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Netzwelt

Netzreaktionen auf Notre-Dame

Von rechts bis zum Rechtschaffenheitsreflex

Für Rechtsextreme ist die brennende Pariser Kathedrale natürlich eine Abendland-Untergangsmetapher - egal, was die Ursache war. Aber die Schadenfreude einiger antichristlicher Muslime zu leugnen, ist auch falsch.

Thierry Mallet/ AP

Brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris

Eine Kolumne von
Mittwoch, 17.04.2019   14:50 Uhr

Seit der Antike ist der Glaube verbreitet, im Spiegel sei die wahre Seele der Menschen zu erblicken. Der Aberglauben von gestern ist im Internet von heute Realität geworden: Die Social-Media-Reaktionen auf das Feuer von Notre-Dame spiegeln, was in den Köpfen und Herzen vor sich geht. Das ist bei der kollektiven Verarbeitung von Katastrophen aller Art oft so, aber Notre-Dame ist besonders, weil das Symbol so groß ist und anders als bei den meisten sonstigen Tragödien, keine Toten zu beklagen sind. Deshalb erscheinen die Reaktionen ungefiltert, nur noch auf das Symbol bezogen. Wer zu Notre-Dame schrieb, schrieb zuerst über sich selbst: Reflex und Reflexion.

Dass eine Kirche in Frankreich brennt, nein - dass die Kirche in Frankreich brennt, ist für Rechte und Rechtsextreme mindestens eine epochale Untergangsmetapher, darunter geht es einfach nicht. Die brennende Kirche, das zerfallende Europa, der Untergang des europäischen Merkel-Macron-Liberalismus. Es scheint so zu sein, als wollten diese Leute Europa brennen sehen.

Für rechte Verschwörungstheoretiker passt alles ins Bild

Führungskräfte der AfD äußerten sich mit der brennenden Notre-Dame als Europa-Metapher, ebenso rechtsextreme Politiker aus anderen Ländern sowie jede Menge rechter Intellektueller. Zeitweise fabulierten besonders Übermütige von einem "französischen 9/11". Wer die Welt nur durch die verzerrende Brille eines Kulturkampfes zwischen Christen und Muslimen betrachtet, sieht in Notre-Dame ein Symbol für ebendiesen Kulturkampf. Dass man dafür nicht nur Europa auf rassistische Weise in "wir" und "die" unterteilen, sondern auch die Ermittlungsergebnisse en passant vorab festlegen muss, spielte natürlich keine Rolle.

Es ist aber auch egal, was bei den laufenden Ermittlungen herauskommen wird, in bestimmten Kreisen steht die Brandursache längst fest: Muslime hätten die Kirche angezündet, nur so kann es sein, glauben rechte Verschwörungstheoretiker.

Sascha Lobo: der Debatten-Podcast #89 - Netzreaktionen auf Notre-Dame: Von rechts bis zum Rechtschaffenheitsreflex

Ideologie, Ressentiment und Bauchgefühl vermengen sich mit echten, aber zumindest bisher nicht zusammenhängenden Nachrichten. Seit Monaten finden sehr viele Brandanschläge und Herabwürdigungen christlicher Kirchen statt, bei denen die Gebäude etwa mit Exkrementen beschmiert werden. Im Schnitt werden in Frankreich drei christliche Kirchen angriffen - jeden Tag. Die Aufklärung ist bisher eher die Ausnahme als die Regel, aber das interessiert rechte Verschwörungstheoretiker nicht, weil für sie alles ins Bild passt: Europa werde von Muslimen angegriffen und die Liberalen wollen das verschleiern.

Hier greift die klassische Unwiderlegbarkeit der Verschwörungsmythen: Wenn sich der Brand als Anschlag von Islamisten erweisen sollte, hatten sie Recht. Natürlich wäre das bei einem derart großen, christlichen Symbol wie Notre-Dame möglich. Ergibt aber die Untersuchung einen Unfall, einen bösen Zufall oder einen Anschlag anderer Gruppen, werden die Rechten das Ergebnis als Lüge aus Gründen der "political correctness" und als Medienverschwörung bezeichnen und trotzdem sagen, sie hätten Recht gehabt. Und wenn sich nichts aufklären lässt, um so besser: Ungewissheit ist der beste Freund aller Verschwörungstheoretiker, weil dann Gegenbeweise unmöglich sind.

Politik

Leider bedeutet die Existenz rassistischer Verschwörungstheorien aber auch nicht, dass es kein muslimisch geprägtes, antichristliches Ressentiment gäbe. Eine dafür auf bittere Weise typische Episode findet rund um das amerikanische "BuzzFeed" statt. "BuzzFeed" veröffentlicht kurz nach dem Bekanntwerden des Brandes einen Artikel, der Verschwörungstheorien und Fake News entlarven möchte und dabei ungefähr alles falsch macht, was man aus medialer Sicht falsch machen kann.

Von einem bekannten britischen Rechtsextremen wird auf Twitter ein Video verbreitet, das auch im deutschsprachigen Raum größeres Echo findet. Es zeigt die Social-Media-Reaktionen wiederum auf ein Video des Brandes von Notre-Dame, speziell die Facebook-Reaktion "Haha", also das lachende Gesicht. Die sichtbaren Namen sind überwiegend arabisch oder typisch für muslimisch geprägte Länder. "BuzzFeed" zeigt das Video und schreibt dazu abwehrend: "Es gibt null Beweise, dass Muslime auf das Feuer mit "smiley faces" reagieren." Die Autoren deuten technisch sachkundig an, dass die Reaktionen ja gar nicht gesichert zum fraglichen Video gehören müssten.

Es handelt sich um einen Rechtschaffenheitsreflex, der in sozialen Medien nicht selten ist: Man möchte nicht, dass eine Nachricht stimmen könnte, also wird sie auf alle erdenklichen Arten und Weisen bezweifelt. Oder ignoriert. Statt sich einen Überblick zu verschaffen, hat das eher liberale Medium "BuzzFeed" auf rechtsextreme Kommunikation reflexhaft Gegenbehauptungen veröffentlicht.

Irgendwer gibt immer jede denkbare Monstrosität von sich

Das Problem daran ist, dass es solche Reaktionen - lachende Smileys zum Brand von Notre-Dame - tatsächlich gibt. Meine Stichproben zeigen auf den Facebook-Seiten mehrerer französischer Medien, dass bei nicht wenigen Beiträgen zwischen fünf und zehn Prozent, in einigen Fällen bis etwa zwanzig Prozent der Reaktionen auf Beiträge zum Brand von Notre-Dame mit dem lachenden Gesicht reagiert wird. Die (authentisch wirkenden) Absender dieser Reaktionen tragen bei den meisten von mir überprüften Beiträgen überwiegend arabische Namen oder solche, die in muslimisch geprägten Ländern üblich sind. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann etwa auf der Facebook-Seite von France 24 bei den Videos nachsehen.

"BuzzFeed" hat den Artikel inzwischen korrigiert, allerdings auf erbärmliche Weise. Denn jetzt wird zwar eine "Correction" transparent gemacht, aber man tut so, als hätte man bloß die Quelle nicht richtig eingeschätzt. Faktisch ist "BuzzFeed" einem Rechtschaffenheitsreflex erlegen, der fatale Wirkung entfalten kann. Ich halte es für ein großes Problem, wenn man implizit die richtige Verhaltensweise von Betroffenen erwartet, um Rassismus zu verurteilen. Umgekehrt ist eine rassistische Reaktion auch dann falsch, wenn sonst wie viele arabischnamige Accounts lachende Gesichter zu was auch immer ins Netz stellen.

Analyse

Oft habe ich über die Reaktionen von Menschen mit urdeutsch klingenden Namen in sozialen Meiden geschrieben und darüber, was man anhand dieser Reaktionen über solche Leute sagen kann. Wie menschenfeindlich, widerwärtig, abgründig etwa die Reaktionen waren auf Tröglitz oder auf den scheußlichen Erstickungsmord von 71 Flüchtlingen in Österreich. Ich habe mir die Social-Media-Reaktionen auf Gewalttaten angesehen, auf Naturkatastrophen, Massenmorde, kriegerische Konflikte, Terroranschläge, rassistische und antisemitische Grauenhaftigkeiten aller Art. Wenn man daraus etwas schlussfolgern kann, dann, dass es in jeder beliebigen Gruppierung einen Anteil von Leuten gibt, die bereit sind, beim für sie passenden Anlass in sozialen Medien wirklich jede Monstrosität von sich zu geben. Ich halte es für sehr kontraproduktiv, wenn man so tut, als gelte das nicht für Muslime oder Menschen mit entsprechend gelesenen Namen.

Muslimische Zivilgesellschaft drückt ihre Solidarität aus

Natürlich gibt es Muslime, die sich aus antichristlichem Ressentiment gefreut haben über den Brand in Notre-Dame. Diese Tatsache zu leugnen oder zu ignorieren, mag einigen Leuten ein gutes Gefühl machen, erscheint mir aber wie eine unerwachsene und weltfremde Reaktion.

Was man dann auch nicht zur Kenntnis nehmen kann, ist die große Zahl derjenigen, die sich mit Kommentaren zu Wort meldeten wie: Ich bin muslimischer Franzose, und ich teile eure Traurigkeit, euren Schmerz. Gegen diejenigen, die sich über den Brand offen amüsierten, stellte sich deutlich sichtbar in Frankreich eine muslimische Zivilgesellschaft, die ihre Solidarität ausdrückte.

