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Panorama

Leben mit Silikonpuppen

"Wenn ich nach Hause komme, weiß ich, sie sind da - und sind nicht fremdgegangen"

Sind Gummipuppen die besseren Menschen? Der Ersatz für einen Partner? Wer kauft so etwas? Monika Hanfland fotografierte Männer, die mit Puppen leben.

Monika Hanfland
Von
Mittwoch, 15.05.2019   15:33 Uhr

Michael hat nicht nur eine, nein, er hat gleich sechs Frauen: Michelle, Bianca, Mandy, Samantha, Silvia und Julia. Sie sehen zwar alle sehr realistisch aus, doch sie sind Puppen.

Für ihre Bachelorarbeit im Fach Fotografie hat Monika Hanfland Firmen besucht, die diese Silikonfrauen aufwendig herstellen; sie hat Puppenbesitzer in ihrem Zuhause getroffen und hat in einem Bordell fotografiert, in dem Kunden Sex mit Puppen haben können.

Mehrere Tausend Euro kosten solche Puppen pro Stück, je nach Modell und speziellen Wünschen. Sie bestehen aus Silikon oder ähnlichem Material, ihr bewegliches Skelett aus Metall. Von den Firmen wird die Gestalt exakt an die Bedürfnisse und den Geschmack der Kunden angepasst: von der Hautfarbe über die Geschlechtsteile, Länge und Tönung der Haare bis hin zur Größe der Brüste.

Am schwierigsten war es für Hanfland, Eigentümer der Puppen zu finden. Über ein Forum stellte sie viele Anfragen, bekam nur wenige Antworten. Viele hatten Angst, erkannt und sozial verurteilt zu werden. Schließlich fand sie aber doch ihre Protagonisten - wenn sie auch keine weibliche Besitzerin überzeugen konnte. Den Männern, die zustimmten, sei es wichtig, über das Thema zu sprechen, sagt sie. Sie wollten mit dem, was sie tun, akzeptiert werden.

Fotostrecke

Fotoserie über Puppen: Liebe aus Silikon

Viele Besitzer sind mit Vorurteilen konfrontiert. Laut Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, gibt es bislang keine seriösen Studien, die zeigen, dass die Nutzung von Puppen oder der Besitz von Puppen eine Gefahr darstellt. "Wir könnten mutmaßen, dass sich der Nutzen schädlich auswirkt", sagt er. "Wir könnten aber auch die Hypothese haben, dass Menschen damit Erfahrungen machen, die ihnen helfen."

Warum kaufen manche Menschen sich eine Puppe oder besuchen sie in einem Bordell? Die Gründe sind vielfältig. Manche sind neugierig, andere suchen nach Nähe, wollen sich gebraucht fühlen, wollen Fantasien ausleben.

Puppenbesitzer Michael sagte zu Hanfland: "Wenn ich nach Hause komme, weiß ich, sie sind da, warten auf mich und sind nicht fremdgegangen." Stephan nimmt seine Babsi mit ins Bett, damit er nicht so allein ist. Nicht alle hätten Sex mit den Silikonfrauen, manche würden sie gerne fotografieren, sich beim Fernsehen neben sie setzen oder mit ihnen kuscheln. "Sie wissen schon, dass es Puppen sind", sagt die Fotografin. Auch wenn sie ihnen Namen geben.

Können solche Puppen einen Partner ersetzen? "Selbstverständlich nicht", sagt Wissenschaftler Briken. "Aber nicht jeder Mensch möchte einen realen Partner oder eine Partnerin, und nicht jeder Mensch bekommt diejenige, die er sich wünscht."

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