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Panorama

"Gomorrha"

Mafia-Darsteller wegen Camorra-Connection hinter Gittern

Bizarre Publicity für den Oscar-Anwärter: Bereits drei Laiendarsteller aus der hochgelobten Bestseller-Verfilmung "Gomorrha" sind von der Polizei festgenommen worden - wegen typischer Mafia-Delikte. Jetzt droht der Film in Misskredit zu geraten.

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Dienstag, 13.01.2009   13:16 Uhr

Ein Bagger rollt langsam in den diesigen Sonnenuntergang über dem Golf von Neapel. In seiner hochgefahrenen Schaufel liegen die schlaksigen und blutverklebten Körper von Marco und Ciro, zwei Jungen, die nicht hören wollten. Die auf eigene Faust Drogen und Waffen klauten und damit die Bosse der Camorra verärgerten.

"Die sollen sich nicht so aufspielen - der Boss hier bin ich", sagt Clan-Chef Giovanni entnervt: "Ich kann sie nicht schonen, nur weil sie jung sind." Zu viel der Ehre, geht es nach Onkel Bernardino. "So ein Aufwand wegen zwei Rotznasen", murrt er, nachdem seine Leute die Jugendlichen hinterrücks erschossen haben und die Leichen beseitigt werden müssen.

Giovanni und Bernardino sind Protagonisten in dem umstrittenen, mit zwei Filmpreisen geehrten und für den Oscar nominierten Mafia-Streifen "Gomorrha" nach dem Buch von Roberto Saviano. Im wirklichen Leben sind sie - Mafiosi.

Vor wenigen Tagen wurde Giovanni Venosa festgenommen, weil er während der Feiertage Geschäftsleute bedroht und Schutzgeld von ihnen gefordert haben soll. Italienische Zeitungen berichteten, er habe einen Hafturlaub genutzt, um in der Region um Caserta nördlich von Neapel den sogenannten "pizzo" einzutreiben. Die Aussagen einiger "Pentiti", reuiger Mafiosi, hatten die Polizei auf seine Spur gebracht.

"Ich bin doch kein Idiot!"

Auf einem Polizei-Video ist zu sehen, wie Venosa pöbelnd und schreiend in Handschellen abgeführt wird. Als launisch und unberechenbar beschreibt Regisseur Matteo Garrone seinen eigenwilligen Protagonisten. "Wie der römische Imperator Caligula ist er ebenso kindisch wie brutal", sagte er dem "Wall Street Journal".

Backstage-Aufnahmen von den Dreharbeiten bestätigen diesen Eindruck: Wie ein Tiger im Käfig läuft Venosa wild gestikulierend und schimpfend übers Set. Die Boxershorts kleben an seinen Beinen, unterm weißen T-Shirt zeichnen sich stattliche Pastahüften ab. "Ich bin doch kein Idiot! Ich drehe gar nicht mehr", schreit er, als bekannt wird, dass nicht er die beiden Halbstarken im Film töten soll, sondern sein Freund und Filmkollege Bernardino Terracciano.

Er habe sich "so gefreut auf die Szene", sei extra nicht ausgegangen, um fit für den Dreh zu sein, empört sich Venosa auf dem Bonusmaterial der DVD, die am 19. März erscheint. Und dann habe man ihn noch nicht einmal angerufen. "Wenn die Leute dich in einer solchen Szene sehen und erkennen, werden sie komische Dinge denken", versucht "Zi Bernardino" seinen Kumpel zu beruhigen.

Regisseur Garrone steht stocksteif da und lauscht sichtlich angespannt der Auseinandersetzung unter den Mafiosi. "Wenn ich mich bereit halte, möchte ich nicht wie ein Krimineller behandelt werden", blafft ihn Venosa an. Garrone übt sich in Deeskalation: "Nimm es nicht persönlich. Du bist mir wichtig. Lass uns das Beste aus der Szene machen." Und siehe da - der "Kaiser von Rom" lässt sich beruhigen.