Ob man eher das eine, eher das andere oder beides sieht, beweist in erster Linie, was man selbst in diesem Spiegel namens Internet sieht. Und wen.


Podcast-Frage:

Wie funktioniert die kollektive Verarbeitung von Katastrophen in sozialen Medien?


Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels war von einem amerikanischen Rechtsextremen die Rede. Die gemeinte Person ist zwar für eine US-Seite tätig, sie selbst ist aber Brite. Wir haben die Passage korrigiert.

insgesamt 145 Beiträge
spon-facebook-10000159648 17.04.2019
1. Alles nicht falsch,
aber diese (zutreffende) Sicht auf den Sachverhalt wird nichts mehr ändern. Es ist längst zu spät für eine entspannte Diskussion. Die Zuspitzung in beiden Lagern nimmt weiter an Fahrt auf. Fraglich ist auch, ob es klug war, [...]
aber diese (zutreffende) Sicht auf den Sachverhalt wird nichts mehr ändern. Es ist längst zu spät für eine entspannte Diskussion. Die Zuspitzung in beiden Lagern nimmt weiter an Fahrt auf. Fraglich ist auch, ob es klug war, dass die Ermittlungsbehörden in Paris sofort - bevor sie überhaupt die Lage in Augenschein nehmen konnten - eine Brandstiftung explizit ausgeschlossen haben und ihre Ermittlungen auf Fahrlässigkeit beschränkt haben. Das ist mit Sicherheit kontraproduktiv.
cremuel 17.04.2019
2.
Wie immer problematisiert Sascha Lobo die Mechanismen sozialer Medien nur so weit, wie er dabei den Blick in den Spiegel vermeiden kann. War er nicht kürzlich mindestens solidarisch mit Leuten, die Katatrophenszenarien aller Art [...]
Wie immer problematisiert Sascha Lobo die Mechanismen sozialer Medien nur so weit, wie er dabei den Blick in den Spiegel vermeiden kann. War er nicht kürzlich mindestens solidarisch mit Leuten, die Katatrophenszenarien aller Art verbreiteten? Es reichte da nicht, eine Meinung zu haben, man musste auch alle abweichenden Meinungen als unkundig, "alt" und gekauft verunglimpfen. Und wenn das WWW nun doch nicht im Orkus versinkt, wie von Lobo et al. prophezeit? Dann wird es eben nur scheinbar so sein, während in Wirklichkeit gerade "Upload-Filter" und Zensur die Seele aufessen. Wetten? Das heißt nicht, dass Lobo so schlimm ist wie Rechtsradikale. Warum er aber begreift, wie deren Auftreten im Netz funktioniert, ohne selber gründlichere Konsequenzen zu ziehen, verstehe ich nicht.
Cannonier 17.04.2019
3. Ich freue mich...
....dass keine Toten zu beklagen sind, dass die Substanz dieses einzigartigen Bauwerks erhalten blieb und dass Notre Dame wieder aufgebaut wird und in ein paar Jahren wieder ein Magnet für Bewunderer der Architektur und Aesthetik [...]
....dass keine Toten zu beklagen sind, dass die Substanz dieses einzigartigen Bauwerks erhalten blieb und dass Notre Dame wieder aufgebaut wird und in ein paar Jahren wieder ein Magnet für Bewunderer der Architektur und Aesthetik sein wird. Dass jetzt jeder Troll, egal ob auf SPONs payroll oder im dunklen, schmierigen Extremistenkämmerlein wahlweise mit Svastika oder ISIS Logo versucht, dieses Ereignis für die persönliche Agenda zu missbrauchen widert mich an. Die Welt wäre besser ohne Euch.
hausfeen 17.04.2019
4. Also doch am Ende politisiert. Schade.
Einzig der Hinweis auf die unmenschlichen Bedingungen und die extreme Ausbeutung der Menschen damals, die dieses Meisterwerk erst möglich machten, ist berechtigt. Muslimische Reaktioonen der Schadenfreude sind bekannt? In [...]
Einzig der Hinweis auf die unmenschlichen Bedingungen und die extreme Ausbeutung der Menschen damals, die dieses Meisterwerk erst möglich machten, ist berechtigt. Muslimische Reaktioonen der Schadenfreude sind bekannt? In einerm ernsthaften Ausmaß? Wo dokumentiert?
pizzerino 17.04.2019
5. ein Brand ist ein Brand und kein Flugzeug
Brände gibts täglich, auch Kirchen werden nicht verschont. Ich wär echt nicht draufgekommen dass hier sofort wieder irgendwelche Leute irgendwelche weltanschauliche Theorien posaunen. Man muss allerdings nicht mitposaunen.
Brände gibts täglich, auch Kirchen werden nicht verschont. Ich wär echt nicht draufgekommen dass hier sofort wieder irgendwelche Leute irgendwelche weltanschauliche Theorien posaunen. Man muss allerdings nicht mitposaunen.
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