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Panorama

Mutter von zum Tode verurteilter Iranerin

"Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig"

Reyhaneh Jabbari erstach den Mann, der sie vergewaltigen wollte - und wurde zum Tode verurteilt. Ihre Mutter Shole Pakravan erhebt schwere Vorwürfe gegen die iranische Justiz - ihre Tochter sei sofort als schuldig abgestempelt worden.

AFP

Reyhaneh Jabbari vor Gericht (Foto von 2008): Höchst umstrittenes Verfahren

Ein Interview von
Samstag, 11.10.2014   14:02 Uhr

Shole Pakravan, 51, kämpft seit Jahren um das Leben ihrer Tochter Reyhaneh Jabbari. Die heute 26-Jährige sitzt seit rund sieben Jahren in einem iranischen Gefängnis. Sie soll Morteza Abdolali Sarbandi, 47, mit einem Messer tödlich verletzt haben.

Mord, sagt die iranische Justiz - und verurteilte Jabbari 2009 zum Tode durch Erhängen.

Notwehr, sagt die 26-Jährige - Sarbandi habe sie vergewaltigen wollen.

Das Urteil sollte Ende September vollstreckt werden, doch die iranische Justiz verschob die Hinrichtung - wohl auch angesichts der internationalen Proteste gegen das Urteil. Pakravan hat ein wenig Zeit gewonnen, das Leben ihrer Tochter zu retten.

SPIEGEL ONLINE konnte Kontakt zu der 51-Jährigen aus Teheran aufnehmen und über eine Dolmetscherin anderthalb Stunden mit ihr sprechen. Manche von Pakravans Aussagen sind schwer nachzuprüfen, decken sich aber mit den Informationen, die etwa Amnesty International, die EU, das US-Außenministerium und die Vereinten Nationen zum Fall Jabbari zusammengetragen haben. All diese Institutionen haben Iran aufgefordert, das Urteil aufzuheben.

Jabbaris Rettung könnte ausgerechnet von Sarbandis Angehörigen ausgehen. Wenn sie der 26-Jährigen vergeben, könnte sie nach iranischem Recht begnadigt werden. Dass die Familie des Toten Jabbari verzeiht, gilt aber als unwahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu Ihrer Tochter?

Pakravan: Zuletzt habe ich Reyhaneh am Sonntag vor zwei Wochen gesehen, und heute Morgen habe ich mit ihr etwa zehn Minuten telefoniert.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es ihr?

Pakravan: Den Umständen entsprechend gut, sie ist gefasst. Im Gefängnis wird Reyhaneh langsam zur Philosophin. Wir haben über die Bedeutung der Freiheit gesprochen. Sie sagte, die Freiheit sei wie eine Krone. Solange wir nicht in Gefahr sind, solange wir nicht wie sie kurz vor der Hinrichtung stehen, wissen wir nicht, dass wir sie aufhaben. Aber sobald man in einer solchen Situation ist, merkt man, dass die Krone schnell weggenommen werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine neue Entwicklung in Reyhanehs Fall?

Pakravan: Es war ein erster Hinrichtungstermin angesetzt, bei dem ist alles anders gelaufen als es üblich ist. Reyhaneh wurde plötzlich, ohne jede Vorwarnung, an einem Nachmittag mitgenommen, ohne dass man ihr sagte, worum es geht. Sie wurde in ein anderes Gefängnis gebracht und ihr wurde dort gesagt: 'Jetzt wirst du hingerichtet.' Auf internationalen Druck wurde die Hinrichtung nicht vollzogen, sondern aufgeschoben. Ein Gefängniswärter hat gesagt, so etwas habe er in 25 Jahren noch nicht erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Und seither?

Pakravan: Die vergangenen zehn, zwölf Tage waren sehr kritisch. Der iranische Justizminister Mostafa Pour-Mohammadi hatte in einem Interview gesagt, Reyhanehs Hinrichtung sei aufgeschoben, sie solle aber innerhalb dieser Frist hingerichtet werden. Man kann sich vorstellen, wie sich Reyhaneh in der Zeit gefühlt hat. In den Tagen, als die Frist ablief, sagte sie zu mir: 'Wenn heute und morgen alles normal läuft, bin ich froh - dann bin ich noch am Leben.' Aber Reyhaneh hat Angst, weil sie ohne Vorwarnung jederzeit wieder mitgenommen werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nun weiter?

Pakravan: Wir wissen es nicht, es gibt keine Signale von den Behörden. Angeblich sollte die Prüfung der Akte zu Reyhanehs Fall erst im November abgeschlossen sein. Das hat man mir und ihrem Anwalt gesagt. Und trotzdem hat man meine Tochter schon einmal zur Hinrichtung mitgenommen. Ob die Akte immer noch geprüft wird, weiß keiner. Wir haben überhaupt kein Vertrauen mehr in die iranische Justiz.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Beispiele geben?

Pakravan: Da werden Lügen erzählt. Als Reyhaneh verhaftet wurde, saß sie zwei Monate lang in einer engen, dunklen, feuchten Zelle in Einzelhaft - ohne Kontakt zu ihrer Familie oder einem Anwalt. Man hat ihr gesagt, dass die Familie sie verstoßen hat und mit ihr nichts mehr zu tun haben will, weil sie eine Mörderin ist. Sie galt sofort als schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Woran macht die Justiz das fest?

Pakravan: Zum Beispiel am Vorwurf, Reyhaneh sei ein oberflächliches Mädchen, weil sie nicht wie eine religiöse Person gekleidet war. Wir sind eine offene Familie, Reyhaneh ist ein modernes Mädchen, sie trug nicht unbedingt einen Schleier. Damit sind wir das Gegenteil der Familie von Morteza Abdolali Sarbandi (des Getöteten - d. Red.). Deren Frauen trugen alle schwarze Schleier. Es gibt viele Unstimmigkeiten in dem Fall, aber statt sachlicher Anhaltspunkte zieht das Gericht solche Dinge in Betracht.

SPIEGEL ONLINE: Hoffen Sie auf internationale Hilfe?

Pakravan: Ich hoffe auf die Menschen. Ich glaube daran, dass sie sich in Reyhanehs Lage und in die Lage unserer Familie versetzen können. Hoffnung auf Hilfe durch Organisationen oder Regierung habe ich nicht - Reyhanehs Fall ist nicht politisch.

SPIEGEL ONLINE: Seit rund sieben Jahren ist Reyhaneh in Haft. Haben Sie noch Hoffnung, dass sie irgendwann freikommt?

Pakravan: Man lebt, weil man Hoffnung hat. Ich werde immer hoffen, dass Reyhaneh freikommt. Um diese Hoffnung wahr werden zu lassen, werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Es gab Situationen, in denen wir nächtelang nicht geschlafen, geweint, uns allein gefühlt haben. Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig. Aber wir sind stärker geworden.

Todestrafe weltweit: Urteile und Hinrichtungen 2013

Sie können auf die eingefärbten Länder klicken, um mehr über die Situation in den jeweiligen Staaten zu erfahren.

Anmerkung: Folgende Länder, die die Todesstrafe anwenden, werden nicht dargestellt: Antigua und Barbuda, Barbados, Dominica, die Malediven, die Komoren, St. Kitts und Nevis, St. Vincent und die Grenadinen, Singapur und Tonga. Auf Barbados wurde 2013 eine Person zum Tode verurteilt.

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insgesamt 12 Beiträge
kritiker105 11.10.2014
1.
Sowas geschieht auch oft in saudi arabien oder katar… in saufi arabien duerfen frauen nicht mal auto fahren aber das sind unsere verbuendete deshalb gibts darueber auch nur selten artikel…desto öfter ich die nachrichten [...]
Sowas geschieht auch oft in saudi arabien oder katar… in saufi arabien duerfen frauen nicht mal auto fahren aber das sind unsere verbuendete deshalb gibts darueber auch nur selten artikel…desto öfter ich die nachrichten verfolge desto mehr merkt man wieso weshalb zu einem zeitpunkt artikel erscheinen und somit die oeffentliche meinung bildet…ein schelm wer was böses denkt
von_scheifer 11.10.2014
2. Das ist doch kein Argument
"Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig" Was interessiert das in diesem Fall? Es geht um das Leben ihrer Tochter und nicht um ihre Befindlichkeit.
"Manchmal wurde ich vor Angst fast ohnmächtig" Was interessiert das in diesem Fall? Es geht um das Leben ihrer Tochter und nicht um ihre Befindlichkeit.
alfredoneuman 11.10.2014
3.
Saudi Arabien gibt im Gegensatz zum Iran nicht vor eine blühende Demokratie sei. Im Falle Irans provoziert die gewaltige Diskrepanz zwischen Schein und Sein zum genauen Hinschauen. Der Verschwörungstheoretiker findet immer [...]
Zitat von kritiker105Sowas geschieht auch oft in saudi arabien oder katar… in saufi arabien duerfen frauen nicht mal auto fahren aber das sind unsere verbuendete deshalb gibts darueber auch nur selten artikel…desto öfter ich die nachrichten verfolge desto mehr merkt man wieso weshalb zu einem zeitpunkt artikel erscheinen und somit die oeffentliche meinung bildet…ein schelm wer was böses denkt
Saudi Arabien gibt im Gegensatz zum Iran nicht vor eine blühende Demokratie sei. Im Falle Irans provoziert die gewaltige Diskrepanz zwischen Schein und Sein zum genauen Hinschauen. Der Verschwörungstheoretiker findet immer einen passenden Zeitpunkt.
mitverlaub 11.10.2014
4. Den größten Fehler,
den der Westen jemals gemacht hat war, Ajatolla Chomeny Asyl zu gewähren und ihn später nach Persien ausreisen zu lassen. Damit fing das gesamte islamistische Elend an. Dieser Ajatolla hat damals schon mehr Menschen in kurzer [...]
den der Westen jemals gemacht hat war, Ajatolla Chomeny Asyl zu gewähren und ihn später nach Persien ausreisen zu lassen. Damit fing das gesamte islamistische Elend an. Dieser Ajatolla hat damals schon mehr Menschen in kurzer Zeit umbringen lassen, als der Schah in seiner ganzen Kaiserzeit. Der gesamte Westen hat geschlafen und schläft jetzt weiter, obwohl sich die IS-Verbrecher in mehreren Ländern durchgesetzt und die Trojaner in allen Teilen der Welt etabliert haben, die warten nur noch auf ihr Kommando. Wahrscheinlich wacht der Westen erst auf, wenn die eigenen Politiker bedroht sind und die ersten Anschläge gemacht wurden. Unsere sogenannten Volksvertreter haben uns, das Volk, verraten, denn wir wissen schon lange um die islamistische Gefahr, aber wir sind ja alle islamophob oder rechtsradikal.
balancingmind 11.10.2014
5. Nein ein Argument...
...ist das nicht von_schleifer! Als solches dürfte die Aussage auch nicht gemeint sein! Es handelt sich - für den verständigen Leser erkennbar - um eine reine Gefühlsschilderung einer über die Lage ihrer Tochter schier [...]
...ist das nicht von_schleifer! Als solches dürfte die Aussage auch nicht gemeint sein! Es handelt sich - für den verständigen Leser erkennbar - um eine reine Gefühlsschilderung einer über die Lage ihrer Tochter schier verzweifelten Mutter.

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Wie Menschen hingerichtet werden

Giftspritze
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.

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