Die ehrenwerten Herren Schauspieler

Venosa war bereits vor zwei Monaten wegen Drogenhandels zu zwei Jahren gemeinnütziger Arbeit im norditalienischen Modena verurteilt worden. Wegen guter Führung war ihm über Weihnachten Hafturlaub gewährt worden. Der Mafia-Geldeintreiber stammt dem "Corriere della Sera" zufolge aus einer einschlägig bekannten Sippe: Sein Onkel Luigi Venosa wurde im sogenannten Spartakus-Prozess im Juni 2007 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Venosa ist nicht der einzige Laiendarsteller im Film, der inzwischen im Gefängnis sitzt. Auch Onkel Bernardino, bürgerlich Bernardino Terracciano, bekam Ärger mit der Polizei. Er soll Mitglied des Camorra-Clans der Casalesi sein. Im Oktober wurde er zusammen mit sieben anderen Mafiosi festgenommen.

Der Dritte im Bunde der allzu authentischen Laiendarsteller ist Salvatore Fabbricino. Neben seiner Schauspielertätigkeit soll er eine lukrative Parallelkarriere verfolgt haben - als Drogendealer. Nach monatelangen Ermittlungen konnten ihn die Carabinieri festnehmen. Der Ex-Mafioso Antonio Prestieri hatte gegen ihn ausgesagt. Auch Fabbricinos Familie ist fest im Camorra-Universum verwurzelt: Einer seiner Brüder soll von der ehrenwerten Gesellschaft umgebracht, ein anderer bereits zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden sein.

"Unterstützung von Leuten, die von diesem System leben"

"Es gibt mehr Drogen als Brot in Scampía", sagen die Bewohner des heruntergekommenen Vororts im Norden von Neapel. Als sich die Crew von "Gomorrha" im Sommer 2007 hier einmietete, war das Interesse riesig.

Für eineinhalb Monate lebten die Filmleute in einem der schäbigen Wohnblöcke in Segelform, "Vele" genannt. Der Kontakt zu den Bewohnern der Satellitensiedlung war dementsprechend eng, viele von ihnen arbeiteten als Komparsen. Dass sich auch Drogenhändler und Vorbestrafte am Set tummelten, war ein offenes Geheimnis.

"Ich bekam Unterstützung von den Leuten, die in und von diesem System leben", sagte Regisseur Garrone Matteo im Interview mit der "taz" - und war sich vermutlich im Klaren darüber, welch unangenehme Folgen eben dieses Phänomen der Verquickung von Fiktion und krimineller Realität haben kann.

Die an den Drehorten herrschenden Mafia-Clans ließen die Filmemacher offenbar gewähren: "Wenn die Camorra uns hätte loswerden wollen, wäre es ihr ein Leichtes gewesen", sagte der Regisseur im September dem Bayerischen Rundfunk. "So aber konnten wir von der Atmosphäre profitieren, unbedeutende Camorra-Mitglieder spielten sogar mit."

Mehrere Rollen waren der Produktionsfirma Fandango zufolge noch bis kurz vor Drehbeginn umbesetzt worden. Die beiden Casting-Beauftragten hätten "einige spannungsreiche Krisen durchlebt", hieß es. Die Produzenten betonten jedoch, man habe weder Schutzgelder an die Camorra gezahlt, noch sei es zu Drohungen oder Übergriffen gekommen. Die Crew habe bewusst auf polizeilichen Begleitschutz verzichtet, um die Kontakte vor Ort nicht unnötig zu komplizieren.

Eine möglichst authentische Darstellung, ein hohes Maß an Improvisation und die Besetzung mit Laiendarstellern - das waren die Mittel, mit denen Garrone in seinem Film die alltägliche Welt der Mafia zeigen wollte. Eines der Hauptwerke des italienischen Neorealismus, Roberto Rosselinis "Paisà" aus dem Jahr 1946, hatte den Regisseur inspiriert.

