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Panorama

Bekenntnis einer Gangsterbraut

"Wir sind alle käuflich"

Sportautos, Juwelen und Luxusurlaube: Für teure Geschenke werfen sich Models und Schauspielerinnen kolumbianischen Drogenbossen an den Hals. Erstmals erzählt eine von ihnen nun ihre schaurige Geschichte.

Donnerstag, 15.10.2009   14:57 Uhr

Bogota - "Ich glaube, bis zu einem gewissen Punkt sind wir alle käuflich", sagt Yovanna Guzman, ehemaliges Model und Schönheitskönigin. Acht Jahre lang war sie mit Wilber Varela liiert, einem der berüchtigsten Kokaindealer Kolumbiens und Chef des mächtigsten Drogenkartells im Norden des Landes.

Normalerweise wagen sich die Gangsterbräute nicht an die Öffentlichkeit - aus Angst, ihre Liebhaber an die Polizei zu verraten und selbst eines ihrer Opfer zu werden.

Für Guzman kein Problem mehr: Ihr Ex ist tot.

Guzman war erst 19 Jahre alt, als sie Varela kennenlernte. Er erzählte ihr, er sei Rinderzüchter, sie fragte nicht weiter nach. Erst als sie ihn auf einem Fahndungsfoto erkannte, wurde ihr klar, mit wem sie da zusammen war, erzählt sie CNN.

"Manchmal glaubt man, dieser ganze Luxus wie Designer-Kleidung, Schuhe und Handtaschen sind wichtig. Erst danach merkt man, wie leer man eigentlich innerlich ist", sagte Guzman. Varela umgarnte sie mit teuren Geschenken und sorgte dafür, dass sie bei dem zweitklassigen Schönheitswettbewerb "Chica Med" auftreten konnte - einer Art Partnerbörse für Gangster, die nach neuen Mädchen Ausschau halten. Einige der Drogenbosse kauften ihren Freundinnen auch gleich die Wettbewerbstitel.

"Ich habe mich selbst verkauft"

Urlaube, Luxus-Jeeps und natürlich Juwelen halten die Frauen bei der Stange. "Natürlich sorgt der Luxus dafür, dass du dich verliebst", sagt das Ex-Model CNN, "aber er blendet dich gleichzeitig, und du lässt dich mitreißen. Irgendwann fragst du dich aber: Wo ist die Liebe, wo sind meine Prinzipien geblieben?"

Ihr erstes Geschenk von Varela sei eine Rolex-Uhr gewesen, danach eine von Cartier. Es folgten Diamanten, Juwelen, Geländeautos und Luxusapartments. Sie habe sich selbst verkauft, gibt sie zu und hofft, ihre Erfahrungen werden anderen jungen Frauen eine Warnung sein, sich nicht vom leichten Geld verführen zu lassen. Über ihre Zeit an Varelas Seite will sie nun ein Buch schreiben.

"Er hatte zwei Gesichter. Bei denen, die er liebte, war er so lieb und weichherzig. Auf der anderen Seite waren die Morde für das Kartell. Er sagte immer, er sei der beste Freund und der schlimmste Feind", erzählt Guzman CNN.

Varela soll laut der kolumbianischen Regierung Tonnen von Kokain in die Vereinigten Staaten und nach Europa gebracht haben. Die Behörden setzten fünf Millionen Dollar (3,4 Millionen Euro) Kopfgeld auf ihn aus.

Als die kolumbianischen Drogenfahnder ihre Suche nach Varela verstärkten, sah Guzman ihn nicht mehr so oft. Und trotzdem schien er immer zu wissen, wo sie ist und mit wem sie spricht, erzählt sie. Eines Tages habe er einen seiner Männer geschickt, damit er ihr ins Bein schießt.

Beziehung als goldener Käfig

"Nach dem Attentat sah es zuerst so aus, als würde ich nie wieder richtig laufen können. Die Kugel hätte mich auch umbringen können." Den Grund, warum sie bestraft wurde, will sie erst in ihrem Buch preisgeben.

Ihr Freund sei extrem eifersüchtig gewesen, sagt Guzman. Die Beziehung wurde zum goldenen Käfig. "Was sein ist, ist sein und gehört niemand anderem. Niemand darf es anfassen, anschauen oder ihm in die Quere kommen." Sie durfte keine Foto-Aufnahmen mehr machen oder sich mit Männern treffen. Dabei habe Varela selbst einen ganzen Harem anderer Model-Freundinnen gehabt.

Varela wurde Anfang 2008 von einem seiner machthungrigen Gefolgsleute ermordet. "Als ich die Nachricht hörte, wusste ich zuerst nicht, ob ich traurig oder glücklich sein soll", sagt Guzman CNN. Mit seinem Tod sei ein Alptraum zu Ende gegangen, in den sie sehenden Auges hineingeraten sei. "Es fühlte sich so an, als wäre mein goldener Käfig aufgegangen. Ich konnte wieder fliegen."

Drogenbosse auf der Suche nach Frischfleisch

Doch nicht nur Models und Schauspielerinnen sind von dem glamourösen Leben der Drogenbosse fasziniert. Die hohen Einschaltquoten einer Seifenoper im kolumbianischen Fernsehen sprechen eine deutliche Sprache. "Das Kartell" erzählt die Geschichte des Varela-Clans. Eine Folge mit dem Titel "Mafia Dolls" beschreibt Frauen wir Guzman.

Eine der Darstellerinnen habe nach ihrem TV-Auftritt zahlreiche Angebote von echten Drogendealern bekommen. "Die Narcos schauen viel fern, immer auf dem Suche nach frischem Fleisch", sagte sie. "Alles, worauf sie achten, ist die Größe deiner Brüste. Sie schicken dich dann erst mal zu ihrem Chirurgen, damit er dir Silikonimplantate verpasst. Aber sie entscheiden, wie groß die sind, nicht du selbst."

Einen der Anrufe habe sie von einem Agenten bekommen, berichtet CNN. "Er sagte mir, ein Typ aus Medellín würde 7500 Dollar zahlen, damit ich einen Abend mit ihm verbringe." Sie habe das Angebot abgelehnt.

Einige Tage später stand ein brandneuer BMW X5 Jeep mit einer Schleife vor ihrer Haustür. Auch dieses Geschenk habe sie zurückgegeben. Wie sie allerdings die Adresse des Drogenbosses herausfand, erklärte sie nicht.

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