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Panorama

Streit über Lärm auf der Weide

Gegen Kuhglocken durch alle Instanzen

Ein Ehepaar in Oberbayern führt akribisch Buch: wie lange wie viele Kühe bimmelnd auf der Weide der Nachbarin stehen. Mit den Ergebnissen beschäftigen sie die Gerichte immer wieder.

DPA

Palim palim, macht die Kuh

Von , München
Donnerstag, 24.01.2019   17:10 Uhr

Regina Killer kann sich schon einmal in Rage reden. Seit Jahren wird die Bäuerin aus dem oberbayerischen Holzkirchen von einem benachbarten Ehepaar, das sich an den Glocken ihrer Kühe stört, vor Gericht gezerrt. "Ich hoffe, dass das irgendwann ein Ende hat und Ruhe einkehrt", sagt sie.

Immerhin, diesen Donnerstag gab das Gericht ihr recht: Ihre Nachbarn müssen das Läuten der Kuhglocken erdulden. Doch das heißt nicht, dass der Fall damit erledigt ist. Früher hatten Gerichte auch schon so geurteilt.

Zunächst hatte der Ehemann der Nachbarn geklagt, und 2015 einem Vergleich vor dem Amtsgericht Miesbach zugestimmt, der den Glockenlärm reduzieren sollte. Der Kompromiss hatte aus Sicht des zugezogenen Klägers jedoch nicht die gewünschte Wirkung, weshalb er 2017 vor das Landgericht München II ging - und verlor.

Killer hatte sich damals von den Prozessbesuchern als Vorkämpferin des Brauchtums feiern lassen. Ein Verzicht auf die Glocken kam für sie zu keinem Zeitpunkt in Frage. Es gehe nicht nur um sie und ihre Kuhglocken. "Wenn es so weitergeht, ist Bayern am Ende", sagte die Landwirtin unter Beifall.

Erst klagt der Mann, dann seine Frau

Gut möglich, dass die deftigen Worte das Landgericht damals beeindruckten. Am Ende begründeten die Richter im Dezember 2017 ihr Urteil zugunsten Killers schlicht damit, dass der Vergleich bindend sei, den die Streitparteien vor dem Miesbacher Gericht geschlossen hatten.

Dabei beließ es das Ehepaar indes nicht. Nach dem Ehemann, einem Unternehmer, dem das exklusive Anwesen gehört, klagte zuletzt seine Frau. An diesem Donnerstag hat das Landgericht nun erneut entscheiden müssen - und wieder urteilte es gegen die lärmgeplagten Nachbarn.

Der Ehefrau stehe kein Anspruch zu, begründete das Gericht die Abweisung der Klage. Sie sei nicht Eigentümerin des Grundstücks. Zwar war dieser formelle Aspekt für das Urteil entscheidend. Doch die Richter ließen auch keinen Zweifel daran, wie hoch sie die Bedeutung bayerischen Brauchtums im Vergleich zum Ruhebedürfnis der Nachbarn gewichten. Das Gericht äußerte "massive Bedenken" an den Argumenten der Klägerin, die von einer "Ortsunüblichkeit" der Weidenutzung sprach. Tatsächlich ist es im Voralpenland eher alles andere als eine Ausnahme, wenn auf einer grünen Wiese Kühe mit Glocken stehen und grasen.

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Zudem bezweifelte das Gericht, dass es tatsächlich "eine wesentliche Beeinträchtigung" gegeben habe. Es sei um fünf Kühe mit vier Glocken über sechs Wochen und acht Kühe mit sechs Glocken über viereinhalb Wochen gegangen, listete Richterin Christiane Karrasch auf. Die Klägerin hatte darüber akribisch Buch geführt.

Sie gab außerdem an: Die Glocken bimmelten auch nachts, sie bekomme kein Auge zu. Sie hatte nicht nur gegen Killer geklagt, die mit etwa drei Dutzend Kühen einen Familienbetrieb führt, sondern auch gegen die Gemeinde, die das etwa einen Hektar große Weidegrundstück verpachtet hat. Ein Dorn im Auge war der Frau außerdem, dass auf der Weide Gülle ausgebracht wurde.

"Das muss man akzeptieren, wenn man aufs Land zieht."

Killer zeigte sich "hochzufrieden mit dem Ausgang des Verfahrens". Es gehe ihr um den Erhalt der örtlichen Traditionen. "Das treibt mich an", sagt Killer. Auch müsse Schluss damit sein, "dass die Landwirtschaft so schlecht dargestellt wird". Schließlich sei es etwas ganz Normales, wenn es auf einem Hof auch einmal rieche oder vielleicht auch einmal Kuhglocken zu hören seien. "Das muss man akzeptieren, wenn man aufs Land zieht."

Das sieht nicht jeder so. Tatsächlich gab es in Südbayern in den vergangenen Jahren immer wieder Beschwerden über Kuhglocken; davon landeten diverse Fälle vor Gericht. So etwa in Bad Reichenhall. Dort endete eine Klage mit einem Vergleich, der das Tragen der Glocken deutlich einschränkte. 2015 gab es eine - für den ländlichen Raum - regelrechte Großdemo gegen ein gerichtlich verhängtes Glockenverbot. 150 Menschen zogen lautstark durch das bei Touristen beliebte Städtchen.

In Rottach-Egern beschäftigte sich 2017 der Gemeinderat mit einer Beschwerde über zu laute Kuhglocken. Immer wieder gibt es im Freistaat zudem Auseinandersetzungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen über krähende Hähne und zu laute Glocken - nicht nur bei Kühen, sondern auch bei Kirchen.

Killer hofft nach dem Etappensieg, dass sie nun bald weniger Zeit mit juristischen Streitereien verbringen müsse. "Ich habe als Bäuerin schon genug mit der Versorgung der Tiere im Hof zu tun."

Doch nach einem Ende der Glocken-Fehde sieht es derzeit nicht aus. Das Oberlandesgericht (OLG) München muss sich bald mit der Berufung des Ehemanns beschäftigen. Und für das aktuelle Urteil im Verfahren der Ehefrau kündigte der Anwalt Peter Hartherz am Nachmittag an, er wolle in Berufung gehen und gegebenenfalls bis zum Bundesgerichtshof ziehen.

Einstweilen hat der Vergleich Bestand: Demnach sollen Kühe mit Glocken nur im mindestens 20 Meter entfernten Teil der Weide grasen. Dem Unternehmer und seiner Frau reicht der Abstand nicht. Killer hofft dagegen, dass auch in Zukunft die Glocken ihrer Kühe bimmeln.

insgesamt 46 Beiträge
manni.baum 24.01.2019
1. Tierquälerei
wurden die Kühe gefragt ob sie das nostalgische Gebimmel mögen.
wurden die Kühe gefragt ob sie das nostalgische Gebimmel mögen.
cacoma 24.01.2019
2. unglaublich..
.. mit welchem Unsinn die Gerichte belästigt werden. Unternehmer & Frau wollen im Alpenvorland idyllisch wohnen, aber nicht den Preis dafür zahlen... Ich vermute mal sie wollen so erreichen, dass die Gemeinde das Weideland [...]
.. mit welchem Unsinn die Gerichte belästigt werden. Unternehmer & Frau wollen im Alpenvorland idyllisch wohnen, aber nicht den Preis dafür zahlen... Ich vermute mal sie wollen so erreichen, dass die Gemeinde das Weideland nicht mehr weiterverpachtet und ggf. als Bauland auschreibt und sie dann günstig drauf zugreifen können.
regelaltersrentner 24.01.2019
3.
Bei einem Urlaub in den Alpen habe ich eine Kuh gefragt, ob sie das Gebimmel mag, beklagt hat sie sich nicht.
Zitat von manni.baumwurden die Kühe gefragt ob sie das nostalgische Gebimmel mögen.
Bei einem Urlaub in den Alpen habe ich eine Kuh gefragt, ob sie das Gebimmel mag, beklagt hat sie sich nicht.
regelaltersrentner 24.01.2019
4. Wie schön könnte unsere Landschaft sein,
wenn es die verdammten Bauern mit ihren Kühen nicht gäbe.
wenn es die verdammten Bauern mit ihren Kühen nicht gäbe.
der IV. Weg 24.01.2019
5. Vorschlag:
machen Sie das. Was für uns Gebimmel ist, ist für die Kühe ein wichtiges Element der Herdenzugehörigkeit. Die Kühe erkennen den jeweiligen Glockenklang der anderen Kühe. Sagen jedenfalls die Schweizer und die [...]
Zitat von manni.baumwurden die Kühe gefragt ob sie das nostalgische Gebimmel mögen.
machen Sie das. Was für uns Gebimmel ist, ist für die Kühe ein wichtiges Element der Herdenzugehörigkeit. Die Kühe erkennen den jeweiligen Glockenklang der anderen Kühe. Sagen jedenfalls die Schweizer und die müssen es ja wissen. :)

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