Das kriminelle Gebaren einiger Darsteller droht nun, den Streifen und seine Macher in Misskredit zu bringen. Ein "Fluch" liege auf dem Streifen, behauptete der "Corriere del Mezzogiorno". Italienische Blogger fürchten gar, der für den Oscar nominierte Streifen könne vom Wettbewerb ausgeschlossen werden.

Bei der Verleihung des Golden Globe unterlag "Gomorrha" bereits der Konkurrenz. In der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" wurde der animierte Dokumentarfilm "Waltz With Bashir" des israelischen Regisseurs Ari Folman ausgezeichnet.

Der Film als Image-Killer

Dass "Gomorrha" längst zum nationalen Aufreger geworden ist und immer wieder polarisiert, zeigt jetzt der Fall Fabio Cannavaro. Die Boulevard-Zeitschrift "Chi" hatte den Kapitän der italienischen Fußballnationalmannschaft zum Thema interviewt: "Für Italien hoffe ich, dass 'Gomorrha' den Oscar gewinnt", erklärt der Neapolitaner in der Ausgabe vom 7. Januar. "Aber ich glaube nicht, dass er dem Bild unseres Landes in der Welt gut tut. Wir haben schon so viele negative Etiketten."

Cannavaro sah sich mit einem Sturm der Entrüstung konfrontiert - und ruderte umgehend zurück: "Ich habe niemals gesagt, 'Gomorrha' könne das Ansehen Italiens im Ausland schädigen", empörte sich der Sportler nun in einer Stellungnahme auf seiner Website. Er habe den Streifen im Mai mit der gesamten Nationalmannschaft gesehen und es sei "ein wunderbarer Film", heißt es. Er habe lediglich jene in Schutz nehmen wollen, die nichts mit der Camorra zu tun haben und ihr Geld "auf ehrliche Weise" verdienen.

"Hart und kompromisslos, unverblümt und rührend"

Prominente Schützenhilfe erhält das Mafia-Werk aus den USA: Am 13. Februar soll "Gomorrha" in den US-Kinos anlaufen - mit dem Credit "Martin Scorsese presents" im Vorspann. Der Star-Regisseur und Produzent ("Good Fellas", "Gangs of New York") hat dem Streifen seine volle Unterstützung zugesagt: "Hart und kompromisslos", aber auch "auf seltsame Weise anrührend" sei die Darstellung der Unterwelt von Neapel: "Ich bewundere die Unverblümtheit des Films und die Hingabe, mit der Garrone und seine Darsteller einer furchtbaren Realität auf den Fersen sind", sagte der 66-Jährige.

Garrone bedankte sich gerührt bei seinem künstlerischen Vorbild: "Ich bin sehr stolz, dass der Film einen so berühmten Adoptivvater gefunden hat und ich werde diese Erinnerung für immer in Ehren halten." Beim Festival von Cannes erhielt "Gomorrha" bereits den Preis der Jury, beim Europäischen Filmpreis wurde er als bester Film ausgezeichnet. Das Buch zum Film wurde allein in Italien mehr als 1,2 Millionen Mal verkauft und in über 40 Sprachen übersetzt.

Doch der Ruhm hat gerade im Fall Gomorrha mehr hässliche als glänzende Seiten: Der Verfasser des Buches und Drehbuch-Autor Roberto Saviano muss wegen seiner Enthüllungen um sein Leben fürchten und steht seit mehr als zwei Jahren unter strengem Polizeischutz.

Bei allen neuen und lukrativen Geschäftsfeldern, die sich der Mafia derzeit weltweit auftun - die Unerbittlichkeit gegenüber Feinden der Familie bleibt Tradition. Alle drei Tage stirbt ein Mensch durch die Hand der Camorra, 4000 sollen es in den vergangenen 30 Jahren gewesen sein. Garrone hat in die ganz alltäglichen Abgründe der Malavita geschaut: "Ich habe den Eindruck, an der Front gewesen zu sein, an einem Kriegsort, wo ich Soldaten und ihre Gefährtinnen und Kinder getroffen habe."

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