sein, wenn die Demonstranten nicht endlich begreifen, daß sie - sofern sie jetzt einlenken, ohne einzuknicken - in aller Welt die [...]
Zitat von voiceechomit den mutigen Menschen in Hongkong! China muss begreifen, dass 30 Jahre nach Tiananmen die Welt sich geändert und man kann alles live verfolgen! Eine blutige Niederschlagung der Proteste wie vor 30 Jahren kann es nicht geben, denn die Welt schaut heute live zu und sollte reagieren und zwar mit boykott von Chinesen
Das hat die Regierung in Peking damals nicht gejuckt und das wird auch dieses Mal nicht anders sein, wenn die Demonstranten nicht endlich begreifen, daß sie - sofern sie jetzt einlenken, ohne einzuknicken - in aller Welt die "Sieger" wären. Tritt kein Wechsel in der Strategie ein, sondern sogar eine Verschärfung, wird sich die Welt von ihnen abwenden - und in den Geschichtsbüchern wird man über das "von militanten Aktivisten" herbeigeführte "Ende des freien Hong Kong" lesen können. Dabei wäre ein zumindest moralischer Sieg jetzt zum Greifen nah.
Daniel Roser 13.08.2019
4. China
China wird diese Bewerbung brutal niederschlagen, wenn sie tatsächlich zu stark werden sollte. Tiananmen lässt grüßen. Nur wird diesmal die Welt live zuschauen
China wird diese Bewerbung brutal niederschlagen, wenn sie tatsächlich zu stark werden sollte. Tiananmen lässt grüßen. Nur wird diesmal die Welt live zuschauen
Melissa85 13.08.2019
5. Die Welt schaut zu.
Aber mehr auch nicht. Als in Syrien Giftgas gegen Zivilisten benutzt wurde, als in der Türkei die Demokratie ersetzt wurde als Russland die Krim besetzte schauten alle zu, aber keiner unternimmt etwas da es zu Globalen Kriegen [...]
Aber mehr auch nicht. Als in Syrien Giftgas gegen Zivilisten benutzt wurde, als in der Türkei die Demokratie ersetzt wurde als Russland die Krim besetzte schauten alle zu, aber keiner unternimmt etwas da es zu Globalen Kriegen kommen würde. Das selbe wird mit den mutigen Demonstranten passieren selbst wenn das Militär sie tötet wird kein Land eingreifen da China genug feuerkraft hat die Welt in Brand zu setzen. Trauriger Fakt.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP