Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Musiktauschbörsen

Alternativen für "die Zeit danach"

Wer braucht Napster? Angesichts der Fülle von Konkurrenzsystemen ist es fraglich, ob selbst eine Schließung der P2P-Börse irgendetwas ändern würde. Das Web ist voller Musik.

Dienstag, 13.02.2001   17:25 Uhr

Soll es "The Real Slim Shady" sein? Einfach mal den Napigator starten. Oder wie wäre es mit dem "Jail House Rock"? Es reicht, den Namen in Gnutella einzugeben. Eine Cello-Suite von Bach findet sich sicher nach ein paar Mausklicks bei BearShare. Egal wie es mit Napster weitergeht, die Technik des Datentauschs, die die Internet-Tauschbörse in kurzer Zeit so populär gemacht hat, wird bleiben. Findige Programmierer haben längst schon neue Wege gefunden, die weit schwerer von Gerichten oder der Industrie zu unterbinden sein werden.

Sicher, viele dieser Programme sind nicht so leicht zu bedienen wie Napster. Aber die dahinter stehende Technik des so genannten File-Sharings, des kostenlosen Tauschs von Datenpaketen, hat sich durchgesetzt. Denn sie versetzt praktisch jeden Computerbesitzer in die Lage, seine Musikstücke oder was auch sonst immer, Millionen Menschen in aller Welt zur Verfügung zu stellen.

"File-Sharing ist eine der wichtigsten Zukunftstechnologien. Sie wird auf Dauer Bestandteil unseres Lebens sein", erklärte nach dem Urteil gegen Napster auch Andreas Schmidt, der Vorsitzende der Bertelsmann eCommerce Group. Ob die Millionen Napster-Nutzer den von Bertelsmann verfolgten Weg eines auf Mitgliedschaft basierenden Dienstes mitgehen oder sich anderen Programmen zuwenden, wird sich noch zeigen.

In den fast zwei Jahren, in denen es Napster gibt, entwickelten sich schon rund ein Dutzend Alternativen. Einige lehnen sich deutlich an das Orginal an, andere gehen neue Wege. Im Mittelpunkt steht immer das Peer-to-Peer-Prinzip (P2P). Hier ist jeder Teilnehmer sowohl ein Klient, der Daten aus dem Netz herausholt, als auch ein Server, der Daten bereitstellt. Darin ist auch an sich nichts Anrüchiges, die P2P-Technik wird auch von Unternehmen wie Intel oder der IBM-Tochter Lotus als interessante Möglichkeit für neue elektronische Vertriebsformen oder die Zusammenarbeit im Internet betrachtet.

Napster nutzt P2P nur in Ansätzen. Bei diesem Programm wird immer noch ein Zentralrechner (tatsächlich sind es 110 Rechner) benötigt, der den Austausch organisiert. Alternative Programme wie Napigator machen jeden angeschlossenen Rechner zu einem so genannten Server. Ein Mausklick auf einen der Server und man sieht die abrufbereiten Datenpakete.

Das bekannteste reine P2P-Programm ist Gnutella. Es wurde von einer Tochterfirma des Internetproviders AOL entwickelt und verbreitete sich im Internet, bevor AOL dies stoppen konnte. Weil die erste Version noch sehr störanfällig und fehlerbehaftet war, wurde sie inzwischen überarbeitet und wird nun unter Namen wie Gnotella, Newtella, BearShare, Gnocleus, LimeWire und ToadNode verbreitet.

Noch einen Schritt weiter geht das Freenet von Ian Clarke. Es hat ebenfalls keinen Zentralrechner und anonymisiert zudem jeden Teilnehmer. Begleitet wird das Freenet inzwischen von der noch im Erprobungsstadium befindlichen Software Espra, die den Tausch von Musik besonders einfach machen soll und zudem die Möglichkeit bietet, unter Umgehung der Plattenfirmen den Musikern direkt Geld zukommen zu lassen.

Matthew Fordahl, AP

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP