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Panorama

Politikerchor als Videomontage

Wenn sie singen, dürfen wir träumen

Stellen Sie sich vor: Donald Trump, Wladimir Putin und Kim Jong Un singen gemeinsam "Imagine" von John Lennon. Klingt lachhaft. Aber wäre das nicht ein Witz, der die Welt verändert?

Foto: YouTube/Canny
Von
Donnerstag, 11.04.2019   19:31 Uhr

Wollen wir gemeinsam ein bisschen naiv sein? Sagen wir, für die Länge dieses Textes, des Videos, von dem er handelt und für so viele Vorstellungen von einer besseren Menschheit, wie Sie schaffen, bis die Realität Sie einholt.

Fangen wir an.

Sie kennen doch "Imagine", John Lennons wunderbaren Serviervorschlag für eine lebenswertere Welt. Im Netz geht ein Video herum. Es zeigt Donald Trump, Wladimir Putin, Theresa May, Kim Jong Un und ein paar andere Machtgestalten. Und sie singen gemeinsam "Imagine".

Imagine there's no countries
It isn't hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too

Imagine all the people
Living life in peace

Bei "…And no religion, too" zeigt der Film Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und Hassan Rohani, den Präsidenten Irans. Wenn zwei so miteinander singen, fällt es leicht, sich vorzustellen, dass sie es mit ihren Worten ernst meinen. Das kennen wir aus Pop-Duetten, in denen Stars, die sich in Wirklichkeit kaum kennen, einander ewige Liebe schwören.

Video: Politikerchor als Videomontage - wenn Trump und Putin gemeinsam singen

Foto: YouTube/Canny

Manchen mag das an Werbespots von Supermarktketten oder Mobiltelefonherstellern erinnern. Diese Reklamefilme, bei denen man widerwillig eine Gänsehaut und feuchte Augen bekommt und sich ein wenig benutzt fühlt. Und natürlich ist der Chor der "Imagine"-Politiker nicht echt. Es sind vom Computer manipulierte Bilder in einem Video, das Aufmerksamkeit für eine Firma namens Canny AI erzeugen soll. Auf der Website des Unternehmens findet sich derzeit kaum mehr als die Info, dass man die Art verändern wolle, wie Menschen Inhalte erschaffen.

Also zurück zu "Imagine".

Die Stellungnahmen der YouTube-Zuschauer unter dem Video sind erwartbar abgeklärt und kommentarspaltenkritisch, wie wir es aus dem Internet gewohnt sind:

"Was werden wir als Nächstes sehen? Trump, Putin oder Xi, wie er als Fake den dritten Weltkrieg anfängt?"

"Jetzt sorgt dafür, dass sie sich ausziehen und tanzen."

You, you may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you will join us
And the world will be as one

Erlauben wir uns also ein paar Momente der Naivität, der Träumerei. Erlauben wir uns, nicht so abgefeimte Realisten zu sein, die immer alle Haken und dräuenden Katastrophen mit- und vorausdenken und sowieso nicht nur alles wissen, sondern erstaunlicherweise alles besser wissen. Schauen wir uns doch einfach mal an, wie die Alphatiere unserer Gesellschaften da gemeinsam singen. Und stellen wir uns vor, es wäre echt, stellen wir uns vor, sie würden es ernst meinen. Dann wäre die Welt wirklich eine andere.

Imagine no possessions
I wonder if you can
No need for greed or hunger
A brotherhood of man

Imagine all the people
Sharing all the world

Trump träumt von Mauern. Kim Jong Un träumt von Atombomben, die er an jeden beliebigen Ort der Welt fliegen lassen kann. Das wissen wir, das kennen wir. Das lässt uns an der Welt verzweifeln.

Doch hört man Lennons Worte aus den Mündern, aus denen sonst so viele Drohungen und Dummheiten kommen, die Angst und Zwietracht säen, ist da plötzlich eine andere Welt. Eine, in der Ländergrenzen, Unterschiede von Hautfarbe, Religion und Reichtum Geschichte sind. Und vielleicht erlaubt man sich für einen Moment die Frage: Was steht dieser Welt eigentlich im Weg?

Wir kennen die Antworten. Sie fallen wie Granitblöcke auf jede Illusion einer weniger feindlichen, hass- und angsterfüllten, konkurrenz- und giergetriebenen, einer lebenswerteren Welt: Machtinteressen, wirtschaftliche Interessen, Wichtigtuerei und Rechthaberei von Religionen, Wirtschaftssystemen oder andere Überlegenheitsfantasien. Halten wir also fest: Die Gründe dafür, warum unsere Welt ist, wie sie ist, kann man berechtigterweise für Scheißgründe halten.

Trotzdem sind es die Gründe, aus denen die Politiker nicht singen werden.

You, you may say I'm a dreamer
But I'm not the only one
I hope someday you will join us
And the world will live as one

Stellen wir uns trotzdem vor, dass wir als eine Menschheit leben könnten, anstatt ständig daran zu arbeiten, die Welt immer neu zu zerreißen. Tut ja niemandem weh. Und schöpfen wir aus dieser Idee vielleicht etwas Kraft, uns unsere Illusionen, unsere Hoffnungen, unsere Naivität nicht ersticken zu lassen.

Und dann machen wir was draus. Dann gehen wir demonstrieren, dann gehen wir wählen, dann gehen wir diskutieren, streiten, einander überzeugen oder eben nicht. Und dann vertragen wir uns. Dann tun wir, was wir können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dann ändern wir unsere Leben - und damit die vieler anderer. Manche brauchen dafür noch ein bisschen, andere haben schon damit angefangen.

So.

Wenn Sie wollen, ist unser gemeinsamer Moment der Naivität jetzt zu Ende. Schön, dass Sie geblieben sind.

insgesamt 5 Beiträge
LittleBoy 11.04.2019
1. ...
...einfach wunderbar zu lesen und positiv mitzuspinnen. Vielen Dank dafür.
...einfach wunderbar zu lesen und positiv mitzuspinnen. Vielen Dank dafür.
schwertas 11.04.2019
2. EU lebt vor wie Gemeinschaft von Staaten geht
Die meisten Menschen sehnen sich nach Harmonie, Sicherheit und Frieden. Aber sie wollen auch auf nichts verzichten, wenn es nicht sein muß. Teilen ist aber die Voraussetzung für Gemeinschaft. Daher ist es zweifelhaft, ob die [...]
Die meisten Menschen sehnen sich nach Harmonie, Sicherheit und Frieden. Aber sie wollen auch auf nichts verzichten, wenn es nicht sein muß. Teilen ist aber die Voraussetzung für Gemeinschaft. Daher ist es zweifelhaft, ob die Menschen selbst für eine Vision der EINEN Menschheitsgemeinschaft zu haben sind. Außerdem ist das Leben in einer riesigen und einzigen Gruppe der planetaren Menschheit ist für viele zu abstrakt. Das würde bedeuten - eine Kultur - ein Gesetz - eine Wirtschaft für alle gleich. Das würde nur klappen, wenn alle Kulturen in einer riesigen Vereinigungsmenge zu einer Gesamtkultur wachsen würden. Und im ewigen Klein-Klein die Gesetze harmonisieren würden. Wie das läuft sieht man gut in der Entwicklung der EU, die das schon für Jahrzehnte für eine Handvoll Länder versucht. Aber gleichzeitig beweist sie auch, dass es geht, wenn man nur will. Wenn die EU weltweit Mitglieder gewinnen würde, kann das was werden! Dann müsste sie sich aber erst mal umbenennen vielleicht in die WeltUnion?
Rosenblüte1 11.04.2019
3. Idealismus vs. Zynismus
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ein paar Anmerkungen hätte ich jedoch: Sie bezeichnen den Idealismus, der bei dem Video hindurchscheint, als naiv. Ich glaube jedoch nicht, dass das das passende Wort dafür ist. Man kann [...]
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ein paar Anmerkungen hätte ich jedoch: Sie bezeichnen den Idealismus, der bei dem Video hindurchscheint, als naiv. Ich glaube jedoch nicht, dass das das passende Wort dafür ist. Man kann das Wort „Realität“ auch ganz anders auffassen, als es die Zyniker tun, die sich selbst ja so gerne als Realisten bezeichnen. Dann werden Ideale einfach zu einem Teil der Realität: als Ideen, wie die Welt sein sollte -- die, wenn wir unser Handeln an ihnen ausrichten, durchaus die Macht haben, die Welt zu verändern. Nationalismus liegt auch im Bereich der Ideen, und er hat in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Welt sehr zum Schlechteren verändert. Da soll mal einer sagen, Ideen hätten keine Macht! Der Begriff „Realität“ beschreibt durchaus, wie die Welt ist, und da gehören Macht und ihr Missbrauch leider dazu. Zyniker ignorieren aber, dass Ideen von einer besseren Welt durchaus ihre eigene Macht haben, gerade auch in dieser besch...eiden organisierten Welt. Naivität, Illusionen und die vermeintliche harte Realität – Ihre Wortwahl legt nahe, dass Sie den Zynikern vielleicht doch ein kleines bisschen zu sehr auf den Leim gegangen sind. Wenn Sie mehr über diese Sicht auf die Realität lesen wollen, empfehle ich Ihnen das Buch „Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten“ von Susan Neiman.
Watschn 11.04.2019
4. Und der Goodie-Counterpart-Chorus... 'We are the World'
Mit ....Barack Obama, Hillary Clinton, Angela Merkel, Greta Thunberg, John Podesta, Debbie Wasserman, Madonna, Bernie Sanders, Oprah Winfrey, Donna Brazile, Markus Lanz, Nancy Pelosi, Martin Schulz, Emanuel Magkron, Andrea Nahles, [...]
Mit ....Barack Obama, Hillary Clinton, Angela Merkel, Greta Thunberg, John Podesta, Debbie Wasserman, Madonna, Bernie Sanders, Oprah Winfrey, Donna Brazile, Markus Lanz, Nancy Pelosi, Martin Schulz, Emanuel Magkron, Andrea Nahles, Chuck Schumer, Elisabeth Warren, Kevin Kühnert, Rosie O'Donnell, Thomas De Maiziere, Elke Twesten, Beto O'Rourke, Olivia Newton Jones, Martin. VW. Winterkorn, Werner Baumann-Monsanto, Leni Breymaier, Sebastian Edathy, Udo Lindenberg, Sophia Thomalla, Jean-Claude Juncker, Vivienne Westwood, Til Schweiger, Siggi Gabriel u. Natascha Kohnen...
mayazi 12.04.2019
5. Gemeinsamer
Gemeinsamer Feind verbindet. Was wir brauchen, ist ein Erstkontakt zu einer außerirdischen Zivilisation ;-)
Gemeinsamer Feind verbindet. Was wir brauchen, ist ein Erstkontakt zu einer außerirdischen Zivilisation ;-)

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