Schrift:
Ansicht Home:
Netzwelt

Superspammer vor Gericht

Zehn Milliarden Spam-Mails am Tag

Lance Thomas A. ist im weitesten Sinne des Wortes ein Web-Werbeexperte- allerdings einer, der seinen potentiellen Kunden vor allem auf die Nerven geht. Als Kontrolleur eines Botnetzes aus 35.000 gekaperten Rechnern versandte er Milliarden von Spam-Mails. Jetzt steht er in Australien vor Gericht.

Mittwoch, 16.12.2009   12:32 Uhr

Das Geschäft ist gelaufen für Lance Thomas A., 26 Jahre jung, geboren im australischen Queensland. Zurzeit steht er in Brisbane vor Gericht, was für ihn allerdings keine neue Situation ist: In den letzten Monaten kassierte er schon Strafen in den USA (16 Millionen Dollar Geldstrafe) und Neuseeland (100.000 Neuseeland-Dollar, knapp 50.000 Euro). Jetzt wird ihm Zuhause der Prozess gemacht, und wieder dürfte dabei eine Geldstrafe herauskommen. Die Staatsanwaltschaft forderte rund 130.000 Euro Buße (210.000 australische Dollar), das Urteil wird nächsten Dienstag verkündet.

Bis dahin wird wohl noch ausgiebig über das Strafmaß diskutiert werden. Man kann darüber streiten, ob ein Spammer wie A. nicht mehr verdient hätte als Geldstrafen, die er mit höchster Wahrscheinlichkeit nie wird bezahlen können. Der Australier soll hinter der bisher größten Spamming-Organisation gestanden haben, die die Behörden je hochgehen ließen: Zusammen mit einer Amerikanerin kontrollierte er nicht nur ein internationales Netz von Spammern, sondern auch ein Botnetz aus 35.000 mit illegalen Methoden gekaperten Rechnern, über die er bis zu zehn Milliarden Spam-Mails am Tag verschicken konnte, ohne auch nur einen Cent dafür ausgeben zu müssen. Die Produkte und Dienstleistungen, für die er warb: Medikamente aus dubiosen Quellen, Penisverlängerungen, gefälschtes Viagra.

Über 90 Prozent des weltweiten Mail-Aufkommens bestehen seit Jahren aus diesem Müll. Und der belastet nicht nur die Internet-Infrastrukturen und -Dienstleister, die gezwungen sind immer kräftigere Anti-Spam-Systeme zu installieren. Er verursacht mit einiger Wahrscheinlichkeit auch finanzielle und sogar echte, körperliche Schäden.

So warnt der Deutsche Apothekerverband vor der Gefahr erheblicher Gesundheitsschäden durch gefälschte Medikamente. Die sind bisher anekdotisch: Es gibt bisher keine Erhebung darüber, was per Spam in Umlauf gebrachte Medikamente an Schäden verursacht haben. Dass hier sogar Todesfälle denkbar und wahrscheinlich sind, liegt aber auf der Hand: Dazu müssen die Pillen noch nicht einmal falsche Zutaten enthalten, sondern nur falsch dosiert oder eingenommen werden.

Der Versand der gefährlichen Mittelchen soll von Indian aus erfolgt sein, während die Kreditkartenabrechnungen in Zypern und Georgien durchgeführt wurden. Allein innerhalb der letzten sechs Monate soll es drei Millionen Beschwerden gegen die Firma von A. gegeben haben, die nach Angaben der Anti-Spam-Gruppe SpamHaus zeitweise für bis zu ein Drittel des weltweiten Spam-Aufkommens verantwortlich war. Bezeichnend ist allerdings, dass sich sie Spammer-Tätigkeit offenbar trotz der Prozesse gegen A. nicht verringert hat. Die Maschinerie läuft weiter, auch ohne ihn.

pat

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP