Spektakel in Wiesbaden
Pfarrer feiert erotischen Gottesdienst
Wiesbaden - Es klang nach Tabubruch. Einen "erotischen Gottesdienst" wollte ein evangelischer Pfarrer am Sonntag in Wiesbaden mit 200 Gläubigen feiern. "Erotik und Lust sind keine vom Glauben abgetrennten Sperrgebiete", sagte Pfarrer Ralf Schmidt in der Erlöserkirche im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Gott, und nicht der Teufel, habe seine Liebe und seine Lust in die Menschen gepflanzt.
"Willkommen im Weinberg der Liebe" - mit diesen Worte eröffnete Schmidt den Gottesdienst. Er wolle alle Sinne berühren, um die Sinnlichkeit und Erotik des Lebens zu zeigen, sagte er. "Der erotische Gottesdienst will Gottes Zärtlichkeit preisen", sagte Schmidt.
Einige würden vielleicht enttäuscht, warnte Schmidt. Zuvor hatte der Pfarrer "deftige Worte" angekündigt, doch dann benutzte er in seiner Predigt doch keine Vulgärsprache. "Diese Ausdrücke waren schon die ganze Woche in den Zeitungen zu lesen, da musste ich sie nicht noch aussprechen", erklärte er. Deshalb habe er seine Predigt um eine Passage gekürzt.
"Alles klar mit Beten und Betterfahrung?"
In der Tat: Wirklich prickelnd wurde es selten. Zwar sagte Schmidt in seiner Predigt: "Es ist eine lustvolle Erwartung hier im Raum", sagte er. Die werde in Kirchen zu selten benannt, dafür im Alltag inflationär und vulgär. Erotik sei von Gott gewollt und geschenkt. Provokant fragte der Pfarrer seine Gemeinde: "Bei Ihnen alles klar mit Beten und Betterfahrung?"
Dann wurde vor allem - geredet. Schmidt sprach von Liebe als eingeübter Kunst, von Landeplätzen der Lust am Körper und davon, dass auch sein eigener Beruf von der Erotik profitieren könne. "Vielleicht sollten wir öfter mit unseren Lieben ins Bett gehen, damit unsere Wörter schärfer und lebendiger werden", sagt der Pfarrer.
Tatsächlich hört man ein Gedicht, in dem von heißer Haut und einem "schnellen, grellen Wolkenbruch" die Rede ist, normalerweise nicht in der Kirche. Und auf der Orgel wurde Elvis Presleys "Love Me Tender" gespielt. Der wiegende Tanz, bei dem sich alle an den Händen halten, sollte Nähe vermitteln. Insgesamt herrschte mehr Esoterik als Erotik.
"Die Gemeinde hat mich getragen"
Anschließend sagte Schmidt, er glaube nicht, jemanden vor den Kopf gestoßen zu haben. "Die Gemeinde hat mich auch bei schwierigen Themen getragen."
Der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Stephan Krebs, hatte zuvor gesagt, dass es nicht abwegig sei, einen Gottesdienst über Erotik zu halten. "Das Evangelium spricht auch Partnerschaft und Sexualität an. Der Pfarrer hat nun die Verantwortung, es auf angemessene Weise zu verkünden", erklärte Krebs.
Auch den älteren Besuchern lobten den Erotik-Gottesdienst. Die 70-jährige Helga Gropp sagte, es habe ihr gefallen. Allerdings hätte man die frisch konfirmierten wegen ihres Alters nicht vom Gottesdienst ausschließen sollen.
Am meisten aufgeregt von allen schien ohnehin der Pfarrer selbst: Immer wieder tupfte sich Schmidt mit einem Tuch die Schweißperlen von der Stirn. Am Ende zog er ein positives Fazit. "Es war trotz des Rummels in sich stimmig", sagte der Pfarrer.
fab/dpa/dapd

