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Hassvideos

Wie ein YouTuber aus Katar Gewalt gegen Frauen predigt

Ein angeblicher Familienberater aus Katar hetzt gegen Juden, diffamiert Homosexuelle und zeigt Männern, wie sie ihre Ehefrau schlagen sollen. Die Videoplattform lässt ihn gewähren.

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Abdelaziz al-Khazraj al-Ansari demonstriert, wie man seine Frau islamisch korrekt schlägt und welche Schläge demnach verboten sind.

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Donnerstag, 04.04.2019   19:16 Uhr

Nach knapp einer Woche hat YouTube reagiert. Vor dem sechseinhalb Minuten langen Video erscheint jetzt eine Texttafel mit dem Hinweis: "Der folgende Inhalt wurde von der YouTube-Community für einige Zielgruppen als unangemessen oder beleidigend eingestuft."

In dem Video, das am vergangenen Freitag hochgeladen wurde, demonstriert Abdelaziz al-Khazraj al-Ansari aus Katar, wie ein Mann seine Ehefrau islamisch korrekt schlagen soll. Er zeigt das, indem er einen Jungen namens Nayef vor laufender Kamera schlägt, packt und schüttelt. Mindestens 67.000 Menschen haben das Video aufgerufen, auf Twitter haben sich 350.000 Nutzer einen Ausschnitt daraus angesehen.

Minutenlang ergeht sich Ansari in Ausführungen dazu, wie ein Muslim seine ungehorsame Frau zu züchtigen habe: "Schaut wie gnädig der Islam ist", erklärt Ansari in dem Video. "Der Prophet hat Schläge ins Gesicht verboten. Schläge ins Gesicht, gegen den Kopf, auf die Nase - all das ist verboten."

Zehntausende YouTube-Abonnenten

Ansari erklärt auch, warum Frauen es manchmal verdient hätten, geschlagen zu werden. "Bei manchen Frauen hilft es nicht, wenn man sie belehrt oder sie des Ehebettes verweist. Bei diesen Frauen helfen nur Schläge. Sie müssen spüren, dass du ein echter Mann bist." Im Idealfall spüre die Ehefrau durch die Schläge gleichzeitig ihre eigene Weiblichkeit und die Männlichkeit ihres Partners.

Abdelaziz al-Khazraj al-Ansari ist nach eigenen Angaben Doktor der Soziologie, Familienberater und Direktor eines Instituts für Eheberatung in Katar. Seit 2015 betreibt er den YouTube-Kanal al-Mujtama, auf Deutsch "Die Gesellschaft". Inzwischen zählt der Kanal rund 84.000 Abonnenten. In seinen Videos äußert sich Ansari zu allem Möglichen. Er gibt Beziehungstipps und kommentiert aktuelle Ereignisse.

Dabei offenbart Ansari ein fundamentalistisches Weltbild, das von Homophobie, Misogynie, Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Verachtung für Nichtmuslime geprägt ist. Er fordert Eltern auf, ihre Töchter zu gehorsamen Hausfrauen zu erziehen. Eltern müssten mit Strenge verhindern, dass die Mädchen Atheistinnen werden und vor ihren Familien flüchten, so wie das saudi-arabische Mädchen Rahaf, das sich nach Thailand abgesetzt hatte. Der Westen fördere die Gleichberechtigung der Frauen nur, weil es das Ziel westlicher Männer sei, mit so vielen Frauen Sex wie möglich zu haben. In Europa seien deshalb 90 Prozent der Kinder "Bastarde".

Antisemitismus und Judenhass

In einem Video entdeckt Ansari ein Herz mit einem Regenbogen. Dies veranlasst ihn zu einer Tirade gegen Lesben und Schwule. Ansari verlangt, dass derartige Produkte verboten werden müssten, weil sie Homosexualität förderten.

Zwei Wochen bevor der Mann das Video mit der Anleitung zum Frauenschlagen hochlud, hatte er zwei Videos veröffentlicht, in denen er Juden für den Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch verantwortlich machte. "Wer profitiert von dem Massaker? Wer schaut zu und lacht uns aus? Was denkt ihr? Cohen und die Gang. Cohen, Mohen, Begin, Megin." Es sei das Ziel der Juden, mit dem Attentat Zwietracht zwischen Muslimen und Christen zu säen. Niemand profitiere von dem Leid der Opfer, "außer diese unreinen Menschen, die Juden".

Diese antisemitischen Videos wurden seither hunderttausendfach angeklickt. Sie sind bis heute frei auf YouTube zugänglich. Sowohl die Plattform als auch Ansari verdienen an der Werbung, die den Videos vorgeschaltet wird.

In Kommentaren auf YouTube und Twitter schlägt Ansari viel Kritik von arabischen Nutzern entgegen. Viele sagen, sie hätten den Inhalt gemeldet. Bislang hat YouTube aber nur Ansaris Anleitung zum Frauenschlagen als "anstößig" bewertet. Das bedeutet, das Video wird erst nach dem oben erwähnten Warnhinweis angezeigt. Kommentare, vorgeschlagene Videos oder "Mag ich"-Bewertungen sind deaktiviert. Außerdem wird vor dem Video jetzt keine Werbung mehr eingeblendet.

Gegen die YouTube-Richtlinien verstößt Ansari nach Einschätzung des Unternehmens aber nicht.

Hinweis vom 16. April 2019: Mittlerweile hat YouTube das Video wegen "Hassrede", also doch wegen eines Verstoßes gegen die YouTube-Richtlinien, entfernt.

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