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Panorama

1876 geraubter Leichnam

Münchner Museum gibt Überreste eines australischen Ureinwohners zurück

Die sterblichen Überreste eines Indigenen aus Australien lagerten rund 130 Jahre in einem Museum in München. Nun sind sie den Nachfahren zurückgegeben worden - in einer feierlichen Räucherzeremonie.

Christof Stache/ AFP

Übergabezeremonie in München

Dienstag, 09.04.2019   17:43 Uhr

Es sei ein Moment der Trauer, aber auch des Glücks, sagte der Älteste der Gemeinschaft, Gudju Gudju Fourmile, bei der Restitution im heutigen Museum Fünf Kontinente in München: Nach rund 130 Jahren in einem Münchner Museum sind die sterblichen Überreste eines australischen Ureinwohners an seine Nachfahrengemeinschaft zurückgegeben worden.

Forscher hatten die Leiche des Oberhaupts, genannt Yidinji Ancestral King, laut dem bayerischen Kunstministerium 1876 bei einer Bestattungszeremonie im Gebiet des heutigen Queenslands gestohlen. Möglicherweise wollten sie mit dem Verkauf die Expedition finanzieren. Auch der Leichnam der Ehefrau sei damals gestohlen, bis heute aber nicht entdeckt worden.

Wissenschaftsminister: Koloniale Verletzungen heilen

Seit 1889 lagerte der mumifizierte Leichnam in dem Museum. Er sei mit anderen Exponaten als exotische vermeintliche Kuriosität ausgestellt worden. Nach 1922 finden sich keine Nachweise mehr für eine öffentliche Präsentation, die Gebeine verschwanden in den Beständen.

Eine Delegation nahm die Überreste nun bei einer feierlichen Zeremonie entgegen, wie das bayerische Wissenschaftsministerium mitteilte. Die Rückkehr des hoch angesehenen Ahnen sei ein "sehr wichtiges Ereignis", sagte Gudju Gudju bei der Veranstaltung, an der auch die australische Botschafterin Lynette Wood teilnahm.

Die Übergabe wurde mit dem Verbrennen von Kräutern und Zwischenrufen begangen. Über die Truhe mit den Überresten wurden mehrere Decken gelegt, erst eine weiße Decke mit Pflanzensymbolen, danach die Fahne der Ureinwohner - rot und schwarz mit einem gelben Kreis in der Mitte.

Matthias Balk/dpa

Räucherzeremonie bei der Rückgabe

Bayerns Kunst- und Wissenschaftsminister Bernd Sibler sprach von einem "Tag der Gerechtigkeit", an dem koloniale Verletzungen geheilt werden könnten. Auch in Deutschland müsse die Kolonialzeit aufgearbeitet werden. Zugleich äußerte der CSU-Politiker die Hoffnung, dass die Rückkehr und die Erforschung des Toten zum "gegenseitigen Verständnis und zur Aussöhnung der Kulturen beitragen" könnten.

Dutzende weitere Leichname sollen übergeben werden

In den kommenden Tagen sollen in Stuttgart und Berlin weitere 52 sterbliche Überreste von indigenen Australiern übergeben werden, die einst von Museen und Universitäten für Kolonialsammlungen beschafft wurden. Nach Angaben der australischen Regierung handelt es sich dabei um die bislang größte Restitutionsaktion für in Deutschland lagernde Gebeine von australischen Ureinwohnern.

Rückführungsbemühungen zwischen Australien und Deutschland laufen seit Jahren. Zuvor waren bereits historische Gebeine von 51 Menschen an ihre jeweiligen Gemeinschaften zurückgegeben worden, um sie würdig nach Australien zurückzubringen. Unter anderem übergab das Berliner Universitätskrankenhaus Charité 2013 Skelettteile von 33 Menschen.

Die Restitution der Toten sei für Australien unglaublich wichtig, sagte Botschafterin Wood. Zugleich sei es eine sehr komplexe Aufgabe, weil die Herkunft der Gebeine aufwendig rekonstruiert werden müsse, um deren Herkunftsgemeinschaften zu identifizieren. Bei den Gebeinen aus München sei es gelungen. Was mit den zurückgeführten Toten in der Heimat geschehe, entscheide deren Gemeinschaft.

Die australischen Ureinwohner leben bereits seit 50.000 Jahren auf dem Kontinent, wurden aber nach der Ankunft weißer Siedler vor etwa 200 Jahren aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben. Widerstand wurde gewaltsam gebrochen, Zehntausende Männer, Frauen und Kinder getötet.

Nach Angaben von Gudju Gudju befindet sich seine Gemeinschaft seit etwa 20 Jahren weltweit auf der Suche nach den Gebeinen von Ahnen, die westliche Abenteurer und Forscher einst an sich brachten. Rund 20 Vorfahren hätten dabei bislang ausfindig gemacht werden können.

apr/AFP/dpa

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