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Panorama

Streit über Bordell neben Moschee

Prüde in Pinneberg

Hier die Gebete, dort der Sex: Im norddeutschen Pinneberg wehrt sich eine Moscheegemeinde gegen ein Bordell auf der anderen Straßenseite - und bekommt viel Zuspruch. Helfen wird das aber wohl nicht.

SPIEGEL ONLINE
Von , Pinneberg
Mittwoch, 10.08.2016   17:09 Uhr

Im Eingang des gelb getünchten Reihenhäuschens steht ein weißhaariger Mann und starrt auf die Straße. "Bis vor ein paar Tagen", sagt er, "wussten wir nicht einmal, was in dem Haus ist." Während hinter ihm im Flur seine Frau heftig nickt, fügt er hinzu: "Das ist uns doch auch egal, was die da machen - bislang hatten wir jedenfalls immer unsere Ruhe."

Mit dieser Ruhe ist es in Pinneberg vorerst vorbei - und zwar wegen zwei gelben Häusern in der Friedenstraße: auf der einen Straßenseite die Ditib-Moschee Yeni Camii, schräg gegenüber das derzeit wohl umstrittenste Bordell in Schleswig-Holstein.

Seit zwei Monaten treffen sich dort tagtäglich Prostituierte und Freier, mitten in einem Wohngebiet, wenige Fußminuten von einer Schule und zwei Kindergärten entfernt. Das will die Moscheegemeinde nicht mehr hinnehmen: "So etwas kann ich mir auch vor einer christlichen Kirche nicht vorstellen, sagte Gemeindevorstand Seref Ciftci dem "Hamburger Abendblatt". Und er verwies auf die vielen Kinder, die seine Gemeinde regelmäßig betreue, einmal sei auch eine nackte Frau am Fenster des Bordells gesehen worden. Eine Unterschriftenliste soll nun helfen, das Freudenhaus aus der Friedenstraße zu vertreiben.

Der Konflikt ist eine schlüpfrige Lokalposse, einerseits. Andererseits speist er sich aus großen Fragen: Ist Sexarbeit ein auf allen Ebenen gleichberechtigter Beruf? Sollten Heranwachsende von Prostitution abgeschirmt werden? Dürfen Glaubensgemeinschaften für ihre Gotteshäuser besonderen Schutz einfordern? Es geht um Religionsfreiheit, Jugendschutz - und die Frage: Wie liberal wollen wir sein?

In Pinneberg diskutiert die ganze Stadt. Zwar sollen in dem 42.000-Einwohner-Ort rund 40 Sexarbeiterinnen an zehn verschiedenen Orten arbeiten, bislang aber eben nicht gegenüber einem Gotteshaus. Inzwischen streitet die Nachbarschaft so hitzig, dass kaum noch jemand darüber sprechen oder gar Journalisten seinen Namen nennen möchte.

Die Auslöser der ganzen Debatte geben sich bislang bedeckt. Das Bordell ist an diesem Vormittag ebenso verwaist wie die gegenüberliegende Moschee. Gemeindevorstand Ciftci will sich jedenfalls nicht mehr zu dem Thema äußern, wie er am Telefon sagt, "ich habe inzwischen Kopfschmerzen davon". Und auch die Prostituierten, die sich auf dem Klingelschild Namen wie "Taube" oder "Elly" geben, sind nicht zu sehen. Anwohner berichten jedoch, den Frauen immer wieder zu begegnen.

"Das ist ein Wohngebiet und nicht St. Pauli!"

"Hier läuft seit zwei Monaten ein ziemlich komisches Volk herum", sagt etwa ein junger Familienvater mit Dreitagebart. Jeden Morgen würden muskelbepackte Männer die Sexarbeiterinnen in einer Mercedes A-Klasse zum Bordell kutschieren, seitdem dürften seine Kinder nur noch auf der anderen Straßenseite zur nahe gelegenen Schule gehen. "Meine Frau ist neulich mit dem Hund Gassi gegangen", sagt er, "und wurde für 'Elly' gehalten." Das Bordell sei ein gravierendes Problem fürs ganze Viertel, "so etwas gehört ins Industriegebiet."

Am anderen Ende der Straße, wenige Fußminuten von der Hans-Claussen-Schule und zwei Kitas entfernt, ist man da deutlich gelassener. Helga Grüne-Ostmeier, eine schlanke Frau mit schwarzen Haaren, kann sich über das Bordell nicht echauffieren. Sie ist Vorstand der Kita Waldstraße, die hier ihren Verwaltungssitz hat, und weiß bislang nichts von Problemen mit den Prostituierten: "Von dem Bordell habe ich noch gar nichts wahrgenommen", sagt sie.

Das sehen allerdings einige Anwohner anders - zum Beispiel eine Dame mit rotem Cardigan und weißen Haaren, die gerade zu ihrem Haus in der Friedenstraße heimkehrt. Das Bordell bringe sie in Rage, sagt sie wild gestikulierend: "Hier leben auch Kinder und Familien, was soll das hier? Das ist ein Wohngebiet und nicht St. Pauli!"

Der Pastor rügt die "unzumutbare Provokation"

Inzwischen liegt der Fall auch auf dem Schreibtisch der Bürgermeisterin. Urte Steinberg möchte den Konflikt lösen, wie sie sagt: Am kommenden Dienstag treffe sie Vertreter der Moschee und spreche wenig später mit dem Eigentümer des Bordells. In den Gesprächen wolle sie "die Sachlage erörtern", "zuhören", "Emotionen rausnehmen".

Viel mehr ist vorerst wohl auch nicht drin. Bau- und ordnungsrechtlich sei das Bordell nicht zu beanstanden, sagt Steinberg, auch gebe es keine Hinweise etwa auf Menschenhandel. Das von der Bundesregierung geplante Prostitutionsschutzgesetz erlaube es zwar, einen dann anmeldepflichtigen Bordellbetrieb zu untersagen - doch das Gesetz tritt frühestens 2017 in Kraft.

So lange will die Moscheegemeinde jedoch nicht warten, und sie erhält Unterstützung von anderen Glaubensgemeinschaften. Das Bordell, sagt etwa Pinnebergs evangelischer Pastor Karl-Uwe Reichenbächer, "ist eine unzumutbare Provokation". Prostitution gehöre nicht verboten - aber ganz gewiss auch nicht in ein Wohngebiet mit Gotteshaus und Familien.

"Es gibt zu viele Menschen, die sich dadurch persönlich extrem verletzt fühlen in ihrem Bedürfnis, den Glauben auf ihre Art zu leben", sagt Reichenbächer. Aber könnte der Bordellbetreiber nicht genau so argumentieren, dass Freier und Prostituierte ihren Bedürfnissen beziehungsweise ihren Berufen frei nachgehen können sollten? Reichenbächer sagt: "Es gibt andere, diskrete Möglichkeiten, um auszuweichen."

Mitarbeit: Benjamin Braden, Anne Martin

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